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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-03-14 · Heft 11 (14.3.1889) · p. Seite 167

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 11 (14.3.1889)
Date
1889-03-14
Page
Seite 167 (sequence 7)
Language
German
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167 groß vor einem Könige und an den Platz der Vornehmen stelle Dich nicht", und einer unserer alten Lehrer sagt das weise Wort: „Nehmt Euch in Acht vor dem Mächtigen." (Aboth 2, 3.) Wir wenden uns nun von den traurigen Ereignissen des Augenblickes zu den acuten Feindseligkeiten, denen das Judenthum in Oesterreich seit Jahren in beispielloser Weise ausgesetzt ist, in einer Weise, durch welche sogar das Treiben Stöckers in jener Zeit in den Schatten gestellt wird, als ihm die Erkenntniß noch nicht aufgegangen war, daß August Neander ein wahrer Christ und wahrer Israelit gewesen sei, und daß die Apostel Juden waren. Für alle Diejenigen, welche die Geschichte des letzten Jahrzehnt denkend mit erlebt haben, steht es außer Zweifel, daß erst das Verlangen, der Herrschaft des Liberalismus im deutschen Volke ein Ende zu machen, den Antisemitismus erzeugt hat. Damals haben die inzwischen vom Schauplatze längst abgetretenen Herren Henrici und Förster den Radauantisemitismus gemacht, Treitschke hat gefunden, daß den Juden jedes deutsch-nationale Gefühl abgehe, und Stöcker hat die Entdeckung gemacht, daß die menschliche Gesellschaft nur durch Einführung eines festen Kirchenregiments nach katholischem Muster vor der Social-Revolution zu retten sei, und daß dieser Erneuerung der protestantischen Kirche eine Vertreibung der Juden aus Deutschland vorangehen müsse. In Ungarn hat gleichzeitig Jstoczy solange gewühlt, bis die Beschuldigung des rituellen Mordes sogar das Gericht beschäftigen mußte und in Oesterreich hat etwas später Schönerer eingesehen, daß die nothwendigste That zur nationalen Erweckung der Deutschen ein Judenmassacre sei. Es soll nun freilich nicht geleugnet werden, daß diese Gegnerschaft des Judenthums auch schon früher bestand, aber der Fortschritt dieser Rückwärtsbewegung war eben der Umstand, daß der Antisemitismus salonfähig wurde. Wenn auch heute der officielle Beweis, daß Stöcker einen Amtsbruder dazu bewegen wollte, eine gerichtliche Aussage desselben vorher seiner Controle zu unterwerfen, dahin führen würde, daß auch an ihm ein solcher Justizmord verübt werden würde, wie an seinem österreichischen Gesinnungsgenossen, dem Schwiegerenkel des sel. Schmul Leb Kohn, so wäre doch kaum zu erwarten, daß die Bewegung, die sich an seinen Namen knüpft, mit seinem Sturze ihr Ende erreichte. Es geht mit dem Antisemitismus wie mit der lernäischen Schlange, schlägt man ihm einen Kopf ab, so wachsen deren zwei nach. Im Wiener Gemeinderath wird jetzt kaum ein wichtiger Gegenstand verhandelt, ohne daß es zu einer antisemitischen Debatte dabei käme, das hatte vielleicht das Gute, daß man im Gemeinderath selbst endlich das Bedürfniß empfand, sich Abhilfe zu schaffen, und daß endlich von nichtjüdischer Seite erklärt wurde, daß man eine solche Debatte für eine Schmach halte. Die Ursache dieser Debatte war die Talmudlhoraschule, die seit Jahren in Wien nur ein kümmerliches Dasein fristet, was den großen deutschen Gemeinden gegenüber gehalten, um so befremdlicher ist, als von diesen keine einzige an Seelenzahl Wien erreicht. Man muß das beklagen, wenn man es auch begreift. Man ist nämlich in den Kreisen der vornehmsten Juden fortwährend bestrebt, sich zu „amalgamiren", und ganz besonders sucht man jetzt mit ängstlicher Scheu den Schein zu vermeiden, daß eine jüdische Schule ein Bedürfniß sei, genau so wie es zur Zeit des Concordats in den Gemeinden der Großstädte der Fall war, welche nicht von Alters her eine jüdische Schule hatten. In Folge dessen wird die Schule zumeist von den Kindern der ärmsten Leute besucht, was sie in Mißkredit bringt, und auch den Mittelstand von ihr zurückhält. Wie ganz anders sind die Verhältnisse bei den Protestanten, die ja auch eine schwache Minorität gegenüber den Katholiken bilden und in der diesseitigen Reichshälfte nur das Viertel der jüdischen Bevölkerungszahl ausmachen, sie haben überall, auch in den liberalen Großstädten ihre eigenen Schulen, welche von den vornehmsten Familien anderer Confessioneu benutzt werden, unter denen die Juden ein sehr großes Contingent bilden. Wir sehen daraus, daß es nicht die Scheu vor der confessionellen Schule im Allgemeinen ist, welche die Juden hindert, ihre Kinder in die Talmudthoraschule zu schicken, sondern, daß hier dieselbe Befürchtung maßgebend ist, um derentwillen man lieber Konn als Kohn heißt, und um derentwillen man ein Kind Hans, Franz u. s. w. nennt'). Die Talmudthoraschule in Wien, in einer Gemeinde, die etwa achtzigtausend Seelen zählt, kann nicht bestehen, sie wendet sich daher an den Gemeinderath um Erhöhung ihrer bisherigen Subvention und dieses wird der Anlaß zu einer Debatte, in der die antisemitischen Herren sich so benehmen und äußern, als würden die Juden ihren Cultus aus öffentlichen Mitteln bestreiten, während sie, ohne die Güter der todten Hand zu besitzen, aus eigenen Mitteln die colossalen Lasten tragen, welche ihre Cultuseinrichtungen, ihre musterhaften Wohlthätigkeitsanstalten und die fortwährend steigenden Bedürfnisse für den Religionsunterricht erfordern. Trotzdem meine ich, daß eine Erhöhung der Gemeindesubvention im Betrage von dreihundert Gulden die Schule nicht retten kann, wenn das Publikum nicht selbst für sie Opfer bringt 1) Hierbei möchten wir doch bemerken, daß es uns eine einfache Forderung des Anstandes scheint, den Kindern gemeingebräuchliche Namen zu geben, und ihnen hierdurch schon auf der Schulbank Berspoitung zu ersparen. Nicht die alttestamentlichen Namen, deren viele ja auch bei Andersgläubigen im Gebrauche sind, sondern jene altfränkischen Namen aus einer älteren deutschen Sprache und Sitte und aus noch früherer Zeit sind eine Last, die noch dazu ganz nutzlos ist. Redaktion.

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