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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-03-28 · Heft 13 (28.3.1889) · p. Seite 199

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 13 (28.3.1889)
Date
1889-03-28
Page
Seite 199 (sequence 11)
Language
German
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199 elitischen Consistorien Frankreichs abhold geäußert habe. Es ist dies gewiß nur theilweise der Fall. Denn ich ziehe diese von Napoleon I. hergestellte und von königlichen Ordonnanzen ausgestaltete Institution, deren Kosten noch dazu der Staat selbst trägt, jener Zersplitterung vor, in welcher wir in anderen Staaten die jüdischen Gemeinden erblicken, so daß keine Instanz besteht, von welcher sie sich Raths erholen und namentlich die kleineren Gemeinden in ihren Nöthen einige Hilfe erwarten können. Trotzdem kann ich diesen französischen Consistorien den Vorwurf nicht ersparen, daß sie ihre Stellung zum Besten des Judenthums durchaus nicht benutzt haben und nirgends die Belebung des Judenthums und die Anfeuerung seiner Bekenner erstrebten. Es ist leicht, über den sich verbreitenden Jndifferentismus zu klagen und sich in den Schmollwinkel zurückzuziehen. Aber ihn angestrengt zu bekämpfen und die Quellen des Glaubens und der Glaubenstreue stets offen zu erhalten, ist eine andere Sache. Zum Erweise will ich nur das Eine anführen, daß wir noch keine Uebersetzung der h. Schrift in französischer Sprache besitzen, daß also die Masse, die Schulen und besonders der Religionsunterricht einer solchen gänzlich entbehren. Entbehrlich ist sie aber in unserer Zeit, wo die Kenntniß des hebräischen Textes fast ganz vernachlässigt wird, gewiß nicht. Was ist das Judenthum ohne Bibelkenntniß? Allerdings existirt die Ausgabe der h. Schrift mit Uebersetzung und kurzem Commentar von S. Cahen; sie ist aber ein weitläufiges Werk in 14 Bänden (Paris 1832—46) mit starkem Anhang von zum Theil sehr werthvollen Abhandlungen, z. B. von S. Munk. Aber diese Beschaffenheit nimmt ihr für das große Publicum und die Schulen alle Brauchbarkeit und außerdem ist sie längst vergriffen. Gewiß wäre es die Pflicht der Consistorien gewesen, längst diese Lücke auszufüllen und es den Heranwachsenden Generationen möglich zu machen, mit der Bibel vertraut zu werden. Ein nicht zutreffender Einwand wäre, daß die Zahl der französischen Juden für ein solches Werk zu klein sei. Bis 1870 war ihre Zahl groß genug, und es giebt reiche Juden genug, die ein solches Unternehmen unterstützen würden. Dies zeigt sich an der Entwickelung, welche die Usvua äss Ltuäss zrüvs8 gewonnen hat. Ein Gegenbeispiel zeigt uns die nordamerikanische Union. Da erschien schon 1852, als noch kaum 60,000 Juden daselbst lebten, eine schön ausgestattete Uebersetzung nach der Philippson'schen von Jsaac, und es folgten seitdem mehrere. Dann sind auch nicht die Nebenländer zu übersehen, in welchen die französische Sprache vorwaltet, z. B. Belgien, die bis jetzt an demselben Mangel leiden. In den Orientschulen der Alliance wird die französische Sprache eifrig betrieben, und gewiß würde auch für diese eine französische Uebersetzung der Bibel eine werthvolle Gabe sein, wenn auch in denselben das Hebräische noch stark betrieben wird. In den ca. 80 Jahren ihres Bestehens hätten die Consistorien, sowohl die Herren Großrabbiner als die Laienmitglieder, für dieses dringende Bedürfniß wohl sorgen und die nöthigen Mittel beschaffen können. Schweiz. Bern, 18. März. Man wird sich erinnern, daß in der Schweiz zuerst der dortige Thierschutzverein gegen das rituelle Schächten agitirte. Damals wurden durch die Bemühung des Dr. Kayserling, zur Zeit Rabbiner in Lengenau, von den bedeutendsten europäischen Autoritäten, theoretischen wie Praktischen, Gutachten eingeholt, welche sich sämmtlich zu Gunsten der rituellen Schächtmethode erklärten. Der schweizerische Thierschutzverein stützte sich aber auf seine eigene Autorität und reichte bei dem Bundesrath ein Gesuch ein, das Schächten zu verbieten. Der Bundesrath wies dieses Gesuch ab. Aber auch hiermit giebt jener sich nicht zur Ruhe. Die F. Z. berichtet: „Der schweizerische Thierschutzverein, welcher kürzlich in Aarau versammelt war, hat sich gegen das Schächten der Israeliten ausgesprochen, wie dasselbe gegenwärtig bestehe. Er will es zulassen, wenn zuvor eine Betäubung des Schlachtthieres erfolge. Sollte der Bundesrath eine Maßnahme in diesem Sinne nicht treffen wollen, so ist die Sammlung von 50,000 Unterschriften in Aussicht genommen, ein offenbar zu großartiger Plan. Man muß wünschen, daß da ein Ausweg gefunden und uns jeder Anlaß zu einer Bewegung, in welche sich der Antisemitismus mischen würde, erspart werde." — Großbritannien. London, 18. März. Die beschäftigungslosen jüdischen Schneidergesellen im Ostend Londons — es sollen um Whitechapel gegen 6000 jüdische Schneider beschäftigt sein — veranstalteten am Samstag eine Kundgebung gegen das sogenannte „Schwitzsystem". Ein langer, aus ungefähr 500 Personen bestehender Zug, welchem eine schwarze Fahne mit der Inschrift „Jüdische Beschäftigungslose und Opfer des Schwitzsystems" vorangetragen wurde, bewegte sich unter den Klängen der Marseillaise nach der großen Synagoge in Dukestreet, in der Erwartung, daß der Rabbiner Dr. Hermann Adler eine Predigt gegen das Schwitzsystem halten würde. Den Demonstranten wurde aber mit Ausnahme einer Abordnung von zwei Personen der Zutritt in die Synagoge verwehrt und der erwartete Protest gegen das Schwitzsystem fand nicht statt, aus dem einfachen Grunde, weil nichts der Art versprochen worden war. Die Demonstranten, größtentheils polnische und russische Juden, hielten darauf ein Meeting unter freiem Himmel ab und faßten eine Resolution, welche Dr. Adler 13*

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