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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-03-28 · Heft 13 (28.3.1889) · p. Seite 201

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 13 (28.3.1889)
Date
1889-03-28
Page
Seite 201 (sequence 13)
Language
German
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201 einiger Sicherheit zu erraten. Da giebt uns der Ausdruck! im Auge, in den Gesichtszügen, in der ganzen Haltung und^ dem Geberdenspiel, besonders aber das Wort in Verbindung mit der Stimme, mannigfachen Aufschluß über die Gedanken und Gefühle unsres Nächsten. Aber das Wort dient ebenso oft, um die letzteren zu verschleiern als zu offenbaren, und j bei jenen übrigen Mitteln kommt es darauf an, wie weit sie j im gegebenen Falle unmittelbar oder mittelbar aus dem! Innern kommen und wie weit wir sie richtig auffassen und verstehen. Durch langen Umgang und sorgfältige Beobachtung > können wir wohl im Allgemeinen den Charakter, den Ge- ' danken- und Gefühlsgang eines Anderen kennen lernen; aber für die einzelne Stimmung, für den gerade vorherrschenden Gedanken und das gerade obwaltende Gefühl reicht dies durchaus nicht aus. Alle unsre Menschenkenntniß, auf die wir uns oft so viel zugute thun, ist trügerisch und führt uns nicht selten erst recht irre. Es steht eben eine Zwischenwand zwischen Jedem und dem Anderen, die, so lange wir auf Erden weilen, nicht vor unsren Augen niederfällt. — Diese Erkenntniß ist dazu angethan, uns vorsichtig in dem Verkehr mit unsren Mitmenschen und ganz besonders in der Beurtheilung derselben zu machen. Wir kennen die Triebfedern j ihres Sprechens und Handelns nicht, wir durchschauen die Combination nicht, aus welcher ihre jeweilige Stimmung hervorgegangen. Wohl können wir deshalb dennoch das volle Vertrauen auf diejenigen setzen, die sich uns durch lange Zeit bewährt und in mannigfachen Situationen als treu und zuverlässig erwiesen haben — wie auch das Gegentheil bei Anderrn. Aber was die einzelnen Momente im Gleichmaß der Tage und im Wechsel der Stimmung betrifft, dürfen wir nie aufhören, vor- und nachsichtig im vollsten Maße zu sein, weil wir uns auf eine wirkliche Kenntniß nicht stützen können. II. Es giebt eine Art Menschen, die oft falsch beurtheilt werden. Dieser und Jener unter uns hat das eigene Geschick, daß, wohin er kommt, wo er eintritt, Streit sich erhebt, er mit den Anderen in Zwist und Hader geräth. Es ist dies oft sehr bedauerlich, stört den Frieden, die Geselligkeit, selbst Festlichkeiten. Anderweitig spielen diese Streithändel sich in der Oeffentlichkeit ab, in Versammlungen, in Schriften, in Zeitungen, besonders im Jnseratentheil. Wer diesen Polemiken fern steht, mag sich daran belustigen, die Betheiligten empfinden es schwer. Man nennt solche Menschen Streithengste, und es ist nicht zu verwundern, daß man sie scheut oder gar haßt. In der Frauenwelt sagt man zanksüchtig. Jndeß ist doch unter diesen streitsüchtigen Individuen ein Unterschied zu machen. Es giebt Menschen, welche von Kindesbeinen an die Anlage in ihrem Geist haben, sobald ein Gedanke in ihm aufsteigt, eine Vorstellung vor ihn tritt, erhebt sich sofort auch der Begriff des Gegentheils. Berichtest du ihnen von etwas Schwarzem, so drängt es sich ihnen auf, ob es nicht weiß gewesen; was du ihnen als wahr insinuirst, erscheint ihnen alsbald auch in der Möglichkeit, daß es unwahr sein könne. So ergeht es ihnen auf allen Gebieten, mit historischen, metaphysischen, religiösen, politischen und sozialen Gedanken. Sie suchen unmittelbar nach Gründen, welche diesen Gegensatz stützen und beweisen könnten und den Gegner entwaffnen müßten. Dies wird in ihrer Geistessphäre zur unabwendbaren Gewohnheit und da sie selbst in sich es zurückzudrängen keine Mittel haben, ist es natürlich, daß sie sich gedrungen fühlen, ihre Meinungen auszusprechen — und Streit und Hader ist da. Sind die Gegner heftiger Natur, so wird der Zank leidenschaftlich und es endet nicht gut. — Unser Urtheil über unsre Nebenmenschen muß sich stets danach richten, inwiefern wir in der Handlungsweise derselben eine entschiedene Absicht zu erkennen vermögen, oder ob ihre Aeußerungen und ihr Verfahren ans einer natürlichen Anlage, also ohne bestimmten Zweck, ja ohne ein Bewußtsein der üblen Folgen hervorgehen. Im letzteren Falle müssen wir sie entschuldigen und ihnen gegenüber ein milderes Verhalten beobachten. Lehrt doch die Erfahrung, daß solche streitsüchtige Menschen, sobald bei ihnen eine Geistesanlage zu Grunde liegt, die sich in ihnen entwickelt hat, höchst achtbare, ehrliche, wahrheitsliebende und aufopferungsfähige Individuen sein können, welche unter den Nachtheilen ihrer Natur genug zu leiden haben. III. „Die Stillen im Lande" ist seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts keine durchaus ehrenvolle Bezeichnung. Denn man versteht darunter jene Duckmäuser, Pietisten, die das eine Auge zum Himmel gerichtet, das andere zur Erde gewendet halten, wo sie unter der heuchlerischen Maske der Religion Ansehen und Macht und das Volk zu beherrschen suchen. Doch diese sind uns fern. Wir begegnen aber im Leben Personen, die schweigsam und ruhig ihren Weg gehen, selten das Wort ergreifen und keine Rolle spielen wollen, sich vielmehr überall in bescheidenem Hintergründe halten. In der Regel erreichen sie keine besondere Höhe in ihrem Stande, erhalten sich aber redlich in bescheidenem Maße. Die meisten ihrer Bekannten halten sie für beschränkt und glauben sich erhaben über sie, weil sie sich von ihnen zurückdrängen lassen. Aber es ist dies falsch. Sehr oft besitzen sie viel Klugheit, Scharfsinu und Lebenserfahrung, gerade wie umgekehrt die Redseligen und Geschwätzigen oft die Einseitigsten und Unklugsten sind. Kommt dann die Gelegenheit und sie fühlen sich gedrungen, ihre Meinung zu äußern, so ist diese durchschlagend und die Anderen wundern sich, daß sie dieser Klarheit und Richtigkeit der Ansicht entbchrt haben. Es schwebt

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