Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 13 (28.3.1889)
- Date
- 1889-03-28
- Page
- Seite 200 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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200 wegen seines Verhaltens streng tadelte. Dieser Tadel scheint völlig unberechtigt zu sein, denn wie der „Standard" meldet, hatte vr. Adler den Arrangeuren der Demonstration schon vorher erklärt, daß die Musikkapelle und die Banner nicht in die Synagoge hineingelassen werden könnten; man solle das für die Demonstration nothwendige Geld lieber dazu verwenden, um die Hungrigen zu speisen. Derselben Quelle zufolge verlief das Meeting in völliger Ordnung. (Diesem, nach englischem Muster hergestellten Zuge lag die Nvth zu Grunde. Sonst aber ist den Polnisch-russischen Emigranten doch zu rathen, die ihnen an ihren neuen Heimstätten gebotene Freiheit nicht zu mißbrauchen. In Paris mußte wiederholt polizeiliche Hilfe gegen sie angerufen werden, da sie das Bureau des Wohlthätigkeitscomitös zu stürmen begannen. Nur durch ein bescheidenes Benehmen können sie sich die dauernde Theilnahme ihrer Glaubensgenossen sichern.) Amerika. New-Nork, im März. Die Erwerbssucht und der Erwerbsmangel bringt in unsrer Zeit die mannigfaltigsten Speculationen hervor. So ist es erklärlich, daß der Antisemitismus auch hier zu Lande einen Versuch macht, Geld zu verdienen und deshalb eine antisemitische Buchhandlung unter dem klingenden Namen Minerva Publishing Company zu gründen. Sie hat bereits drei Brandschriften veröffentlicht, die nach Aankee-Art Alles übertreffen, was bisher dagewesen. Daß ihr Schicksal nach einiger Zeit dasselbe sein wird, welches gleiche Unternehmungen in Berlin, Leipzig und anderswo gehabt, läßt sich voraussetzen. Die erste Schrift wegen ihrer Neuheit und des für einen Theil des Publikums prickelnden Inhalts hat guten Absatz, die zweite weniger, denn man weiß schon, was darin steht, mit der dritten schließt sich die Bude, deren Inhaber ja nichts zu verlieren hatten. Endlich ist der Amerikaner doch vernünftig genug, um zu begreifen, daß der 200. Theil der Bevölkerung die 199 übrigen Theile nicht wirklich schädigen kann; er lacht, und die Sache ist zu Ende. New-Bork, 5. März. Angefeuert durch die Erfolge des deutschen Emigrantenhauses und anderer ähnlicher Anstalten, wo für protestantische und katholische Einwanderer nach ihrer Ankunft hier bestens gesorgt wird, haben eine Anzahl Israeliten sich zur Gründung eines Heims für israelitische Einwanderer vereinigt. Die zu diesem Zwecke vor Kurzem ins Leben gerufene Gesellschaft, die „Hebrew Emigrant House Association" hat das mit den nöthigen Einrichtungen versehene Haus Nr. 141 Cedar Str. übernommen und bereits den Betrieb begonnen. In diesem Hause werden, wie es in einem von der Gesellschaft ausgegebenen Circular heißt, zahlungsfähige jüdische Einwanderer gegen mäßige Preise, unbemittelte gratis Aufnahme finden und ihnen in jeder Weise Beistand geleistet werden. Bonn, 24. März. (Notizen.) Aus München wird geschrieben: Hofkapellmeister Herm. Levi erhielt den Titel eines „General-Directors der königl. Hofkapelle. (Herr Levi, Sohn des Rabbiners vr. Levi in Gießen, ist der zweite Israelit, der durch den Titel Generalmusikdirektor ausgezeichnet wird; der erste war Meyerbeer). — Man schreibt uns aus Pest: Der Lemberger Rabbiner und Prediger, Herr Bernhard Löwenstein, ist nach einem heute hier eingetroffenen Telegramme im Alter von 70 Jahren heute verschieden. Löwenstein war mehrere Jahre Schuldirektor und Prediger in Lipto Szt Miklos, wohin ihn der Red. dieser Zeitung empfohlen hatte; später kam er nach Lemberg, wo er 28 Jahre wirkte und in großer Achtung stand. Er war ein gewandterPrediger und nicht ohne poetischeBegabung; eine Sammlung Gedichte religiösen, didaktischen und lyrischen Inhalts erschien von ihm im Jahre 1862. Biele noch ungedruckte poetische Bearbeitungen finden sich in seinem Nachlasse. — In diesen Tagen verschied Herr Amödse Valabrtzgue, Präsident des Gerichtshofes in Avignon, ehemaliger Präsident des israelitischen Consistoriums von Marseille. Näheres in nächster Nr. IjeuilLeton. Lebenserfahrungen. i.! inniger Liebe mit uns verbunden sind. Der Schöpfer des j Menschengeistes hat diesen mit einem dichten Schleier um* | woben, den derselbe selbst nur bisweilen in etwas zu lüften Eines ist es, was wir wenig beachten, was Vielen nicht | vermag und zwar um so weniger, als ein großer Theil dessen, klar oder gar nicht bewußt ist, nämlich: daß Niemand im! was in unsrer Seele vorgeht, uns selbst unbewußt bleibt, so Stande ist, in die Seele eines Anderen zu schauen, zu gewahren, was darin vorgeht, was er denkt und fühlt. Wir vermögen dies selbst nicht bei denjenigen, die in reiner und schnell ist die Bewegung und in solchem Halbdunkel geschieht sie. Allerdings haben wir einige Mittel, die Gedanken und Gefühle unsres Nebenmenschen zu erkennen oder doch mit