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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-03-28 · Heft 13 (28.3.1889) · p. Seite 190

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 13 (28.3.1889)
Date
1889-03-28
Page
Seite 190 (sequence 2)
Language
German
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190 den geschlagen, ergreift, um die letzten geringzähligen Gegner zu vernichten. Tief im Grunde liegt hierin ein Zeugniß, daß die Führer dieser Mehrheit sich nicht ganz sicher ihrer Sache fühlen, daß sie deshalb jedes, auch das kleinste Element des Widerspruches ausmerzen wollen, um diesen nicht etwa in ihre Reihen eindringen zu sehen. — Gerade ans dieser, in der Geschichte sich so oft wiederholenden Erscheinung gehr auch vom allgemeinen Gesichtspunkte die Nothwendigkeit, das Bedürfniß nach Minderheiten hervor. Es ist nicht blos ein persönlicher Trieb, eine individuelle Verpflichtung, seine Ueberzeugung nicht zu verleugnen, sondern die Existenz der Minderheit hat ihre volle Berechtigung dadurch, daß, wenn die Herrschaft der Mehrheit unantastbar und diese allein vollgültig wäre, die Menschheit in völligen Stillstand gerathen, die Mehrheit selbst versumpfen und eine Entwickelung unmöglich würde. Das, was dann einmal bestände, bliebe für immer und erdrückte jeden Fortschritt, jede Neugestaltung, jede Verbesserung. Auch hierfür bietet uns die Geschichte der Beispiele genug. Jede Entwickelung, jede Neugestaltung und Reform sprießt aus kleinen Keimen hervor und stößt zuerst auf allgemeinen Widerspruch. Allmätig entwickelt sich dieser Keim und sprießt unter günstigen Umständen schnell hervor; dann erfaßt der neue. Gedanke die bedeutendsten Geister, schließt sie zu einer offenen oder geheimen Gemeinde zusammen und dringt an das Tageslicht. Wenn also das Recht und die Pflicht der Minderheit, für ihren Bestand einzutreten und zu sorgen, erwiesen ist, so fragt es sich, welche sind die Forderungen, die sich an dieselbe, um dem zu genügen, stellen? Sie sind: Ueberzeugung, Muth und Ausdauer. Das Wesen der Minderheit, wie auch ihre ganze Daseinsbedingung, besteht in der klar erkannten Ueberzeugung, in der Erkenntniß, in der Lehre, in dem Gedanken, der sie ins Leben gerufen und dessen Verkündigung und mögliche Verwirklichung ihre Aufgabe ist.! Ohne Ueberzeugung keine Minderheit. Von ihr muß die Gesammt-; heit derselben erfüllt, voll ihr jeder Einzelne durchdrungen sein.! Sie muß dies für ihre Mission erachten, die sie für sich und! für die ganze Menschheit zu tragen und auszuführen habe; sie muß diese Mission als eine Nothweudigkeit von Innen heraus nach Außen Hill ansehen. Kein Zweifel, kein Schwanken, keine Lauheit und Gleichgültigkeit. Allerdings dienen einer seit langen Zeiten bestehenden Minorität noch andere Factoren: Abstammung, Gleichheit der Geschicke, Tradition, Familienleben, Pietät. Aber alle diese werden nach und nach hinfällig und von einströmenden feindlichen Elementen zersetzt, wenn nicht die Ueberzeugung ihnen als eigentliche Stütze, als Halt und Kern einwohnt. Und diese ist es auch, welche der kämpfenden Minderheit den Muth, den freudigen Muth einflößt, die Zuversicht, daß der Wahrheitswerth, den sie inmitten der feindlichen Menge vertritt, doch nicht blos den Bestand der Minderheit sichert, sondern auch zum Siege führt, daß trotz aller Ab- und Gegenwehr diese Erkenntniß sich immer mehr Raum schaffen und zum Allgemeingut machen werde. Die langsame Entwickelung vernünftiger Erkenntniß, die nur sehr allmälig vorschreitende Besiegung von Vorurtheilen und seit lange bestehenden Unrechten darf diese Ge-! wißheit nicht schwankend machen. Je öfter und heftiger der Kampf entbrennt, den die Minderheit zu bestehen hat, desto lebendiger muß dieser Muth iu den Herzen der Bekämpften entflammen, und die vielen überwundenen Feinde und feindlichen Angriffe müssen ihn stärken, müssen die Geister stählen. Und da wird denn dieser Muth zur Ausdauer, zur Ausdauer bis zum Märtyrerthum, auch wenn der Himmel mit Wetterwolken sich überzieht, und der Sturm tobt und die Vernichtung droht. Ja, die Ausdauer, die unerschütterliche Beständigkeit in dem gegebenen Widerstreit ist die besonderste Zierde, ist der wahrhafte Ruhm einer Minderheit. Wenn die Zeit wieder ruhiger geworden und die Verhältnisse sich wieder abgeglichen haben, dann wird es stets zur innersten Befriedigung gereichen, auch unter dem heftigsten Sturme fest gestanden und sich nicht gebeugt zu haben. Unsere Leser wissen, daß wir mit dieser kurzen Monographie der Minderheiten ganz besonders diejenige im Auge hatten, welche als die älteste und dauerhafteste zu rühmen ist, Judenthum und Jude. Diese im Auge, möge der Leser unsere Skizze noch einmal durchlesen, um die einzelnen Züge daran zu erkennen. Durch seine Lehre und sein Gesetz war das Judenthum von vornherein in der alten polytheistischen Welt zur Minderheit bestimmt. Das Alterthum nahm davon keine Notiz und kam mit dem jüdischen Stamme und Glauben nur in Berührung, wenn die Völker auf einander stießen und die großen Dynasten ihre Herrschaft ausdehnen wollten. Sobald aber die Juden nach ihrer Besiegung durch die Römer in die allgemeine Welt eintraten, erhob sich der Kampf gegen sie als Minderheit. Wir brauchen nur als einziges Beispiel den römischen Geschichtschreiber Tacitus anzuführen, um zu sehen, wie die damalige Mehrheit die jüdische Minderheit beurtheilte. Sie konnten nicht begreifen, wie in einer kleinen Körperschaft ein großer Wahrheitswerth, die eigentliche Gotteserkenntniß und das Princip der allgemeinen Menschenliebe, der ungeheuren Mehrzahl gegenüber, bestehen könne, und legten es als gerades Gegentheil aus, als Sucht, sich auszuschließen, als Menschenhaß, als religiösen Unsinn. Mit diesen wenigen Zügen hat der heidnische Geschichtsforscher das Wesen der Mehrheit und ihre Art und Weise gegen die Minderheit vollständig charakterisirt und gewissermaßen das Schema abgegeben, nach welchem die folgenden Jahrhunderte verfuhren. Aber im Gegensatz trugen die Juden unerschüttert die Ueberzeugung der Wahrheit in sich, den Muth und die Zuversicht und die daraus folgende Aus-

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