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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-03-21 · Heft 12 (21.3.1889) · p. Seite 184

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 12 (21.3.1889)
Date
1889-03-21
Page
Seite 184 (sequence 12)
Language
German
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184 h ren echt englischen aristokratischen Habitus aus, den sie, ohne Uebertreibung, in ihrer ganzen Haltung bewahren, der sie aber auch von ihren anderen Glaubensgenossen sich abschließen läßt. Sie bilden eine hochachtbare Kaste, vorzüglich ist an ihnen die Treue gegen ihre väterliche Religion und gegen die jüdische Sitte, wie sie sich bei ihnen ausgebildet hat, zu rühmen. Es mag immerhin sein, daß, was die jüdische Sitte betrifft, in dem jüngeren Geschlechte sich bereits eine gewisse Lauheit fühlbar macht — im Ganzen ist dies nicht der Fall. Wenn nach dem alten Spruche, Lehre, Gottesdienst und Wohlthätigkeit die drei Säulen sind, so kann man diesen englischen Juden von der ersten nur ein geringes Maß zuschreiben. Das jüdische Wissen ist bei ihnen nur in geringer Weise verbreitet und von der jüdischen Wissenschaft hat man bis auf wenige Ausnahmen gar keine Ahnung. Es hängt dies eben mit der Mißachtung zusammen, welche sie gegen alle anderweitigen Slammesgenossen hegen. Sie nehmen keine Notiz von dem, was anderswo vorsichgeht. Von den Leistungen des deutschen Judenthums haben sie keine Kenntniß und fühlen sich deßhalb auf diesem Gebiete nicht angeregt. Sir Moses Montefiore hatte dies eingesehen und gründete deßhalb ein rabbinisches Colleg. Die Wirksamkeit desselben blieb aber ziemlich beschränkt, da es andererseits von der strengen Orthodoxie beherrscht wird. Der Gottesdienst steht bei ihnen in vollem Ansehen, und wird getreulich nach dem portugiesischen Ritus gehalten. In den vierziger Jahren bildete sich eine Reformgemeinde, die sich von der Autorität des Talmud lossagte, und z. B. die zweiten Festtage abgeschafft hat. In liturgischer Beziehung enthielt sie sich der Neuerungen. Sie wurde Anfangs von orthodoxer Seite gewissermaßen verfolgt, z. B. wollte man Mitglieder dieser Gemeinde nicht copuliren. Da aber sehr einflußreiche Männer zu ihr gehörten, so hatte sie sich bald ihren Platz erobert. Jndeß ihr fehlte eine innere Bewegung, ein stärker pulsirendes Leben, und so ist sie auch nicht zahlreich geworden. Worin sich aber die britischen Juden ganz besonders auszeichnen, das ist die Wohlthätigkeit, und hierin bethätigen sie auch einen unbeschränkten Gemeinsinn für alle Glaubensgenossen, welches Landes und welcher Culturstufe diese auch angehören. Da unter ihnen viel Reichthum vorhanden ist, so kämpfte ihre Freigebigkeit längere Zeit mit der Flutb der Hilfsbedürftigen, die nach der britischen Küste strömte. Erst in der letzten Zeit konnten sie sich nicht verhehlen, daß dieser Masse gegenüber die vorhandenen Hilfsmittel versagen. Sie erließen mehrfache Warnungen nach dem Continente, welche die Unmöglichkeit, den immer wachsenden Ansprüchen zu genügen, nachdrücklich einschärften. Diese Wohlthätigkeit ist in angemessenster Weise vrganisirt und leistet ganz Vorzügliches im Unterrichtswesen. Hier ist es, wo nach dem Beispiel der englischen Aristokratie die angesehensten Männer und Frauen auch ihre Personen einsetzen und zu wirken suchen. — Biel weniger hätte ich von der deutschen Colonie zu sagen. Wenn ich ihr diese Bezeichnung beilege, so geschieht es nur der Abstammung wegen. Inneren Zusammenhang, gemeinsame Ziele, ja nur äußerliches Gutverhalten unter einander findet man bei ihnen nicht. Mit einigen Ausnahmen sind es nicht die besten Typen der deutschen Juden, die sich hier bemerklich machen. Am auffälligsten ist bei ihnen die völlige Gleichgiltigkeit gegen die Religion und die Hintansetzung aller Satzungen. Diesen gegenüber haben die polnisch-russischen Einwanderer und zwar je zahlreicher sie wurden, ihr ganzes heimisches Wesen mitgebracht. Bei nicht geringer Intelligenz und bei außerordentlicher Geschicklichkeit, ein Brettchen zu finden, auf welches sie sich retten können, bilden sie doch eine unwissende Masse, in welcher kaum hier und da ein Gelehrtenwrack verkümmert. Dahingegen irrt man durchaus, wenn man sie für einen Haufen Bettler hält. Ist die Gelegenheit da, so betteln sie wohl auch; aber an sich sind sie in großer Zahl tüchtige Arbeiter und scheuen die Arbeit nicht, welcher Art sie auch sei, um sich und den Ihrigen ein Stück Brod zu erwerben. Stockt deßhalb nach und nach diese Einwanderung, oder fluthet von der britischen Küste gleich wieder weiter, so kann man die Hoffnung hegen, daß sich aus diesem starken und zähen Element noch eine ganz gesunde Masse entwickeln werde, da die britische Luft nicht ohne Wirkung auf sie bleiben wird. Bonn, 17. März. (Notizen.) In Livorno verstarb vor Kurzem Augusts Ascoli, der ein Vermögen von 300000 Francs hinterließ. Er vermachte einen beträchtlichen Theil frommen Stiftungen, den übrigen seinem Bruder zum Nießbrauch bis zu seinem Tode, nach welchem jener der .Alliance isr. univ. zufallen solle, wenn sie zu jener Zeit das Recht einer juristischen Person erlangt hätte; wäre letzteres nicht der Fall, so fiele das Vermögen dem israelitischen Hospital, der jüdischen Gemeinde und den städtischen Wohlthätigkeitsanstalten zu. — Der neue französische Justizminister, welchem auch das Cultusministerium untersteht, hat zum Chef seines Sekretariats den Advokaten Herrn Joseph Leon, Sohn Alexander Lson's, des Präsidenten des israelitischen Consistoriums von Bordeaux, gewählt. Wenigstens kann jetzt dieser Minister in jüdischen Angelegenheiten, wenn er will, einen Juden befragen. — Am 9. d. M. verschied in Berlin: vr. Moritz Lipschütz, dessen Verdienste erst vor Kurzem bei Gelegenheit seines siebzigjährigen Geburtstages in diesem Blatte gewürdigt wurden. Sowohl für das dogmatische als für das praktische Judenthum trat er stets als ein eifriger und begeisterter Anhänger auf. Herr Rabbiner vr. Ungerleider entwickelte deshalb mit Recht in seiner ergreifenden Leichenrede, wie groß ein solcher Verlust in

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