Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 12 (21.3.1889)
- Date
- 1889-03-21
- Page
- Seite 186 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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186 bereitet haben, wie sie in anderen Gegenden des Abendlandes erdulden mußten, und zwar weil es im Mittelalter in viele kleine Gebiete zerfiel, die eifersüchtig auf einander waren und mitunter in heftiger Fehde standen. Dieser Umstand soll den Juden zugute gekommen sein, denn wenn sie aus einer Stadt verdrängt wurden, so öffnete die andere ihnen ihre Thore. Oder die Stadt, welche sie ausgewiesen, besann sich auch eines Besseren, je nachdem Eifersucht, Aussicht auf Vortheile oder andere Gründe umstimmend wirkten, und gewährte ihnen wieder Zulaß. So gut hatten es die armen Juden auch anderswo, je nach der guten oder bösen Laune, oder Vor- oder Nachtheil ihrer jeweiligen Schirmherren, und der Ausspruch Montesquieu's, „daß die Fürsten die Juden wie das Mastvieh betrachteten, das gemästet wird, um es zu schlachten" — wird wohl auch auf Italien verwendbar sein. Kaiser Friedrich II. schenkt dem Erzbischof von Palermo die dortigen Juden nebst ihren Abgaben — welches wohl die Hauptsache war — wie wenn sie eine Herde Schafe wären, und so läßt sie der Erzbischof von Trani, ä son bon plaisir, bei jeder Kleinigkeit ins Gefängniß werfen. Zur Zeit der allgemeinen Sittenlosigkeit schlägt Masuccio Guardato von Salerno vor: man solle die schlechten Mönche zeichnen wie die Juden, damit man ihnen vorsichtig ausweichen kann. Bekanntlich wurde unter dem unschuldigen Jnnocenz III. die Einführung der Rota jnäasornm bestimmt. Um nun bei den Päpsten zu bleiben, die den Juden ihren Schutz angedeihen ließen, so wird es mir in der That schwer, einen Guten herauszufinden — der nicht auf irgend eine Weise mit seinem Wohlwollen seine eigenen Vortheile geschickt zu verbinden verstand. Diejenigen, welche die Juden zwangen, christliche Predigten anzuhören, thaten es ja nur zu ihrem eigenen Seelenheil, und wenn sie der fromme Pius V. aus allen Städten des Kirchenstaates verbannte, so that er es nur zum Schutz der Christen, denn jene waren Wahrsager, Zauberer und wer weiß was noch alles. Aber ganz geheuer muß es denn doch nicht mit der Brüderlichkeit in Italien gewesen sein, sonst hätte Jekutiel seine Glaubensgenossen nicht zur größten Vorsicht bei den Controversen mit Christen ermahnt, und ihnen ans Herz gelegt, sich nicht über ihre Gegner zu erheben, sie nicht zu erzürnen, sondern bescheiden und demüthig zu sein wie ein Knecht gegen seinen Herrn. Solche Dinge kommen und verschwinden nicht über Nacht; sie bereiten sich langsam vor, und es dauert manchmal lange, ehe sie zum Ausbruch kommen, und noch viel länger ehe sie unterdrückt werden. Aus unserer Zeit möchte ich nur an Mortara erinnern. Ich hebe diese Thatsachen nur hervor, um mit der eigenen Angabe Güdemann's nachzuweisen, daß es die Juden in Italien, trotz seiner bewundernswürdigen Darstellung, doch nicht so ganz gut hatten, wie man es im ersten Augenblicke denken könnte. Kein Seufzer wird laut, kein Klageton vernommen bei den vielen Verfolgungen, und man möchte fast fragen: wozu auch? wozu die alten Wunden aufreißen? Aber nicht jeder besitzt diese milde Art der Beurtheilung, und darin unterscheidet sich auch Güdemann von seinem berühmten Lehrer. Die Entscheidung, welche Art die Richtige ist, überlasse ich gern Ihrem kritischen Scharfsinn. In einem Punkte möchte ich mich doch nicht der Ansicht Güdemann's anschließen, und zwar in Betreff der Reinheit der italienischen Sprache, die sich die Juden angeeignet haben sollen. Sie wissen, daß ich darin etwas peinlich bin und ich bezweifle seine Ansicht gerade aus dem Grunde, welchen er als Beweis dafür anführt. Er sagt in der Einleitung: .... „man hat aus alter Zeit Grablchriften, die in griechischer oder lateinischer oder in einer aus beiden gemischten Sprache abgefaßt sind entdeckt." Idsrs'8 tbs mb! würde Shakespeare sagen, und ich möchte fast behaupten, daß diese Mischmaschsprache fast allenthalben bei unseren Vorfahren anzutreffen ist, woraus ihnen durchaus kein Borwurf gemacht werden kann, da es eine natürliche Folge ihres Wanderlebens war. Ich habe selbst in der kaiserlichen Bibliothek in Paris spanische und arabische Manuskripte mit hebräischen Buchstaben gesehen, wie wir bei uns Werke in der sogenannten jüdisch-deutschen Sprache finden und Raschi beispielsweise bedient sich französischer Ausdrücke, die schon manchem Forscher Kopfschmerzen verursacht haben. Um wieder auf Italien zurückzukommen, möchte ich Ihre Aufmerksamkeit auf eine höchst unparteiische und anerkennenswerthe Abhandlung über die Juden in Italien von Franz Otto lenken, in welcher er unter Anderem sagt: „Jahrhunderte sind vorbcigerauscht und andere Völker haben Besitz genommen von den blühenden Gefilden Italiens und der Siebenhügelstadt. Und wo sonst um das Marcellus - theater nur die wohltönenden Worte der lateinischen Sprache erklangen, da hört man jetzt — 1868 — nur die heisere Stimme feilschender Juden, deren Dialect ein wunderliches Sprachgemisch bildet." Aber angenommen, sie hätten sich schon in den frühesten Zeiten die Landessprache angeeignet, glauben Sie nicht, daß sie Gebrauch davon gemacht hätten, wie es jetzt in den meisten Ländern geschieht, anstatt sich „eines todten Idioms zu bedienen, das nur ein beschränktes Sprachgut darbietet? (Güdemann 127)". Hätte uns Immanuel, der kühne Nachahmer Dante's, den Grätz den Heine des Mittelalters und