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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-03-21 · Heft 12 (21.3.1889) · p. Seite 175

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 12 (21.3.1889)
Date
1889-03-21
Page
Seite 175 (sequence 3)
Language
German
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175 Großen Schritt für Schritt; aber Europa blieb nicht unbeteiligt dabei und hatte in Folge dieser russischen Ausdehnungssucht schwere Kriege zu führen. Tie Theilungen Polens, die Eroberung von Südrußland und der Krim, das fortwährende Zurückdrängen der Türken und die offenbare Absicht, die Donau- und Balkanländer sich anzueignen, ja Constantinopel in Besitz zu nehmen, alle diese Ereignisse konnten die andern europäischen Mächte nicht ruhig vorübergehen lassen, da sie zu tief in ähre eigenen Interessensphären eingriffen. Jedermann kennt die Reihe von Aufständen und Kriegen, die dadurch entstanden. Wäre doch der russische Krieg Napoleons I. unterblieben, wenn er dem Czaren die Moldau und Wallachei, die er ihm im Frieden zu Tilsit fast zugestanden batte, bewilligt hätte. Wie dem auch sei, jetzt stehen sich bereits die beiden Weltreiche an der afghanischen Grenze mit den Waffen in der Hand gegenüber. Noch halten sie beide zurück, denn die kriegerische Beschaffenheit der dortigen Stämme, die äußerst schwierige Gegend und die kleinen Heerhaufen, die sie bis jetzt dahin zu werfen vermochten, haben sie wohl belehrt, daß es zum gegenseitigen Kampfe noch nicht an der Zeit sei. Daß bie Russen begehrlich nach Indien und den großen indischen Häfen blicken, ist kein Geheimniß, und daß die Briten alle mögliche Fürsorge zu treffen haben, um ihre Autorität aufrecht zu erhalten, liegt auf der Hand. Die Interessen beider Reiche sind also feindseliger Natur, wie sich dies überall zeigt, wo sie Zusammentreffen, zum Beispiel in Persien. Der Natur der menschlichen Dinge zufolge kann daher der Conflict nicht ausbleiben, dessen Fort- und Ausgang Niemand voraussehen kann. Aber auch in Europa ist das russische Werk nur halb vollbracht, und wird so immer wieder und wieder zum Ausgang drängen. Dies ist die orientalische Frage, welche die Stelle jener Territorialkriege in Mittel- und Südeuropa eingenommen hat, die Europa so viele Jahrhunderte nicht zur Ruhe kommen ließen. Wir wollten uns diese Gesammtlage des europäischen Staatenlebens einmal recht deutlich machen. Alles wird darauf ankommen, ob die neugebildeten Staaten an der Donau und dem Balkan sich fest consolidiren und die europäischen Mittelstaaten ihrem Widerstände gegen die russische Eroberungssucht treu bleiben. Nicht minder ist es die Frage, ob die dem britischen Szepter unterworfenen Eingeborenen dem Interesse desselben anhänglich sein werden. Io viel man weiß, ist die Stimmung der indischen Moslem - über 50 Millionen an der Zahl — sehr antirussisch, da sie in den Russen die Erbfeinde der islamitischen Macht und des islamitischen Glaubens sehen. Diesem ganzen bunten Wechsel gewaltiger historischer Ereignisse haben wir Juden angewohnt, zur Zeit unseres nationalen Bestandes unmittelbar in den Kamps hineingezogen, in der Zerstreuung an den Leiden und Freuden der Nationen Theil nehmend. Wir haben deshalb keine Ursache, mit einer besonderen Besorgniß in die Zukunft zu schauen und folgern nur, daß das Menschengeschlecht noch mannigfaltigen Wechselfällen unterworfen sein, aber in ihnen allen einen Antrieb zur weiteren Entwickelung und zur dereinstigen Ausgleichung finden werde. Die Alliance israelite universelle. Schon vor einiger Zeit kam uns eine überaus erfreuliche Nachricht zu, deren Sicherstellung mir aber erst abwarten wollten, bevor wir sie auch unsererseits in die Oeffentlichkeit brächten. Baron von Hirsch hat der Alliance isr. univ. einen Fond von zehn Millionen Francs zugewendet! Seit Jahren hat Baron Hirsch das Deficit, welches sich Jahr für Jahr bei der Alliance einstellte und 30—40 Tausend Francs betrug, gedeckt. Dagegen wollte er nunmehr die Alliance sicher stellen. Wohl noch niemals hat ein gemeinnütziges Institut eine so großartige Spende in Empfang genommen. Bor Allem werden durch den Zinsertrag dieses Fonds die Mittel der Alliance außerordentlich vergrößert; sie kann fernerhin ihre so überaus wohlthätige Wirksamkeit für Schulen im Orient bedeutend erweitern, namentlich auch die Gehälter der Directoren, Lehrer und Lehrerinnen vergrößern, wodurch diesen ihr Beruf erleichtert und die Auswahl der Lehrkräfte sich steigern wird; und ebenso wird sie in allen Nöthen und Bedrängnissen den hilfsbedürftigen Glaubensgenossen noch reichlicheren Beistand leisten können. Gewiß, die Zwecke der Allianz werden durch diesen Zufluß in nichts geändert, denn sie waren und sind die denkbar humansten, wohl aber viel erreichbarer und erfüllbarer werden. Eines aber thut bei dieser glücklichen Wendung vor Allem Noth, nämlich die Meinung nicht aufkommen zu lassen, als ob die Alliance nunmehr der Mitglieder und der Beiträge nicht mehr in gleichem Maße bedürfe. Ein Verein lebt nicht blos vom Gelde, sondern viel mehr von Menschen; die Theilnahme, möglichst die thätigste, ist das unentbehrlichste Bedürfniß für einen Verein, und gerade die AUianoe hat ihren Schwerpunkt in der immer wachsenden Vermehrung und Ausdehnung ihrer Mitglieder. Hat es sich doch auch schon oft genug gezeigt, namentlich in Orientstädten, daß bei einer drohenden Gefahr der Zusammentritt und das Einschreiten des Local-Comites der Alliance eine sehr günstige Wirkung hervorgebracht. Mögen daher unsere Glaubensgenossen in dieser finanziellen Besserstellung der Allianee eine Aufforderung, einen Sporn finden, für die Ausbreitung der Allianee und für den Zufluß von Beiträgen wirksam zu sein. — Doch würden wir es für eine Vernachlässigung unserer Pflicht halten, wenn wir bei dieser 12*

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