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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-03-28 · Heft 13 (28.3.1889) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 13 (28.3.1889)
Date
1889-03-28
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Allgemeine Zeitung des Iudenthums. Ein iWartciischcs Organ slir alles Wische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Durch Buchhandel oder Post bezogen Preis vierteljährl. 3 M., direct von der Expedition in Leipzig unter Streifband 3,50 M. Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Uhilippson in Hon«. Krpebitio«: Leipzig, Kospilakstraße 2. In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an vr. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 1.2 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 53. Fahrgang. Leipzig, den 28. März 1889. Nr. 13. Inhalt. Leitende Artikel: Die Minderheit. — Politische Briefe aus Oesterreich. — Literarischer Wochenbericht. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin. — Luxemburg: Luxemburg. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Pest. - Frankreich: Paris. — Schweiz: Bern. — Großbritannien: London. — Amerika: New^ork. — Bonn: Notizen. — Feuilleton: Lebenserfahrungen. — Nachtra g: Die Gemeinderathswahlen in Wien. Sicitc'n.bc ÖUfißcf. Bonn, 24. März. Die Minderheit. Tief aus dem Leben und dem Menschenherzen ruft die h. Schrift uns zu (2. Mos. 23, 2): „Folge nicht der Menge zum Bösen; zeuge nicht in einer Rechtssache, indem du dich der Menge nachneigest, das Recht beugend." Das h. Wort proclamirt mit diesen Sätzen Zweifaches, zuerst, daß die Erkenntniß des Rechtes nicht immer in der Mehrheit vorhanden ist, vielmehr oft in der Minderheit, ja in einem Individuum, und zweitens, daß wir in allen Fällen, auch der Mehrheit gegenüber, streng nach unserem Gewissen bei dem beharren müssen, was wir als recht und wahr erkannt haben. Was hier von einer „Rechtssache" gesagt worden, gilt aber von Allem, was unsere Ueberzeugung, unsere Anschauung und Gesinnung betrifft. Tritt die Frage an uns heran, so dürfen wir uns durch nichts wankend machen lassen, sondern mit Festigkeit unsere Ansicht und Ueberzeugung bekennen und vertreten. Allerdings ist jeder Mensch dem Jrrthum unterworfen, und deshalb sind wir verpflichtet, gerade wenn unsere Meinung von der Anderer, vielleicht von der allgemein herrschenden abweicht, den Gegenstand oder die Angelegenheit um so sorgfältiger zu prüfen und die Gründe für das eine oder das andere Urtheil genau zu untersuchen und abzumessen. Wir müssen auch nachgeben können, wo uns die von uns bis jetzt gepflogene Ansicht schwach und zweifelhaft erscheint. Sind wir aber zu einer vollen Ueberzeugung gelangt, steht die Sache für uns zweifellos fest, dann müssen wir sie mit Treue und Hingebung aufrecht erhalten und uns nicht beirren lassen, wenn Tausende der entgegengesetzten Meinung huldigen. — Durchmustern wir die Geschichte, so l erweist sich uns, daß die meisten und heftigsten Kämpfe unter den Menschen zwischen der Mehrheil und der Minderheit stattgefunden. Im Allgemeinen ist die Herrschaft bei der ersteren und darin findet sic Grund und Anregung, um die Minderheit zu bezwingen und zu sich herüberzuziehen. Hierzu verwendet sie auch leicht die ihr einwohnende Gewalt. Sie erklärt den Widerspruch für Verstocktheit, Eigensinn, selbstsüchtige Hartnäckigkeit und glaubt sich deshalb im Rechte, Gewalt anzuwenden, wo Ueberredung nichts hilft. Vermag die Mehrheit dennoch nicht durchzudringen, so kommt sie schließlich dazu, sich „Duldung, Toleranz" aufzuerlegen und beräuchert sich wohl mit Lobpreisung, wie sie auch dem Gegner Raum gewähre. Andererseits bringt uns die Geschichte eine Menge von Beispielen, wo die Minderheit, stark durch ihre Ueberzeugung, trotz der heftigsten Angriffe und der blutigsten Verfolgungen ausharrt, durch ihren Widerstand bestehen bleibt und sogar die Mehrheit überwindet. Es ist oft genug geschehen, daß, was zuerst nur wenige Anhänger umfaßte, vielleicht von einem einzigen Geiste ausgegangen war, nach und nach immer größere Schaaren um sich sammelte und zuletzt zur großen Mehrheit wurde. Freilich ist es kein rühmliches Charakterzeichen des Menschen, daß diese früher so arg verfolgte. Minderheit, sobald sie zur Mehrheit geworden, dieselben Waffen, die ihr ehemals so tiefe Wun- 13

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