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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-03-28 · Heft 13 (28.3.1889) · p. Seite 193

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 13 (28.3.1889)
Date
1889-03-28
Page
Seite 193 (sequence 5)
Language
German
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193 grell zu Tage tritt, finden wir in dieser reclamehasten Humanität den Fehler, welchen nach den evangelischen Berichten Christus den Heuchlern vorwirft, „die Almosen geben und es vor sich Posaunen lassen, auf daß sie von den Leuten gepriesen werden" (Matthäus 6, 2), (was der Talmud in seiner Deutung des Sprüchwortes, „eine Gabe im Geheimen deckt den Zorn zu", ebenfalls sagt) und den Gegensatz zu den Worten des Paulusbriefes an die Römer: „Wer giebt, gebe einsältiglich" (12, 8), wie Luther in seiner kernigen Weise übersetzt. Nach dieser Richtung, welche der Katholicismus heute einschlägt, freuen wir uns, aus dem Munde eines Christen die Worte gehört zu haben, die der Abgeordnete von Ptener am 2. März als Antwort auf die klerikalen Aspirationen aussprach: „Die heutigen Klerikalen sind gerade die Pharisäer, gegen welche Christus hauptsächlich kämpfte." Die Parteiorgane der Klerikalen haben ihm das sehr übel genommen und da man ihn nicht zum Juden und Judenknechte machen konnte, so erklärte man, Plener wisse vom Christenthum gerade so viel, wie ein Mohamedaner, immerhin die billigste Art, Jemanden zu widerlegen. Ob wir nicht mit mehr Recht von Rohling's Kenntnissen des rabbinischeu Judenthums dasselbe behaupten könnten, lasse ich dahin gestellt, obwohl es keinem Zweifel unterliegen kann, daß ein Mohamedaner, der irgend eine europäische Sprache versteht, sich leichter über den christlichen Gedankenkreis unterrichten kann, Us ein christlicher Theologieprofessor über den Talmud, den er nicht einmal nothdürftig zu buchstabiren im Stande ist. Die Pharisäer sind ja — und das ist von aufgeklärten Christen ohne Weiteres anerkannt — in den neutestamentlichen Schriften sehr übel weggekommen. Ihre geschichtliche Bedeutung für die Fortdauer der sittlichen und religiösen Wahrheiten im Judenthum im Kampfe gegen das Mode gewordene, den Sinnen schmeichelnde, heidnische Wesen, welche sie nur durch die Beharrlichkeit in der Hebung des Gesetzes gewinnen konnten, ist hier im heftigsten Parteikampfe weder gewürdigt noch verstanden worden. Wir aber sehen, daß in verschiedenen Aussprüchen der Evangelien die äußerliche Religiosität der Pharisäer gegeißelt wird, z. B „ihr haltet die Becher und Schüsseln von außen sauber, aber euer Inneres ist voll Greuel und Bosheit" (Luc. 11, 39), und doch sehen wir noch heute dasselbe durch so und so viel stündiges Gebet, oder durch Wallfahrten nach diesem und jenem Ort, oder durch Spenden zu einem bestimmten Zweck verkündigen. Wir sehen auch, trotz der Lehre „wenn ihr den Menschen nicht vergebet, so wird euch euer Vater im Himmel nicht vergeben," in diesen Kreisen mit großem Eifer darnach suchen, wenn ein einzelner Jude sich irgend ein Vergehen hat zu Schulden kommen lassen, nicht nur gegen diesen Sünder, sondern gegen die Gesammtheit seiner Glaubens- und Bolksangehörigen Haß und Unrecht zu predigen. Mit Zöllnern und Sündern bei Tische sitzend, hat Christus ebenfalls im Gegensätze zu den Pharisäern die menschliche Selbstüberhebung gegeißelt, und heute duldet, wie Ptener sagte, ein katholischer Geistlicher nicht einmal, daß ein durchreisender protestantischer Handwerker, der in einem Dorfe gestorben ist, auf dem katholischen Friedhof begraben werde. Uns selbst sind die Hände gebunden, mit denen wir uns vertheidigen könnten, denn die bloße Abwehr der Angriffe, die auf uns von kirchlicher Seite gemacht werden, wird uns schon als Lästerung ausgelegt, während man uns ungestraft nachsagen darf, daß die jüdische Religion Verbrechen, wie Kindesmord, zu religiösen Zwecken nicht bloß gestatte, sondern sogar befehle, was doch noch ärger ist, als silberne Löffel gestohlen zu haben; wenn aber von Seiten eines gereiften Mannes, eines gemäßigten Politikers und feingebildeten Denkers, wie es |£exr von Plener ist, denen die Maske vom Gesicht gerissen! wird, „welche thun die Thaten Simris und verlangen den j Lohn des Pinechas," so dürfen wir mit den Worten unseres! Purimgebetes wohl sprechen: „Gepriesen seist Du, der richtet unfern Streit, gepriesen seist du, hilfreicher Gott." Literarischer Wochenbericht. Groß-Kanizsa, im März. Das 31. Heft (October— December 1888) der rüstig fortschreitenden Revue des Etudes juives ist vor Kurzem erschienen und verdient sein Inhalt auch weitern Kreisen zugänglich gemacht zu werden. Halevy setzt seine biblischen Forschungen fort, Loeb beendet seine Arbeit über Josef ha-Cohen und die jüdischen Chroniker, Schwab veröffentlicht die Fortsetzung des Makre Dardeke, Sidon handelt über Bedeutung und Ursprung des so vielfach und verschiedenartig erklärten Schem ha-meforasch, Lazard schreibt über die Juden der Tourraine, Josef Derenbourg und Bacher liefern werthvolle Beiträge zur Geschichte der Exegese, denen sich die gelungene Erklärung einer interessanten Talinudstelle von Lovi anschließt. Besonders die drei letzten Arbeiten sind es, denen wir unsere Aufmerksamkeit zuwenden wollen. Bis auf die jüngste Zeit war von dem vielseitig thätigen Grammatiker und Exegeten Juda b en Bilam (Balam, 0'jb2 rr-OT 12n) nichts bekannt, als dessen Arbeiten über die Accente. Drei seiner kleineren Schriften (1. über Synonyme, 2. über Denominative, 3. über Partikeln) sind in hebräischer Uebersetzung in der Nationalbibliothek zu Paris vorhanden, eine derselben ist bereits mehrfach edirt, das arabische Original hingegen bis heute nicht aufgefunden. Seine Glossen zu Num. und Deut, befinden sich in der j Bodleiana, und die kaiserliche Bibliothek zu Petersburg scheint

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