Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 11 (14.3.1889)
- Date
- 1889-03-14
- Page
- Seite 168 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227771-3227783--46053-3265594- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
168 und zwar nicht bloß durch Geldmittel, sondern auch noch mehr durch persönliche Theilnahme. Im wohlthätigen Gegensätze zu dem ewigen Hephep in den Gemeinderathssitzungen steht der Umschwung, der sich in den Kreisen der hauptstädischen Demokratie und besonders im Gewerbestand vollzieht. Hier beginnt man einzusehen, daß es mit dem ewigen Vorführen des Gespenstes der Verjudung nicht mehr geht und daß, wenn dem kleineren Manne geholfen werden kann, dies nur durch Deutlichmachung seiner Ziele und durch Vorsicht gegen die eigennützigen Bestrebungen Derjenigen geschehen kann, welche durch Aufstachelung blinder Leidenschaften die Massen für ihre eigenen Zwecke gebrauchen wollen. Nach dieser Richtung hat sich der Abgeordnete Kronawetter besondere Verdienste erworben, indem er bei dem Gesetze über die bäuerliche Erbfolge, wodurch man meinte die Zersplitterung der kleineren Bauerngüter zu vermeiden, wenn der Bauernhof nur auf einen Sohn vererbt wird, hervorhob, daß diese Bestrebungen nur ein Rückfall in die schädlichen, alten Lehensrechte seien, wie überhaupt in den mittelalterlichen Kastengeist, der einen Theil des Volkes privilegirte und den andern, weitaus größeren dem Elende preisgab, und daß dieser rohe Egoismus noch mehr dadurch hervortrete, daß man gegen die sogenannten Güterschlächter mit drakonischer Strenge verfahre, hingegen fortwährend neue Fideicommisse schaffe, welche die kleinen Bauerngüter aufsaugen und somit durch die Mittel der Gesetzgebung den reichsten Stand begünstigen und dem strebsamen Arbeiter die Erwerbung von Grund und Boden erschweren, ja unmöglich machen. Und die Besitzer dieser Fideicommisse sind dann; auch Diejenigen, welche immer so pathetisch den kleinen Mann gegen das Alles erdrückende Großcapital in Schutz nehmen wollen und den Antisemitismus dabei als Miethstruppen gebrauchen. So hat Graf Egbert Belcredi, als Vorsitzender einer Commission zur Ausarbeitung eines Gesetzes über Arbeiterkammern, den bekannten Antisemiten Schneider als Sachverständigen berufen, was ihm nur dadurch gelang, daß er sich Vollmacht geben ließ, außer den bestimmten Sachverständigen noch andere zu vernehmen, um wohl mit Hilfe dieses Volksretters constatiren zu lassen, daß erst dann wieder für den Arbeiter und Handwerker gute Zeiten kommen würden, wenn der Lehrer in der Schule wie in seinem Privatleben von dem Pfarrer überwacht würde. Dabei hat sich dieser Cavalier nicht daran gestoßen, daß derselbe Herr Schneider notorisch falsche Zeugen anwerben wollte, um einen jüdischen Fabrikanten verurtheilen zu lassen, und ein Mann, der als Aristokrat den Grundsatz vertritt, daß der Adel die Stütze des Thrones sei, hat sich zur Verwirklichung seiner Pläne eines Mannes bedienen wollen, der an den Fürsten Bismarck schrieb, die Annahme eines Gesetzes, welches den Befähigungsnachweis für Handwerker in Deutschland einführen würde, würde die Deutschen in Oesterreich dem deutschen Staatsgedanken näher bringen, also eines Mannes, der Landesverrath nicht scheut, hat sich ein Mann bedient, der zu Jenen gehört, die das sogenannte „vaterlandslose internationale" Judenthum bekämpfen. So können wir getrost der Zukunft vertrauen, daß sie uns Besserung bringen wird, „denn die Lippe der Wahrheit besieht ewig und kaum einen Augenblick die Zunge der Lüge." wac (j ivc fj le ■'l/t. Deutschland. Berlin, 3. März. (Privatmitth.) Mit Recht sagten Sie am Schluffe Ihres Leitartikels in vor. Nr.: Auf kirchlichem Gebiete läßt sich nichts übersehen und voraussehen. Kaum hatte die „Nordd. A. Z." zweimal den evangelischen Oberkirchenrath aufgefordert, Stöcker in Disciplinar-Untersuchung zu ziehen, als die conservative Partei im preußischen Landtage ihn zu ihrem Vertreter und Hauptredner in der Verhandlung über den Schnlantrag Windthorst wählte, gewiß ein Zeichen, daß sie ihn nicht fallen läßt. Aber es war auch für sie eine kritische Lage, in welcher sie einen Anderen nicht gut brauchen konnte. Daß der Religionsunterricht unter der alleinigen Aufsicht der Kirche stehe, gehört zu dem Programm der conservativen Partei. Jetzt aber sollte sie, um! der katholischen Kirche kein Zugeständniß zu machen, diesen j ihren eigenen Programmartikel bekämpfen und den Antrag j Windthorst zu Falle bringen. Ganz in derselben Lage be-! fand sich Stöcker. In seinem Programm von 1880 sprach auch er den Satz aus, daß die Kirche selbstständig den Religionsunterricht ertheilen und beaufsichtigen müsse. Jetzt sollte er das Gegentheil vertheidigen. Nun, er bekam es fertig und da man ihm den Widerspruch mit sich selbst vor- ^warf, meinte er, er bleibe seiner Ueberzeugung treu, aber aus i Opportunitätsgründen spräche er dagegen. Also für oder wider die eigene Ueberzeugung aus Gründen der Opportunität! .. . Die Griechen erachteten die Periode ihrer Geschichte als die traurigste, in welcher die Sophisten das öffentliche Leben beherrschten, und Jesaias ruft aus tiefem Herzen aus: