Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 13 (28.3.1889)
- Date
- 1889-03-28
- Page
- Seite 194 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227771-3227785--46081-3265624- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
194 im Besitze der Glossen zum ganzen Pentateuch zu sein. Wie aus dem Vorworte Jbn Balam's hervorgeht, hat derselbe Erklärungen zur ganzen Bibel geschrieben und außerdem noch andere Schriften verfaßt, die spurlos verloren gegangen zu sein scheinen. Ueber die Person und Lebensumstände Jbn Balam's ist wenig bekannt. Sein Geburtsjahr ist schwer zu bestimmen, Graetz nimmt 1070 bis 1100 an, während Derenbourg sich für das Jahr 1020 entscheidet. Von bedeutendem Interesse und großer Wichtigkeit sind die wenigen Zeilen, die Moses Jbn Esra in seinem Kitüb al-muhädara wa-l-mudäkara dem einer sehr vornehmen Familie entstammten Manne widmet. Wir erfahren, daß Jbn Balam in Toledo geboren wurde, später in Sevilla lebte und sich in den letzten Jahren seines Lebens auch mit rabbinischen Disciplinen (Fikh) beschäftigte. Moses Jbn Esra stellt ihn als einen „geschickten", mit einem ausgezeichneten Gedächtniß begabten, auch Poetisch veranlagten Mann dar, der sich besonders durch die Kürze und Akribie seiner Sprache auszeichnete und es wohl verstand, das Nebensächliche und „Rohe" von dem Wesentlichen und „Feinen" zu unterscheiden. Er war jedoch von einem Starrsinn und einer Unerbittlichkeit, die ihn oft zu den heftigsten Ausfällen veranlaßte und ihm häufig wegen des geringfügigsten Jrrthums die herbsten Worte in den Mund legte. Und dieses Urtheil Moses Jbn Esra's erweist sich in der That als zutreffend und gerecht. Jbn Balam spricht sich in seinen Glossen ohne Schonung und Rückhalt über die bedeutendsten Gelehrten und berühmtesten Schriftsteller aus. Der Nägid ist ein Ignorant in seinen Augen, Saadia hat keine Ahnung von dem Wesen der hebräischen Wurzel, besonders hart verfährt er aber mit seinem Zeitgenossen Jbn Gikatila, der in dem bekannten Streite zwischen Jbn Ganach und dem Nägid die Partei des letzteren ergriff, während Jbn Balam zu JbnGanüch hielt. Den einleitenden Worten Derenbourg's folgen nun die Glossen zu den ersten sechs Kapiteln Jesaja's, die in weiteren Heften fortgesetzt werden sollen und für die Exegese und deren Geschichte gewiß werthvolles Material liefern werden. So ist uns denn ivieder eine bedeutende Erscheinung näher gerückt und die Geschichte des jüdischen Geisteslebens im Mittelalter um einen interessanten Beitrag bereichert worden. II. Mit dem Aufschwung des Talmudstudiums in Spanien hatte die Pflege der hebräischen Sprache und biblischen Exegese aufgehört, und es ist kein Werk zu verzeichnen, durch das die exegetische Literatur im 12. Jahrhundert bereichert worden wäre. Die Kenntniß der hebräischen Sprache und die rationelle Schrifterklärung waren jedoch bereits Gemeingut geworden und machten ihren Einfluß sogar auf poetischem und religionsphilosophischem Gebiete geltend. Es wurde nichts Neues von Bedeutung geschaffen, aber die wissenschaftlichen Ergebnisse früherer Forschungen waren den Talmudgelehrten dieser Zeit keineswegs fremd geblieben. Eine der bedeutendsten talmudischen Autoritäten dieser Epoche war Jehuda ben Barsilai aus Barcelona, dessen Jeziracommentar erst vor einigen Jahren von S. I. Halberstamm veröffentlicht wurde. Jehuda ben Barsilai hatte die Absicht einen Commentar zur ganzen Bibel zu verfassen; ob er diesen Plan auch ausgeführt hat, kann allerdings nicht entschieden werden, seine exegetische Methode jedoch ist auch aus dem Jeziracommentar erkennbar, dem Prof. Bacher seine Charakteristik entlehnt. Jehuda ben Barsilai scheint den Werth der wissenschaftlichen, von der Tradition unabhängigen Exegese Abul-walid's und dessen Nachfolger nicht besonders hoch angeschlagen zu haben, er steht im Bann der Tradition, deren Auslegungen er stets im Auge hat und auf Schritt und Tritt anführt und benutzt. Die von den klassischen Exegeten der spanischen Periode gezogene Scheidelinie zwischen Peschat und Derascha wird von ihm nicht berücksichtigt, sein System ist das der Darschanim, die dem Talmud und Midrasch die Elemente ihrer Exegese entlehnen. Er ist jedoch weit entfernt, die agadischen Ueberlieferungen wörtlich zu nehmen und unterzieht dieselben einer ernsten Kritik. Er versucht schwierige Agadoth zu interpretiren und verbindet damit zugleich einen apologetischen Zweck. Er polemisirt sowohl gegen die Ketzer in der eigenen Mitte, als auch gegen die christliche Exegese, der er zum Vorwurf macht, bald allegorische Stellen wörtlich genommen, bald wieder wörtlich gemeinte Vorschriften allegorisch erklärt zu haben. Interessant ist seine Ansicht über die Prophetie. Die Offenbarungen, die den Propheten zu Theil geworden, sind die Emanation des heiligen Geistes, des ersten erschaffenen Wesens, das die heilige Schrift die „Herrlichkeit Gottes" nennt. Die „Herrlichkeit Gottes" erscheint den Propheten in sichtbarer Gestalt, in Lichterscheinungen und auch in anderer Form, je nach den Umständen und Verhältnissen, die unter den verschiedenen Propheten in Israel geherrscht. — Dies im Kurzen die von Prof. Bacher entworfene und durch zahlreiche Beispiele illustrirte Charakteristik des berühmten Jeziracommentators. III. Daß oft dieselben Anschauungen und Vorstellungen bei den verschiedensten Völkern, die nie mit einander in Berührung gekommen, heimisch sind, ist eine von Ethnographen und Völkerpsychologen längst erkannte Thatsache. Ein instructives Beispiel beleuchtet Levi in der: „Gefahr- und Unglückszeichen" überschriebenen Abhandlung. Es ist eine weit verbreitete Vorstellung, der man an zahlreichen Orten und bei den verschiedensten Volksstämmen begegnet, daß es gewisse Zeichen giebt, durch welche Verwandte oder Freunde von den Gefahren verständigt werden, die ein geliebtes Wesen