Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 11 (14.3.1889)
- Date
- 1889-03-14
- Page
- Seite 165 (sequence 5)
- Language
- German
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165 wir uns zuförderst nach der Todtenfeier am Sabbath um, so tritt uns ein Minchahgebet des ■jnput entgegen, das bereits im 7. Jahrhundert bekannt war 5) und für ein galt, das an den Tod Moscheh's°) erinnern sollte, der nach der Sage an einem Sabbath um die Minchahzeit gestorben war. Später, vielleicht zur Zeit der Kreuzzüge?), nahm der Sabbathgottesdienst auch das Seelengedächtniß derer auf, die als Märtyrer für den Glauben gefallen waren, und zwar geschah dies durch das cromn hn im Schacharithgebete. — Was ferner den Jom Hakippur anlangt, so stand sein Charakter als Sühntag zu sehr mit unserm inbrünstigen Verlangen nach der Sühne und dem Seelenheil der Verstorbenen in Verbindung, als daß dem Letzter» nicht eine besondere Andacht hätte gewidmet werden sollen. — Welche Bewandtniß aber hat es mit der Todtenfeier an den übrigen Festen, am Peßach, Sch'wuoth und Suckoth? Den sichersten Anhaltspunkt bietet das Suckothfest. Am letzten Tage desselben, dem Simchath-Thorah^), wurde schon im 10. Jahrhundert die Trauer um das Hinscheiden Moscheh's durch synagogale Feier bekundet, woran bei uns noch heute einige Piutstücke erinnern. Allerdings begehen wir die allgemeine Todtenfeier nicht am letzten, sondern am vorletzten Tage des Festes, dem msy TDr. Jndeß liegt dieser Einrichtung wohl der Umstand zu Grunde, daß im Laufe der Zeit insofern eine Theilung der Seelenfeier eintrat, als dem Simchath-Thorah ausschließlich der Gedanke an Moscheh verblieb, die Freude am Gesetze sowohl, wie die Klage um den Tod des Gesetzgebers. Dem Tage vorher, dem Schmini Azereth, fiel daher die allgemeine Todtenfeier zu, welche an die Entschlafenen aus unserer Mitte erinnert. Geht die Todtenfeier am Hüttenfeste vom Tode Moscheh's aus: so hat die nämliche Feier am Peßach ihren Ausgangspunkt im Hinsterben zahlreicher Märtyrer, die am letzten Tage des Peßachfestes »iedergemetzelt'h wurden. — Das Sch'wuothfest endlich steht als „Pilgerfest" auf gleicher Linie mit Peßach und Suckoth, und wurde ihm schon aus diesem Grunde die Todtenfeier beigegebcn. Ein Anlaß zur Todtenfeier an den Festen mag auch in dem Charakter des Judenthums überhaupt zu finden sein. Denn es sollte diesen freudigen Erinnerungstagen nicht an einem gewissen ernsten Zuge in ihrer gottesdienstlichen Feier fehlen. Immer umfangreicher gestaltete sich die Todtenfeier in den Gemeinden Israels und immer charakteristischer wurde sie dadurch, daß die Namen Derjenigen, welche sich besondere Verdienste in ihren Gemeinden erworben hatten, öffentlich genannt wurden. Diese Namen waren in das Memorialbuch eingetragen und wurden bei der gottesdienstlichen Feier gesegnet. Spenden wurden dabei zu heiligen Zwecken gelobt und für das Seelenheil gebetet. 10) Kurz, wir haben es hier schon ganz und gar mit derjenigen Form des n~:;r, maüo zu thun, die sich zum Theil noch bis in unsere Zeit erhalten hat und deren Anfänge wir mindestens im 11. Jahrhundert zu suchen habend') Di-. Tobias Cohn, Rabbiner. 5) Peßiktha d' Rab Kahana in Section 2tso in net’ kennt es bereits; vgl. Zunz, Gottesdienstliche Vorträge S. ISS, und Salomo Buber, Einleitung <3. IX. 6) Abu Sarrham rav hv nmc. 7) Landshuth: Sidur S. 312. 8) Zunz, Ritus S. 87. s) Landshuth im rricy ' Toy zu Anfang. Brüx, im März. Politische Briefe aus Oesterreich. Von Rabbiner Dr. Deutsch. Im Vordergründe des allgemeinen Interesses steht das tieftragische Geschick des Kronprinzen, welches uns, als Bürger, die wir seit drei Jahrzehnten gewohnt waren, den Segen des Königspsalmes (45, 17.) „an Stelle deiner Väter sollen treten deine Söhne", wie eine Weissagung für unseren geliebten Herrscher zu betrachten, nicht minder erschüttert, wie es als Menschen uns ergreift, wenn wir in diesem entsetzlichen Unglücke, das Kaiser Franz Josef als Mensch und Herrscher ertragen muß, in dem Geschicke der Mutter, die von dem drückenden Zwang der Hofsitte sich losmacht, um in später Nachtstunde an dem Sarge des einzigen Sohnes zu beten, in dem namenlosen Unglück einer Wittwe in der Blüthe der!Jugend, die ein Schlag um die herrlichsten Hoffnungen be- - trogen hat, in dem Jammer eines Kindes, welches, wenn I auch int Purpur erzogen, doch eine Waise bleibt, wenn wir in dem allen die Wahrheit des göttlichen Wortes erkennen: j „nicht durch seine Macht ist stark der Mann." (1. Sam. 2.) 1 Was wir als Juden dabei verloren haben, zeigt das , unwürdige Verhalten der antisemitischen Blätter, die mitunter in einer Weise von dem erschütternden Ereigniß Notiz nahj tuen, als würde es sich um eine Loealneuigkeit handeln. Sie j konnten es wohl nicht verzeihen, daß der Kronprinz in Wort und Schrift sein Bekenntniß zu den grundlegenden Ideen des modernen Staates und zur Gleichheit aller Bürger so unumwunden geäußert hatte. Es war ein Verhalten, ähnlich dem der antisemitischen Blätter in Kaiser Friedrichs i kranken Tagen. Einzelne Vertreter der Kirche hatten auch hier den Standpunkt des Non possumus eingenommen und 10) Maimonid. RGA. 151. 11) Zunz, Geschichte und Literatur S. 319.