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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-03-21 · Heft 12 (21.3.1889) · p. Seite 182

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 12 (21.3.1889)
Date
1889-03-21
Page
Seite 182 (sequence 10)
Language
German
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Oesterreich-Ungarn. Wien, 8. März. Im Abgeordnetenhause erklärte heute Türk (Antisemit), die Deutschen hätten die Pflicht, eine Irredenta germanica zu bilden; ferner beantragte er, die Gehalte für die Landsmannminister Prazak und Zaleski zu streichen und deutsche Landsmannminister zu berufen. Der Antrag wurde nicht unterstützt. Der bulgarische Politiker Zankow wohnte auf der Gallerie der Sitzung bei. (Es ist dies für die allgemeine Stellungnahme dieser Antisemiten bezeichnend, welche durchaus jedem Bestreben, die Nationalitäten in Oesterreich zu versöhnen und eine gerechte Behandlung derselben anzubahnen, entgegentreten, wie sie jedoch in der Gesammtheit des Abgeordnetenhauses völlig isolirt stehen und für ihre Anträge nicht einmal die zur Unterstützung nothwendige Zahl von Abgeordneten finden. Dies ist derselbe confuse Türk, auf dessen durchaus willkürliche, ja falsche Angaben über die agrarischen Verhältnisse in Galizien sich der Abg. Freiherr von Schorlemer-Alst im preußischen Landtage berief!) Wien, 10. März. Heute fand unter dem Vorsitze Chlumecky's anläßlich der Gemeinderathswahlen eine glänzende, vielhundertköpfige Bürgerversammlung statt, welcher auch zahlreiche Abgeordnete, darunter Herbst und Plener, beiwohnten. Mehrere Redner, insbesondere Chlumecky und der Universitätsrector Prof. Sueß, brandmarkten wirkungsvoll den Antisemitismus und die antiliberale Agitation. Sie forderten dazu auf, eine Gegenbewegung einzuleiten und somit einzustehen für Freiheit und Gesittung, sowie für die würdige Vertretung Wiens. (Auf diese Weise eröffnet sich die Aussicht, daß die korporativen Instanzen in Oesterreich das Krankheitsgift des Antisemitismus ausscheiden, so daß es auch die letzte Bedeutung verliert und keinen Spielraum mehr findet, die Oeffentlichkeit durch den von ihm erzielten Lärm zu belästigen.) Wien, 10. März. Eine Versammlung hervorragender Bürger sämmtlicher Bezirke Wiens nahm, nachdem zahlreiche Redner, darunter Chlumecky und Rector Sueß, gesprochen hatten, eine Resolution an, welche erklärt, daß die Thätigkeit der antisemitischen Partei den deutschen Charakter Wiens, dessen politische Stellung als Reichshauptstadt und die Erwerbsverhältnisse schädige und eine sachliche, unbefangene Behandlung der Gemeindeangelegenheiten in Frage stelle. Die Wähler Wiens werden zu einmüthigem Vorgehen bei den Gemeinderathswahlen aufgefordert. — In der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 7. März, in welcher nach einer bewegten Debatte nach dem Anträge des Immunitäts-Ausschusses die gerichtliche Verfolgung des Abg. Vergani wegen Verleumdung des Wiener Gemeinderathes mit 91 gegen 34 Stimmen beschlossen wurde, stimmten nicht bloß die Antisemiten und die deutsch-nationale Vereinigung, sondern auch die Klerikalen mit dem Prinzen Aloys Liechtenstein und Lienbacher für die Freilassung Vergani's. Der Abg. Kronawetter stimmte, trotz des Einspruches Türk's, für die Verfolgung des Antisemiten. Wien, 13. März. In der Sitzung des Abgeordnetenhauses bei der Budget-Verhandlung ereignete sich abermals ein Vorgang, welcher auf die Moralität der Antisemiten, und diesmal wieder eines Geistlichen, ein sehr bezeichnendes Streiflicht wirft. Abg. Eichhorn (antisemitischer Geistlicher) leugnet, daß er den Experten in der Arbeiterenqutzte, Frimel, für die christlich-sociale Partei gewinnen wollte, worauf Abg. Kronawetter unter allgemeiner Sensation einen Brief Eichhorns an Frimel verlas, worin Eichhorn mittheilt, daß er an der Berufung Frimels in die Enquste schuld sei und diesen ersucht, erst nach Rücksprache mit ihm sein Votum abzugeben, da es sich darum handle, daß über die christliche Arbeiterschaft die Juden nicht noch mehr Gewalt erhalten. Pest, 4. März. (Privatmitth.) Dem vor einigen Tagen vertheilten Rechenschaftsberichte der hiesigen israelitischen Religionsgemeinde pro 1888 entnehmen wir folgende Daten. Die beiden israel. Knabenschulen besuchten 775 Schüler, die Talmud Thora 117 und die hebräische Schule 118 Schüler; in der israel. Mädchenschule befanden sich 431 Schülerinnen. Geboren wurden in hiesiger Gemeinde 1354 Knaben (1158 eheliche, 176 uneheliche), 1246 Mädchen (1080 eheliche, 166 uneheliche); hingegen starben 1810 und zwar 978 männlichen und 813 weiblichen Geschlechts. Es wurden im Berichtsjahre 532 Paare getraut und 21 Paare geschieden. Die Ausgaben im abgelaufenen Jahre beliefen sich auf 247,201 fl. 87 kr. Die Einnahmen auf 238,444 fl. 31 kr., so daß ein Deficit von 8757 fl. 56 kr. besteht. (Aus diesen Zahlen ergiebt sich zu unserem Bedauern, daß der sittliche Zustand unter unseren Glaubensgenossen in Pest ein ganz beklagenswerther ist. Der große Procentsatz von unehelichen Geburten und die zahlreichen Ehescheidungen bezeugen den Niedergang des Familienlebens und des Geistes von Zucht und Sitte. Allerdings ist zu beachten, daß nach einer Centralstadt wie Pest mit ihren Instituten viele gefallene Frauenzimmer ziehen, um hier von den Folgen ihres Wandels frei zu werden. Aber auch dies eingerechnet, ist der Procentsatz zu groß, um nicht das Urtheil des Sittenrichters herauszufordern. Wo einmal die sittliche Anschauung und die Haltung der öffentlichen Meinung gelockert ist, da fällt die Unsittlichkeit wie eine Ueberschwemmung hinein, und die Dämme, welche Religion und väterliche Sitte dagegen aufgeführt haben, drohen den Einbruch. Mögen

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