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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-03-14 · Heft 11 (14.3.1889) · p. Seite 169

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 11 (14.3.1889)
Date
1889-03-14
Page
Seite 169 (sequence 9)
Language
German
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169 „Weh' Denen, die das Böse gut nennen, und das Gute böse, Finsterniß machen zu Licht und Licht zu Finsterniß, Bitteres machen zu Süßem und Süßes zu Bitterem." Die ganze Angelegenheit kam aber erst in der Sitzung vom 2. März bei Gelegenheit des Cultusbudgets zum Austrag. Hier entspann sich eine Discussion, die sehr charakteristisch wurde. Ganz ohne Rückhalt sprachen sich die Parteien dem Centrum gegenüber für den Satz aus, daß auch der Religionsunterricht vom Staate beaufsichtigt und nöthigenfalls corrigirt werden muß. Um dies zu begründen, trieben die Gegner das Centrum in die Defensive. Man hob hervor, daß ein Professor in Bonn behauptet habe, die Jnquisition sei eine weise und gerechte Institution und man fragte, wenn dies in der Schule gelehrt würde, ob der Staat dies dulden dürfe? Ferner, daß die katholische Kirche durch die Encyclica die Gewissensfreiheit verurtheilt habe; man führte an, daß katholische Schriftsteller, namentlich Rohling, die evangelische Ehe für ungiltig und alle Protestanten für Bastarde erklärt hätten — und wenn nun ein Lehrer dies in der Schule vortrüge, dürfe der Staat dies dulden? . .. Die Erwiderungen auf diese Einwände waren lau, und weder Windthorst noch Schorlemer-Alst hatten einen guten Tag. Können doch die Ultramontanen ihren Rohling nicht abschütteln, da sie ihn gegen die Juden allzu viel auszespielt haben, obschon ihm die literarische Falsification nachgewiesen worden, und spielen ihn noch jetzt gern aus, wie z. B. jüngst das Luxemburger „Wort". Jedenfalls ist auch für uns das Resultat von Interesse: auch der Religionsunterricht ist trotz der bekannten Berfassungsbestimmung der Aufsicht des Staates unterzogen. Schneidemühl, 28. Februar. Man schreibt von hier: Ueber Toleranz und ihr Gegentheil wird der „Volkszeitg." von hier Folgendes gemeldet: Ein jüdisches Mädchen machte aus Angst vor der Stiefmutter durch Gift seinem Leben ein Ende. Die Selbstmörderin wurde auf dem der jüdischen Gemeinde gehörenden Leichenwagen zum „guten Ort" gebracht, wo sie ordnungsmäßig ihre letzte Ruhestätte fand, und wo noch der Rabbiner einige Worte tiefsinniger Theilnahme an die Hinterlassenen richtete. Kurz zuvor hatte ein Apothekergehilfe ebenfalls durch eigene Hand geendet. Die katholische Geistlichkeit verweigerte das kirchliche Begräbniß, und somit wurde der Todte auf einem Rollwagen zum Friedhofe gefahren, wo er ohne Sang und Klang am Zaune sein Grab fand. Jede weitere Bemerkung ist überflüssig. Aus Oberschwaben, 28. Februar. (Privatmitth.) Zu den ehemaligen Reichsstädten Oberschwabens, die im Mittelalter jüdische Gemeinden beherbergten, gehört auch die gewerbsame Stadt Ravensburg. Zwei Urkunden aus dem Jahre 1430 verzeichnen, daß in diesem Jahre die Juden von Ravensburg und Lindau wegen „Christenknabenmords mit Feuer hingerichtet wurden, stattgehabt anno Domini 1430." Seit mehreren Jahrzehnten haben sich auch in dieser Stadt tm: wieder einzelne jüdische Familien niedergelassen, die der israelitischen Gemeinde Buchau zugetheilt sind. Nicht nur im Interesse von deren Kindern und auswärtigen Schülern der beiden höheren Lehranstalten daselbst, sondern auch betreffs des öfters ausgesprochenen Anstoßes bei den christlichen Lehrern, warum die jüdischen Kinder ohne Religionsunterricht wie „Heiden" aufwachsen, war der Mangel jeder religiösen Unterweisung sehr zu bedauern, und es wurde daher die durch die Bemühung des Herrn Rabbiner Laupheimer! von Buchau erfolgte Entschließung der Israelitischen Oberkirchenbehörde freudig begrüßt, daß von diesem Geistlichen in Ravensburg jährlich 30 mal ein 3stündiger Religionsunterricht ertheilt werde. Die wenigen Familienväter daselbst bringen für den Zweck namhafte Opfer; der Stiftungsratb! hat zu diesem Zweck ein Lehrzimmer in der Realschule zur! Verfügung gestellt. Auch wurde bereits einmal durch Herrn Rabbiner Laupheimer ein Gottesdienst abgehalten, der erste israelitische Gottesdienst seit 4 Jahrhunderten. Wir wünschen der kleinen Gemeinde, die erst 6 Familien zählt, Gedeihen und Förderung des religiösen Sinns, den sie bis jetzt so schön bethätigt hat. 11 8t. O esterreich-Un g axw. Wien, 2. März. In der heutigen Sitzung des Abgeordnetenhauses beantragte der Antisemit. Steinwender, die mehrfach angefochtene Wahl Bloches auf die Tagesordnung zu setzen. Der Präsident machte jedoch darauf aufmerksam, der Gegenstand sei sehr verwickelt und könnte mehrere Sitzungen in Anspruch nehmen, worauf der Antrag mit 88 gegen j 67 Stimmen abgelehnt wurde. — Die Adressen und Diplome des verstorbenen Ritter v. Wertheimer wurden als außergerichtliche Documente dem hiesigen Bet-Ha-Midrafch übergeben. Wien, 7. März. Das Abgeordnetenhaus beschloß mit 91 gegen 34 Stimmen die Auslieferung des antisemitischen Abgeordneten Bergan: wegen Beleidigung der Wiener Commune. Prag, 25. Februar. (Privatmitth.) Die Probepredigten am hiesigen Tempel haben bereits begonnen. Den 16. d. M. predigte Herr Rabbiner Di-. Horowitz aus Bielitz, der erst vor Kurzem aus dem Breslauer Seminar entlassen wurde: nächsten Samstag wird Herr Dr. M. Braun aus Pleß, ebenfalls ein Hörer des Breslauer Seminars, seine Probepredigt halten. S.-A.-Ujhely, 3. März. (Privatmitth.) Laut dem soeben veröffentlichten Berichte über die Käftenbaum'sche Verlassenschaftsmasse ist das Vermögen derselben seit dem zehnjährigen eifrigen Wirken des Massekurators Friedrich Kün ii

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