Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 12 (21.3.1889)
- Date
- 1889-03-21
- Page
- Seite 187 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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187 Karpeles den jüdischen Voltaire nennt, nicht viel mehr als ein paar Bruchstücke in italienischer Sprache hinterlassen, wenn er in dieser so firm gewesen wäre als in der, in welcher er so Bedeutendes geleistet hat? Hatte Mose da Rieti, welcher das unverdiente Glück hatte, ebenfalls durch seine Nachahmung der jüdische Dante genannt zu werden, sich nicht verleiten lassen, etwas in der Sprache des Landes, in welchem er lebte zu leisten? Es ist allerdings nicht maßgebend, wenn ich als Laie sage, daß mir wenigstens kein einziger hervorragender jüdischer Dichter Italiens bekannt ist, der sich der Landessprache bedient hätte, aber es ist so. M. Silberstein. I e u i i Die Juden im ungarischen Parlamente. Eine stattliche Reihe ungarischer Inden waren und sind zum Theil noch jetzt Mitglieder des ungarischen Parlaments, theils im Abgeordnetenhause, theils im Oberhause. Kurze biographische Skizzen dieser durch das Vertrauen ihrer Mitglieder gewählten oder durch die Krone berufenen, auch sonst verdienten Männer, werden unseren Lesern willkommen sein. Wir beginnen mit dem Manne, der seit beinahe zwei Decennien zu den hervorragendsten Mitgliedern des ungarischen Parlaments gehört und vermöge seiner Stellung und seiner allgemeinen Bildung der bedeutendste Jude Ungarns ist, mit Moritz Wahrmann. 1. Moritz Wahrman«, wurde den 28. Februar 1832 in Pest geboren. Er ist ein Enkel des im Jahre 1826 gestorbenen Pester Oberrabbiners Israel Wahrmann, der, was damals eine bedeutende That war, die erste, „zweckmäßig eingerichtete und dem Zeitgeiste angemessene israelitische Schule" in Pest ins Leben rief und kein Bedenken trug, einen seiner Söhne das Gymnasium besuchen und Philosophie studiren zu lassen. Meyer Wolf Wahrmann, der Vater unseres Moritz, ein unterrichteter, streng religiöser Kaufmann, der mehrere Ehrenstellen in der Gemeinde bekleidete, ließ seinen Kindern eine sorgfältige Erziehung angedeihen: Moritz, mit trefflichen Anlagen ausgestattet, besuchte das Gymnasium und studirte an der Pester Universität Philosophie. Nachdem er seine Studien absolvirt hatte, trat er in das Geschäft seines Vaters, dem er später selbständig Vorstand, bis er sich entschloß ein Bankgeschäft zu gründen, das in kurzer Zeit zu den bedeutendsten und geachtetsten gehörte. Als im Jahre 1869, bald nach der Emancipation der ungarischen Juden, die Wahlen für den ungarischen Reichstag stattfanden, wünschten nicht allein die Juden, sondern auch viele vorurtheilsfreie Christen, daß ein Jude gewählt werde. Im Leopoldstädter Wahlbezirke der Hauptstadt schienen die Chancen für einen jüdischen Abgeordneten-Candidaten l e t o n. günstig. Die Aufmerksamkeit der Wähler lenkte sich auf Wahrmann, dessen geistige Begabung und vielseitige Bildung allgemein anerkannt wurde: unter großer Betheiligung der intelligenten Bürger wurde er durch Acclamation den 23. März 1869 als der erste Jude zum Reichstagsabgeordneten gewählt, und, was wir gleich hinzufügen, seit dieser Zeit fünfmal wieder gewählt, so daß er dem ungarischen Abgeordnetenhause jetzt zwanzig Jahre als Mitglied angehört. Schon 1869 in den Finanzausschuß und bald nachher als Referent desselben gewählt, nahm er an allen desfallsigen Fragen und Verhandlungen den lebhaftesten Anlheil; seine Reden zeichnen sich immer durch Klarheit, durch scharfe Dialektik und geistreiche Pointen aus. Aber auch für seine Glaubensgenossen trat er, so oft sich ihm Gelegenheit bot, unerschrocken in die Schranken. Der ungarische israelitische Congreß, dessen Vieepräsident Wahrmann war, hat, wie unseren Lesern erinnerlich, das ungarische Parlament in den siebziger Jahren oft beschäftigt: Wahrmann erachtete es, wie er in seiner Rede vom 16. Februar 1870 sich ausdrückt, „als seine Pflicht: als Laudesdeputirter, dessen heiliger Beruf es ist, das Aufblühen seines Vaterlandes und das geistige Wohl aller seiner einzelnen Factoren aus allen seinen Kräften zu befördern: als Jude, dem jetzt zum ersten Male die Gelegenheit geboten, im glänzenden Saale der Gesetzgebung im Interesse seiner Glaubensgenossen seine Stimme zu erheben, das erste Mal diesem Hause kund zu thun, was die begeistertsten, intelligentesten und gebildetsten Bekenner seiner Confession fühlen". Wahrmann's denkwürdige Rede rettete den ungarischen Schulfond für höhere kulturelle Zwecke. Sein Auftreten gegen Jstoczy und die ihm daraus erwachsene Gefahr für sein Leben sind noch frisch im Gedächtniß unserer Leser; daß er seit vielen Sessionen der österreichisch-ungarischen Delegation angehört, ist ebenfalls bekannt. Seit sechs Jahren steht er der Pester israelitischen Gemeinde als Präses vor und entfaltet in dieser Stellung einen Eifer und eine Thätigkeit, welche ihm zur Ehre gereichen. (Fortsetzung folgt.)