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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-03-28 · Heft 13 (28.3.1889) · p. Seite 197

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 13 (28.3.1889)
Date
1889-03-28
Page
Seite 197 (sequence 9)
Language
German
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197 möglich eine ganze Classe von Mitbürgern sowie einen durch den Staat anerkannten Cultus gröblicher zu beschimpfen und sei dieses ohne jegliche Veranlassung geschehen. Was den criminalistischen Standpunkt betreffe, so könne man an der Hand der Statistik beweisen, daß die Juden verhältnißmäßig weit minder Berurtheilungen Hierlands erlitten haben wie die Christen; in Bezug auf den öconomischen Standpunkt sei zu bemerken, daß jüdische Industriellen Hunderten von katholischen Familien im Großherzogthum das tägliche Brod verschaffen; in Bezug auf den moralischen Standpunkt endlich seien die Angriffe ebensowenig gerechtfertigt, da die Juden nicht den geringsten Anreiz dazu gegeben hätten. Es sei nicht, wie die Bertheidigung behauptet habe, eine dogmatische Abhandlung, welche das „Luxemburger Wort" veröffentlicht habe, wohl aber eine Zündschnft, um den naiveren Theil der Bevölkerung gegen die Juden, welche aus den inländischen Messen und Märkten ihr Gewerbe ausüben, aufzuhetzen. Das Großherzogthum sei glücklicherweise verschont worden von den wilden Parteikämpfen, welche die Judenfrage namentlich in Deutschland und Oesterreich-Ungarn heraufbeschworen habe und sei es durchaus verwerflich und strafbar, die Brandfackel der Zwietracht auch in unserem friedlichen und toleranten Luxemburg herumzutragen. Alsdann beleuchtete Redner in längerer Ausführung den Inhalt der incriminirten Schriften und suchte seinerseits an der Hand zahlreicher Doeumente nachzuweisen: 1. daß der Talmud nur obligatorische Kraft besitzt für den Ritus und das Ceremoniel, nicht aber für die Glaubens- und Sittenlehre, 2. daß die zur Veröffentlichung gebrachten Thatsachen der Wahrheit keineswegs entsprächen. Was speciell die vom Vorredner wenig berührte Behauptung betreffe, der Talmud enthalte revolutionäre, nihilistische, anarchistische u. s. w. Grundsätze, sei durchaus falsch, da dieses Buch keine einzige Bestimmung enthalte, welche eine derartige Aussage rechtfertige; im Gegentheil sei darin zu lesen, die Lehren des Talmud müssen den Gesetzen des Staates weichen, so oft sie mit denselben in Widerspruch kämen. Die subsidiarischen Anträge der Bertheidigung werden ebenfalls von der Staatsanwalt bekämpft und zwar aus dem doppelten Grunde, daß die Ernennung von Sachverständigen im vorliegenden Falle überflüssig sei, da das Vergehen zur Genüge erwiesen sei und weil zweitens eine derartige Maßregel doch zu keinem greifbar sicheren Resultate führen könne. Nach kurzer Erwiderung seitens der Bertheidigung wurde die Sitzung gegen halb sechs Uhr geschlossen, nachdem für die Verkündigung des Urtheils Termin bestimmt worden, auf Dienstag, 26. März 3 Uhr Nachmittags. Oesterreich-Ungarn. Wien, 17. März. In der gestrigen Sitzung des Abgeordnetenhauses nahm Baron Pirquet Anlaß, gegen das ewige Geschimpfe der Antisemiten Front zu machen. Er sagte, es werde viel von Seite der Herren Antisemiten über Alles, was Jude ist, geredet. Wir haben uns daran schon gewöhnt und nehmen es immer hin, obgleich es mich auf's unangenehmste berührt. Ich finde, diese Art Antisemitismus, wie wir sie da beinahe täglich hören, ist nicht eine Beleidigung für die Juden, sie ist eine Beleidigung für uns Christen; denn es ist ein zu großes Armuthszeugniß, das uns die Herren immer geben, wenn sie sagen, daß die Juden die Welt regieren, daß sie über Alles verfügen, daß sie die bevorzugten Menschen sind. Ich muß constatiren, daß das nicht der Fall ist. Ich sehe, daß die Juden eigentlich überall noch Anstoß finden und ihnen überall noch Prügel vor die Füße geworfen werde«, trotz der Staatsgrundgesetze. Wenn heute Einer beim Militär eintritt, so ist es für ihn keine Recommandation, wenn er Jude ist, und wenn er in politische Behörden eintreten will, so hat er viele Schwierigkeiten zu überwinden. Es wurde von Doctoren gesprochen, auch da besteht kein Vorzug. Niemand ruft einen Doctor, weil dieser ein Jude ist. Am allermeisten liegt der Beweis dafür, daß die Juden noch heute vor den Kopf gestoßen werden, darin, daß in dieser Weise in öffentlichen Versammlungen, wie hier in diesem Hause ununterbrochen, ich möchte schon sagen zum Ekel aller Anderen, darüber gesprochen wird. (Beifall links.) Ich glaube, daß man über keine Nation und keine Menschenclasse in dieser Weise, und wären es auch Zigeuner oder Rastelbinder, fortwährend reden könnte, wie wir es von jener Seite immer wieder hören müssen (Sehr gut! Sehr gut! links) und ich wundere mich, daß es nicht möglich ist, dagegen aufzutreten, denn ich finde, daß die Würde des Hauses darunter leidet. (Sehr gut! Bravo! links.) Wien, 18. März. Die Antisemiten haben die Schlauheit gehabt, sich in eine heftige Opposition gegen den Gemeinderath von Wien zu werfen und dadurch einen großen Anhang in den Wiener Vorstädten zu gewinnen, bei deren ungebildeten Bewohnern die Opposition gegen eine Behörde stets großen Anklang findet. Bei den heutigen Wiener Gemeinderathswahlen aus dem dritten Wahlkörper wurden in sämmtlichen Bezirken, ausgenommen die innere Stadt und die Leopoldstadt, antisemitische Kandidaten mit großer Majorität gegen die coalirten Demokraten und Liberalen bei überaus starker Betheiligung gewählt. Hierdurch gelangen neun neue und zwei wiedergewählte Antisemiten in den Gemeinderath. — Im Abgeordnetenhause interpellirten deutschliberale Abgeordnete wegen des Verbotes eines Placates, welch' letzteres zu Gunsten des liberalen Candidaten sprach, in der 13

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