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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-03-28 · Heft 13 (28.3.1889) · p. Seite 202

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 13 (28.3.1889)
Date
1889-03-28
Page
Seite 202 (sequence 14)
Language
German
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202 mir hierbei ein Mann in unsrer Stadt vor, der zu obiger Zeichnung gleichsam als Modell gesessen und ein eigener Vorfall kommt mir in die Erinnerung. Der Vorstand und die Repräsentanten waren zu einer Sitzung versammelt. Es galt, zwischen zwei Plätzen für den Neubau der Synagoge zu wählen. Alsbald spaltete sich die Versammlung in zwei Parteien, indem die eine für den einen, die andere für den andern Platz stimmte. Es entstand eine lebhafte, sogar heftige Diskussion; jede Partei trug ihre Gründe für den von ihr begünstigten Platz vor und suchte die Argumente der anderen zu widerlegen, sogar zu verspotten. Man blieb hart' nackig bei seiner Meinung und nach stundenlanger Verhandlung sah man noch kein Ende ab; auch wie etwa zukünftig die Differenz auszugleichen wäre, war nicht abzusehen. Unser Mann hatte dem Streite ruhig angewohnt und sich wie gewöhnlich schweigsam verhalten. Da bat er um das Wort und in seiner gemessenen Weise sagte er: Meine Herren, Sie werden die Sache nicht zu Ende führen und zum Schluß werden wir keine Synagoge erhalten, die doch unumgänglich nothwendig ist. So schlage ich Ihnen vor, berufen Sie sämmtliche stimmberechtigte Mitglieder der Gesellschaft und diese sollen die Wahl treffen. Tie Synagoge wird für die Gemeinde gebaut und diese hat die Kosten zu tragen. Sie weiß auch am besten, welcher Platz für die Mehrheit der geeignetste und bequemste ist. Auch wird sich dann die Partei der entgegengesetzten Ansicht unter Ihnen am leichtesten in den Beschluß fügen können. — Der Mann hatte mit seiner einfachen Rede das allein Richtige getroffen und es Jedermann einsichtlich gemacht. So geschah es denn auch. IV. Und nun noch Eines, aber dieses Eine ist Alles. Wahret euch, daß ihr die Liebe in euren Herzen habet und pfleget. Denn wo sie ist, ist auch in den Kammern eurer Seelen das rechte Licht und die wahre Wärme, und wenn ihr der Liebe folget, so erfüllet ihr das höchste, ja das ganze Gebot Gottes. Ist sie aber geschwunden aus eureu Seelen, so fehlet euch in ihnen der Altar des reinen Göttlichen, und alle Weisheit und Klugheit vermag euch nicht aus dem Staube der (Srbe1 zu erheben. Alle Lehren, Vorschriften und Mahnungen, wenn' sie die rechten sind, können auch nur dahin führen: die Liebe in euch zu wahren und zu pflegen. | Nachtrag. Die Gemeinderathswahlen in Wien. Wie wir schon oben berichtet, haben bei den Ergänzungswahlen für den Wiener Gemeinderath die Antisemiten einen bedeutenden Sieg errungen, indem sie den Liberalen zwei, den Demokraten neun Sitze abgewonnen. Wie dies zugegangen, schildert folgende Correspondenz der „Voss. Ztg." am besten. Die Antisemiten haben für sie gestimmt und werden schon wissen, warum. Da die Antisemiten bisher schon 14 Mitglieder im Gemeinderath hatten, so sind sie jetzt zu einer Fraction herangewachsen, die, wenn Meinungsverschiedenheiten obwalten, leicht den Ausschlag geben kann. Am härtesten betroffen ist durch dies Wahlresultat die demokratische Partei, deren Kandidaten sämmtlich unterlagen. So rächte sich an den Demokraten ihre wilde Opposition im Gemeinderathe, ihre Agitation gegen die Liberalen anläßlich der Reichsrathswahlen. Damals liebäugelten die Demokraten mit dem Antisemitismus, der sie heute verschlingt. Ein Hauptagitator der wilden demokratischen Opposition im Gemeinderathe, Dr. Mandl, unterlag bei der vorgestrigen Wahl im dritten Bezirke gegen einen Antisemiten. Mandl terrorisirte ein Jahrzehnt hindurch den Gemeinderath und war der Erste, welcher den rohesten Wirthshauston, die Verleumdung, die Korruptions-Riecherei in die Versammlung hineinbrachte. Mandl ist Jude und darum mußte er beseitigt werden, wozu seine besten früheren Freunde beitrugen, so vr. Lueger, der sich rechtzeitig zu den Antisemiten hinüberrettete, um — von diesen getragen — Reichsrathsabgeordneter und später einmal vielleicht auch Bürgermeister zu werden! Die kleinen Leute ahnen noch gar nicht, daß sie einigen Strebern und den — Klerikalen dienen. Die Geistlichen arbeiteten mit aller Kraft für die antisemitischen Kandidaten. Die Klerikalen wissen auch, warum sie dies thun. Ein antisemitischer Gemeinderath würde ihnen die Schule ausliefern, was der gegenwärtige Gemeinderath eben nicht will. Anstatt der goldenen Zeit, welche die kleinen Leute erhoffen, würde dann eine Epoche des schwarzen Regiments kommen. Angesichts dieser Entwicklung der Dinge kann man den Liberalen den Vorwurf nicht ersparen, daß sie die antisemitische Bewegung in ihre» Anfängen unterschätzten und auch dann noch in ihrer Gleichgiltigkeit und Siegeszuversicht veiharrte», als diese Bewegung ihnen über den Kopf wuchs. Die deutschliberalen Führer haben keine Fühlung mit den breiten Massen der Wählerschaft. Sie sind zu vornehm, um zum Volke hinabzusteigen; sie wollen nur im Parlamente sprechen oder in Vereinen, wo sich die Elite der Bürgerschaft zusammenfindet oder, ins Gemeinderäthliche übertragen: die Wähler des ersten, höchstens noch des zweiten Wahlkörpers Chlumecky und Plener, Sueß und Exner und wie sie Alle heißen, die in letzter Stunde der liberalen Gemeinderathspartei zu Hilfe eilten, eine Wählerversammlung einberiefen und de» Wahlaufruf Unterzeichneten, glaubten damit das Aeußerste gethan zu haben; vorgestern saßen sie im Parlamente, während draußen die Wahlschlacht tobte. Die Herren Lueger, Pattai u. s. w. waren inzwischen in ihren Bezirken,

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