Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 11 (14.3.1889)
- Date
- 1889-03-14
- Page
- Seite 164 (sequence 4)
- Language
- German
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164 ein sehr geringer Erfolg daraus erwarten. In welcher alten oder modernen Sprache lassen sich wohl bei einer oder zwei Stunden wöchentlich irgend genügende Resultate erzielen? Man denke an die vielen Unterrichtsstunden, die auf den Gymnasien der lateinischen und griechischen Sprache und auf den Realschulen den modernen Sprachen gewidmet werden. Und nun handelt es sich hier nicht bloß um die Erlernung der hebräischen Sprache, sondern es muß uns um eine genaue Kenntniß der ganzen hl. Schrift zu thun sein. Diese kann deßhalb nur dadurch erreicht werden, daß bestimmte Stunden zum Lesen der Bibel in einer guten Uebersetzung mit Hinzufügung von Erklärungen, so weit die^ nöthig, angesetzt werden. Es versteht sich von selbst, daß hiermit nicht ein Durchlesen der ganzen hl. Schrift vom Anfang bis zum Ende gemeint sein kann. Die Bibel ist kein Schulbuch und enthält Vieles, was für die Jugend nicht paßt, Vieles, was dieselbe nicht zu interessiren vermag. Das Bibellesen muß also mit Auswahl stattfinden. Und wie viel Herrliches und Ergreifendes, ja für alle Zeiten des Lebens Fesselndes bietet sich da dem Lehrer und den Schülern dar. Führen wir nur Einiges an, wie die meisten Psalmen, die Kernsprüche in dem Spruchbuch Salomonis, die großartigen Schilderungen aus dem Leben des Menschen und von der Gerechtigkeit Gottes, sowie die mächtigen Bilder von den Geschöpfen Gottes, wie er jedem Wesen seinen selbstständigen Zweck — nicht etwa bloß zum Dienste des Menschen — gegeben hat, wie sie in dem unübertrefflichen Buche Hiob uns dargeboten sind, Stellen aus den Propheten, namentlich das Buch des zweiten Jesaias (Kapp. 40—66), die Geschichte Samuels, Sauls, Jonathans und Davids bis zur Thronbesteigung des Letzteren, die Geschichte des Elia und Elischa, die Bücher Esra und Nehemia u. s. w. Richtig vertheilt, giebt dies einen überaus reichen Stoff, dessen Bemächtigung für die Jugend von unübersehbarem Werthe ist. Es möge dies für heute genügen. An sich enthalten ja diese Anregungen nichts Neues. Wir wollen nur den Blick wieder darauf wenden und halten uns überzeugt, daß viele unserer Leser unseren Bemerkungen die weitere Erörterung nicht entziehen werden. Potsdam, im März. Zur Geschichte des niosw rron. Das nicsw rron ist eine gottesdienstliche Einrichtung. Wir verstehen darunter die heilige Sitte, das Gedenken an die Dahingeschiedenen mit dem öffentlichen Gottesdienste zu verbinden, in eine gottesdienstliche Form zu kleiden und für das Seelenheil der Verstorbenen in öffentlicher Andacht zu beten. Es ist nicht richtig, bei Uebungen, die dem innersten Empfinden des Herzens entsteigen und nichts Anderes sind, j als die unabweislichen Formen, mit welchen sich der aus tiefster Seele hervorbrechende Drang eines wahrhaft menschlichen Gefühls umgiebt, — es ist nicht richtig gedacht, in solchen Fällen nach Beginn und Ursprung zu fragen. Selbstredend hat sich die uralte Sitte, den Tobten ein weihevolles Gedenken zu stiften, die eben der innersten Natur und Empfindungsweise des Menschen entspricht, aus unvollkommenen Anfängen immer mehr entwickelt und an den Geist der fortschreitenden Zeit angelehnt. So gelangen wir in die Periode der Makkabäer, etwa um die Mitte des zweiten Jahrhunderts vor der üblichen Zeitrechnung, und begegnen hier zum ersten Mal einer Art öffentlicher Gedenkfeier der Tobten im jüdischen Volkes) Es war eine Todtenfeier für die, welche in ruhmreicher Schlacht auf dem Felde der Ehre und im Kampf für den Glauben gefallen waren. Diese bestand in Gebeten für das Seelenheil der Gefallenen, in frommen Spenden zu ihrer Sühnung und in geeigneter Ansprache an die versammelten Lebenden. Wie viele Namen tapferer Streiter, wie viele andererseits von wehrlosen Märtyrern in der Treue für ihren Glauben hat die Geschichte Israels in den folgenden Jahrhunderten auf ihren Blättern verzeichnet! Nichts war daher natürlicher, als daß die fromme Neigung erwachte, jene Vorbilder leuchtender Tugend in gottesdienstlicher Andacht zu feiern und das in dem Maße, als der Gottesdienst im Fortschritt der Zeit eine festere Norm und Gestalt annahm und sich überall nmn, b. „ Vereine"?) bildeten, welche sich dem Dienst der Verstorbenen widmeten. Und lag es nun nicht nahe, auch derjenigen Verstorbenen im Gottesdienste zu denken, welche dem Lebenden durch die innigsten und tiefsten Beziehungen des Lebens, sei es durch Geburt und Familie, oder durch Lehre und Beispiel, oder durch Freundschaft und liebevolle Erweisungen nahe gestanden haben? Das ist die Erklärung, wie eine weiter umschriebene Todtenfeier ihren Weg in den öffentlichen Gottesdienst fand und an Sabbathen und Festen zum Ausdruck kam. Wir können zwar nicht angeben, wann dieser Gebrauch einer allgemeinen gottesdienstlichen Feier eingeführt wurde; allein schon die Urkunden aus dem 9. Jahrhundert sprechen davon wie von etwas Althergebrachtem, und der Verfasser des Thanchuma, der mindestens um diese Zeit lebtet, schreibt^): „Daher sind wir gewöhnt, der Tobten am Sabbath zu gedenken"; — „daher besteht der Brauch, der Tobten am Versöhnungstage zu denken und Spenden für ihr Seelenheil zu weihen." Sehen 1) 2. Makkabäer 12, 42 bis zu Ende. 2) Bon solchen Vereinen in Jerusalem berichtet bereits Tractat Semachoth Kap. 12. 3) Zunz, Gottesdienstliche Vorträge S. 263. 4) 1JN H2W2 DT)DH Tüirtf lUMN* 4np“nj Q.T^y pic-sta omsdh üv2 crnm dn