Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-04-04 · Heft 14 (4.4.1889) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 14 (4.4.1889)
Date
1889-04-04
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227771-3227786--46093-3265637
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Allgemeine Zeitung des Iudenthums. Cm mi-arteiWes Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Durch Buchhandel oder Post bezogen Preis Vierteljahr!. 3 M., direct von der Expedition in Leipzig unter Streifband 3,50 M. Herausgegeben von Rabbiner I)r. Kubniig Philipp son in Dann. Krpedrtron: Leipzig, Kospitakstraße 2. In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an vr. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 3JL) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 53. Jahrgang. Leipzig, den 4. April 1889. Nr. 14. Jahelt, Leitende Artikel: Zur Sittenlehre des Judenthums. — Der Antisemitismus. — Jugend-Bibliotheken. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, München, Stuttgart, Leipzig, Ratibor. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Pest. — Frankreich: Paris. — Rußland: Kiew. — Bonn: Notizen. — Pest: Historische Notiz. — Feuilleton: Feste und Pilgerfahrten orientalischer Juden. Bonn, 31. März. Zur Zittenlehre des Iudenthums. Zu allen Zeiten lag es in der Natur und in der Aufgabe des Judenthums, das Ursprüngliche und Eigenthümliche in ihm zu bewahren und in analoger Weise zu bearbeiten. Immerhin traten dann und wann Perioden ein, wo die Lehrer des Judenthums sich nach den gangbaren Ideen der Zeit umsahen, nach den philosophischen und wissenschaftlichen Ergebnissen, um sie verstehen zu lernen und mit den Lehren des Judenthnms selbst auszugleichen, wo nicht zu verschmelzen. Wir brauchen nur an Philo den Alexandriner zu erinnern, der nicht blos platonisirte, sondern auch die Methode und den Jdeengang seiner alexandrinischen Zeitgenossen in sich ausgenommen und daraus seine phantastische Exegese gestaltete; an Maimonides, der dem Aristoteles Gefolgschaft leistete; an Mendelssohn, der die zwischen Leibnitz und Kant in Deutschland vorherrschende Denkweise am deutlichsten kundgiebt. Es wirkte dies stets belebend, verjüngend und bereichernd auf das Judenthum; dennoch war dieses stets bemüht, was ihm Fremdartiges, seinem Wesen nicht Zusagendes auf diesem Wege zugetragen worden, wieder von sich zu entfernen. Seitdem nun die Juden an dem allgemeinen Culturleben den vollsten Antheil zu nehmen begannen, war es natürlich, daß dieser Ausblick auf die Gestaltung der Ideen, auf Wissenschaft und Systematik ein kräftiger und umfassender wurde, um so mehr, als man an eine neue, bald auch wissenschaftliche und systematische Bearbeitung des so lange vernachlässigten Lehr- und Gedankeninhaltes unserer Religion zu gehen sich gedrungen fühlte. Man neigte sich dahin, den Gebilden auf den anderen religiösen und confessionellen Gebieten sich anzuschließen und das dort Gefundene und Geschaffene anzueignen. Wir finden dies natürlich und nützlich, denn eine wirkliche Neubearbeitung unserer Lehre nach den Bedürfnissen und Richtungen unserer Zeit konnte ohnedem nicht hergestellt werden. Das stabile Judenthum der letztverflossenen Jahrhunderte hatte sich zu weit von aller geistigen Bewegung und Entwickelung gehalten, war zu sehr in äußerlichen Formalismus versunken, als daß wir ohne Kenntnißnahme des allgemeinen Geistes und ohne Nacheiferung auf den von diesem eingeschlagenen Wegen zu irgend einem Erfolge hätten kommen können. Gerade deshalb ist es aber nothwendig, daß wir des eigenthümlicheu Wesens unserer Lehre nicht vergessen, daß wir dasselbe mitten in dem fast stürmischen Treiben des heutigen allgemeinen Geistes fest im Auge behalten und in unseren Arbeiten in Kern und Form Wiedererstehen lassen. Wir finden diese Mahnung insbesondere bezüglich der jüdischen Sittenlehre am Platze und möchten sie mit allem Nachdrucke denjenigen ans Herz legen, welche sich mit derselben beschäftigen. Zwei Momente sind es, die uns hier in der neueren Zeit als vernachlässigt und außer Betracht gelassen ausgefallen sind. Das erste und vielleicht wichtigste ist, daß man nach dem Vorbilde auf anderen Gebieten auch für das Judenthum die Sittenlehre als selbständig, für sich bestehend und 14

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.