Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 12 (21.3.1889)
- Date
- 1889-03-21
- Page
- Seite 183 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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183 sich dort recht viele berufen fühlen, diesem Unheil möglichst Einhalt zu thun, und zwar mit der Arbeit im Einzelnen; denn was gerettet wird, ist gerettet, und das Gute wirkt durch sein Beispiel wie das Böse durch seine Ansteckung! Redaction.) Pest, 5. März. (Privatmitth.) Die Antisemiten im ungarischen Abgeordnetenhause hatte man schon ganz vergessen, denn seit Monaten ließ sich keiner der Herren vernehmen; endlich gab heute einer von ihnen wieder ein Lebenszeichen von sich. Herr Franz Komlossy zog über die „perfide Judenpresse" her. Durch sein Versprechen, den Grafen Ludwig Tißa mit dem Präsidium bei dem demnächst in Wien stattfindenden Antisemiten-Ccngresse zu betrauen , erregte er die allgemeine Heiterkeit des Hauses. Pest, 7. März. (Privatmitth.) Der hiesige serbische Vice-Consul, Herr S. H. Davitscho, ist zum Legationssecretär 1. Klasse in Rom ernannt worden. Davitscho wird zu den befähigtsten Mitgliedern der serbischen Diplomatie gezählt. Italien. Rom, 9. März. (Privatmitth.) Unsere israelitische Gemeinde ist von einem schweren Schlage betroffen worden. Gestern starb plötzlich infolge eines Schlaganfalles der Commendatore Giacomo Alatri, Generalsecretär der Römischen Bank und Präsident der israel. Waisenhäuser. Er war nicht allein unter seinen Glaubensgenossen, sondern in der ganzen Bevölkerung Roms wegen seiner Wohlthätigkeit und echten Menschenfreundlichkeit beliebt. Sein Tod trifft auf das härteste seinen greisen Vater Samuel Alatri, den bekannten Vorsteher der römischen Jsraelitengemeinde. In seiner gestrigen Sitzung beschloß der städtische Gemeinderath (Stadtverordneten-Collegium), dem untröstlichen Vater sein Beileid auszudrücken. -n-n. Frankreich. Paris, im März. (Privatmitth.) Wer von den französischen Rabbinen zum Großrabbiner des Centralconsistoriums gewählt werden wird, läßt sich noch keineswegs voraussehen. Zu allgemeiner Befriedigung hat der Großrabbiner von Paris, Herr Zadoc Kahn, seine Candidatur zurückgezogen. Er fühlt, daß sein gegenwärtiger Platz für ihn der passendste ist. Das Rabbinat am Centralconsistorium ist eine Art Ruheplatz, mit wenig Aufgaben, wenn nicht die eigene Initiative treibt, was bis jetzt noch wenig der Fall war. Zadoc Kahn aber ist ein eifriger, thätiger Mann, der namentlich die französisch-jüdische Kanzelberedtsamkeit zu Ehren und Wirksamkeit gebracht hat. Seine Fürsorge erstreckt sich über alle Zweige des religiös-sittlichen Lebens, insbesondere auch auf den Religionsunterricht. Es wäre also geradezu ein schwerer Verlust für die Juden von Paris, wenn er die vakante Stelle einnehmen würde. — Wir sind es längst gewohnt, in allen Parteien und bei allen die öffentliche Meinung stark interessirenden Gelegenheiten auch einen Juden thätig zu sehen. So tritt auch unter den eifrigsten Anhängern Boulanger's der Senator Naquet hervor und wird jetzt auch wegen seiner Theilnahme an der Patriotenliga gerichtlich verfolgt werden, wozu der Antrag bereits bei dem Senate gestellt worden. Naquet war früher radicales Mitglied der Deputirtenkammer und als solches in den Senat gewählt. In der That hat er sich durch seine Agitation für die gesetzliche Erlaubniß der Ehescheidung sehr bekannt gemacht. Derselbe ist allerdings von Abstammung Jude, hat sich aber längst für confessionslos erklärt. Selbstverständlich schlagen die Antisemiten Capital aus Naquet's Boulangismus, während sie zu gleicher Zeit gegen den Präsidenten Carnot zu Felde ziehen, weil er sich auch in der letzten Ministerkrise des Herrn Joseph Rainach zu Unterhandlungen und Berathungen bedient hat. Nun, nach dem Murren dieser Käuze frägt man nichts mehr. — Herr Naquet erinnert uns daran, daß die französischen Rabbinate sich neuerdings auf die Ertheilung von „Get" nach den rituellen Vorschriften haben einrichten müssen. Denn da die Ehescheidung nach dem von der Restauration erlassenen Gesetze in Frankreich und dessen Gebieten untersagt war, dürften die Rabbinate kein Get ertheilen. Hier in Paris sind bereits mehrere derartige Fälle vorgekommen. Großbritannien. London, im März. (Privatmitth.) Wer eine Zeit lang in London und Umgebung verweilt und die Dinge zu beobachten sich angelegen sein läßt, der bemerkt bald, daß man hinsichtlich unserer Glaubensgenossen nirgends wieder so leicht ethnographische Wahrnehmungen machen kann. Denn abgesehen davon, daß sich in dieser Metropole des Handels und der Schifffahrt alle Nationen allzeit Rendezvous geben und wir deßhalb Gelegenheit haben, Juden aller Länder und Zonen zu studiren, zerfallen die in England sich aufhaltenden Juden in drei sehr geschiedene Massen, deren leibliche nnd geistige Physiognomie nur einige Grundzüge gemeinsam hat, sonst aber in sehr unterschiedlichen Contouren verläuft. Niemand wird einen Augenblick zweifelhaft sein, ob er ein Mitglied der britischen Eingeborenen, der großen deutschen Colonie oder der massenhaften polnisch-russischen Einwanderung vor sich hat. Was nun die Ersteren betrifft, die seit Cromwell in den drei Königreichen ansässig und hier völlig zu Briten gewordenen Juden, sind zumeist Abkömmlinge der spanisch-portugiesischen Einwanderung, sie zeichnen sich durch 12*