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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-03-28 · Heft 13 (28.3.1889) · p. Seite 192

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 13 (28.3.1889)
Date
1889-03-28
Page
Seite 192 (sequence 4)
Language
German
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192 sein wollen. Zu diesen gehört der Abgeordnete Lienbacher, Hofrath beim obersten Gerichtshof. Als Jurist und Redner bedeutend, gehört er zu den Intransigenten unter den Klerikalen und nimmt unter ihnen auch dadurch eine besondere Stellung ein, daß er gegen die übrigen Mitglieder der Rechten in politischen Fragen, welche die Stellung des Deutschthums betreffen, frondirt und zu den Liberalen steht. In seiner eigenen Partei nimmt er mit einem einzigen Freund dadurch eine besondere Stellung ein, daß er selbst im Gegensätze zu den Bischöfen die sofortige Erfüllung aller klerikalen Wünsche anstrebt, welche für den Augenblick die sogenannte confessionelle Schule, dann zunächst die Aufhebung der confessionellen Gleichberechtigung, kurz die Wiederherstellung jener Zustände verlangt, welche bis 1867 bestanden haben. In weiter Ferne liegt wohl das Ziel einer bewaffneten Intervention Oesterreichs zu Gunsten der Wiederherstellung des Kirchenstaates sowie manche andere Dinge, welche man erst dann klarer wird formuliren können, wenn diese „bescheidenen" Forderungen erfüllt sind. Im Gegensätze dazu will die Mehrzahl der Klerikalen auch mit dem kleinen Finger vorlieb nehmen, so lange man die ganze Hand nicht bekommen kann. Diese Majorität hat im vorigen Herbste einen katholischen Parteitag in Wien abhalten wollen, der, wie sein Patron Fürst Lichtenstein mit einer gewissen ostentativen Deutlichkeit verkündete, auf einen Wunsch von sehr hoher Seite vertagt wurde. Dieses Parlamentiren ist begreiflicher Weise nicht nach dem Wunsche der Massen, ganz besonders nicht nach dem Wunsche der Wählerversammlungen, welche gern greifbare practische Erfolge ihrer Abgeordneten sehen möchten und nicht begreifen wollen, daß in einem Staate von 40 Millionen Einwohnern nicht alles nach ihrem Kopse gehen könne. Da aber die Mehrzahl der Klerikalen mehr von practischen als principiellen Erwägungen sich leiten läßt, so ist ihnen dieser Widerspruch in ihren eigenen Reihen um so unbequemer, als er bei der hierarchischen Organisation der Kirche sonst unmöglich war und bei nüchternen Denkern gar zu leicht die Idee aufkommen lassen könnte, daß das unfehlbare Kirchenregiment auch nicht im Stande ist, alle Köpfe unter einen Hut zu bringen. Aus diesem Grunde durfte sich Lienbacher darüber beklagen, daß er von den Zeitungen der eigenen Partei in so heftiger Weise angegriffen wurde, als hätte er mindestens silberne Löffel gestohlen. Die Forderung nach der confessionellen Schule, die nicht nur von Lienbacher, sondern auch von seinem klerikalen Gegner Dr. Ebenhoch als unbedingte Forderung des katholischen Volkes hingestellt wurde, ist in ihrer Nichtigkeit schon so oft dargethan worden, daß es sich nicht verlohnt, wieder davon zu sprechen; doch das eine darf für solche Leser, welche die österreichischen Verhältnisse nicht kennen, ausdrücklich hervorgehoben werden, daß alle Forderungen, welche Windthorst im preußischen Landtage Namens des Centrums erhoben hat, in Oesterreich längst erfüllt sind. Der katholische Religionslehrer darf sein Amt nicht antreten, ehe er vom Bischof dazu ermächtigt wurde, ein Lehrbuch der Religion darf ebenfalls nur dann verwendet werden, wenn das zuständige bischöfliche Ordinariat es gestattet hat, der Religionsunter-! richt kann von dem Bischof oder seinem Vertreter jederzeit inspicirt werden und dem Religionslehrer kann der Bischof jederzeit ohne Angabe besonderer Gründe die Berechtigung zum Lehramte wieder entziehen. Nimmt man noch dazu, daß durch die im Jahre 1883 geschaffene Novelle zum Schulgesetz der Schulleiter derselben Confession angehören muß, wie die Mehrzahl der Schüler, d. h. daß er in der Regel ein Katholik sein muß, und sogar die Befähigung zum katholischen Religionsunterricht, deren Ertheilung in der Hand der kirchlichen Organe liegt, nachzuweisen hat, daß ferner die Schule verpflichtet ist, die katholischen Schüler zur Erfüllung ihrer kirchlichen Pflichten, als Anhören der Messe, Theilnahme an Beichte, Communionen und Processionen, Einhalten der Fastenverbote u. s. w. einzuhalten, so kann der Staat zur katholischen Kirche sagen: „ich habe für dich so viel gethan, daß mir zu thun nichts übrig bleibt!" Inzwischen hat man in feudalklerikalen Kreisen einen neuen Sport erfunden, der dazu dienen soll, die Lehre, daß die Kirche allein der Sitz wahrer Humanität sei, verbreiten zu helfen. Ein Fürst Alfred Wrede, ein junger Mann von 22 Jahren, hat in sich den Beruf entdeckt, die durch die deutsche Colonialpolitik neuerdings ans Tageslicht gezogene Tyrannei des Sclavenhandels zu bekämpfen, und der Nikolsburger Papst Landsteiner, früher in Wien Präsident des! Thierschutzvereins, hat sich durch Anwerben von Mitgliedern! für einen Antisclavenverein um die Sache verdient gemacht. Obwohl nun neulich Fürst Bismarck erklärt hat, die Sclaverei sei in manchen Gegenden nicht zu entbehren, wollen wir trotzdem solchen Bestrebungen ihr Verdienst nicht aberkennen, denn die Opportunität findet sich immer da, wo eine mächtige Kaste von Mißbräuchen in der Gesellschaft ihren Nutzen zieht; anderseits ist die Thora das älteste Gesetzbuch, welches eine Einschränkung der Sclaverei angestrebt hat, in dem sie das Leben des Sclaven gegen die Willkür des Herrn schützt, und die sogar kriegsgefangene Sclaven in ihre Obsorge nimmt: „Wenn du Gefallen an ihr hast, so sollst du sie ziehen lassen nach ihrem Willen, aber nicht um Geld verkaufen, du sollst sie nicht herrisch behandeln dafür, daß du sie gedemüthigt hast" (5. Mos. 21, 14). Wir wollen auch nicht verkennen, was edle christliche Geistliche, wie der Spanier Las Casas, für die Verbesserung des Looses der Sclaven gethan haben; heute aber, wo die Lieblosigkeit der starren, dogmalischen Kirchlichkeit bei Katholiken gegen Mitglieder anderer Confessionen und ganz besonders gegen die Juden so

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