Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 13 (28.3.1889)
- Date
- 1889-03-28
- Page
- Seite 203 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3227771-3227785--46090-3265633- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
203 um ihre Gesinnungsgenossen anzufeuern, zur Wahlurne zu treiben, die Schwankenden zu sich hinüberzuziehen, die Furchtsamen einzuschüchtern. Giskra, Mühlfeldt und wie die Wiener Größen des Schmerling'schen Reichsrathes hießen, stiegen zum Volke herab und begeisterten die Wähler durch ihre Reden. Das machen ihnen die antisemitischen Agitatoren nach, während die Deutschliberalen müßig die Hände in den Schooß legen, sich scheu vor den kleinen Wählern zurückziehen, als könnte die Berührung mit dem kleinen Mann ihrem Ansehen schaden. Diese Lässigkeit rächte sich vorgestern und wird noch weitere Folgen haben. Dieser Vorgang ist höchst bedauerlich. Er zeigt, daß in der Masse der Wiener Bevölkerung der Liberalismus und die Demokratie den Boden verloren, und dafür wüste Leidenschaften und gefährliche Verblendung Platz gefunden haben. Der Erfolg ist aber nicht blos den antisemitischen Agitatoren, sondern noch in größerem Maße dem Wühlen des katholischen ' Klerus und den glänzenden Versprechungen zu verdanken, welche den Zünftern und Kteingewerbhändlern gemacht worden sind. Jndeß ist die Sache noch nicht so schlimm,! wie sie von den schwer betroffenen Liberalen und den jubeln-' den Antisemiten angesehen wird. Der zweite und erste Wahl- - körper gehören den Liberalen und können da höchstens noch! mehrere Antisemiten hineinschlüpfen. Die Zahl der Gemeinde-' rathsmitglieder ist 120 und die Antisemiten sind zu etwa 26 : angeschwollen. Andrerseits werden die Liberalen in diesen Verlusten eine Lehre finden; sie werden erwachen und sich zu; Energie und Thatkraft aufraffen. Nicht selten schon hat! eine Niederlage zu einem späteren Siege verholfen. Das j walte Gott! Sehr richtig ist die Bemerkung des obigen Correj spondenten, daß der Antisemitismus sein Wachsthum der an-! fänglichen Begünstigung, die er bei Liberalen und Demokraten! gefunden, verdankte und der nun so zu einer Macht herauf-! gewachsen jene bedroht, die ihm ruhig zusahen oder ihn gar förderten. Dies erfährt man ja jetzt auch an anderer Stelle, wo der Antisemitismus nicht mit dem katholischen Ultramontanismus, sondern mit der evangelischen Orthodoxie einen Bund geschlossen. Hat jener Geselle erst Boden gefaßt, dann läßt er sich nicht mit bloßem Stirnrunzeln und Dräuen abschütteln. Allerdings verliert der Antisemitismus an seiner gegen die Juden gerichteten Spitze, wenn er erst in die breiten Wege der Reaktion eingegangen. Doch jedenfalls verdunkelt sich der Horizont und läßt schwere zerrüttende Kämpfe voraussehen. Tie neuesten Nachrichten lauten: Wien, 21. März. Bei den heutigen Gemeinderathswahlen aus dem zweiten Wahlkörper eroberten von zwölf Mandaten die Antisemiten vier Mandate. Sogar in der innern Stadt wurde der Antisemit Obermeßner Hostnig gewählt, ferner zwei im Bezirk Landstraße und einer in Mariahilf. Im Befirk Landstraße unterlag der bekannte deutschliberale Landtagsabgeordnete Grübl, welcher durch viele Jahre diesen Bezirk im Gemeinderathe vertrat. In Wieden ist engere Wahl nothwendig. In den übrigen Bezirken wurden sieben Liberale gewählt. Die Wahlbetheiligung war sehr stark. Fast alle Beamte und Lehrer wählten antisemitisch. — Es ist nicht zu übersehen, daß bei diesem Stande der Dinge das Beispiel der Hauptstadt sehr nachtheilig auf die Provinzen wirken und eine recht schwüle Atmosphäre für unsre Glaubensgenossen erwirken könne. Man wird nun abwarten müssen, welches Verhalten die maßgebenden Kreise und das ganze gebildete Publikum diesen Auswüchsen gegenüber einschlagen werde. Man hat in einem politischen Blatte die Bemerkung gemacht, daß man diese Wahlwuth nicht als maßgebend für die wirkliche Gesinnung annehmen dürfe, und jenen Vorgang in Paris damit verglichen, wo 240,000 Wähler für Boulanger als Abgeordneten stimmten, deren Mehrzahl gewiß nicht Boulanger's Diktatur wollten, sondern nur aus Opposition gegen die herrschenden Kreise so gestimmt haben. Dies bleibt so lange Muthmaßung, als es noch nicht zu Thatsachen gekommen ist. Für die hiesige Gemeinde wird ein Gemeindediener, der in vorkommenden Fällen den Canto r vertreten kann, gesucht. sLalb90 Köln, den 20. März 1889. Der Vorstand der Stznagogen-Gemeinde. J. de Jonge. Pferdehändler, welche einen Makler für Belgien suchen, können sich melden. fI.190 Briefe franko p08te r^taate Anbei (Belgien) motto H. G, Anzeigen. Lehrerin-Gesuch. Eine für dus höhere Lehrfach geprüfte Lehrerin, w.lche bereits in Stellung gewesen, zu drei Mädchen im Alter von 9, 12 und 14 Jahren gesucht. Eintritt Ostern oder nach Uebereinkunft. Offerten unter Beifügung von Zeugnissen unter J. II. 8324 an Rudolf Mosse, Berlin SW. erb. [^ö.ir>40 nna °fferirt * 1 1 A billigst ASteinderg sen., Vlotho Preislisten gratis und franco. nvL by NM offerirt in st inster Qualität 10 Pfd.fÜv 3M. Emil Ems, Rheda in Wests. -PtphyliMSta 02'l M anj vLUgKuabarK m uorr qoärZ aaq iaq uaaa;uvZ qitu aaa(jag 'L a-'j jjüjJuüjjoä's^qalj|3q uvur pruuoqv (1Hitt}pg>-qua0it£) u»iquA„mvL " MyhqnvK «