Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 11 (14.3.1889)
- Date
- 1889-03-14
- Page
- Seite 163 (sequence 3)
- Language
- German
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163 ihre Beiträge zu all' den für die Arbeiter bestimmten Hilfskaffen zu leisten, und zu dem Sabbath des Gesetzes nimmt man immer wieder seine Zuflucht, wenn man ein menschenwürdiges Dasein sichern will. Freilich das mosaische Gesetz hatte noch höhere Ziele, welche dem jetzigen Staate noch fern liegen. Es wollte von Anfang an das Ueberhandnehmen des Reichthums und der Armuth und das Einreißen des Schuldenwesens verhindern; es wollte vor Allein auch das sociale Leben auf eine sittlich-religiöse Basis stellen und den Menschen die Güter der Erde nicht bloß vom materiellen, sondern auch vom seelischen Standpunkte in Recht und Liebe, in Mäßigkeit und Frömmigkeit genießen lassen. Ob die Entwickelung der Menschheit sie jemals auf diese Stufe erheben werde, können wir nur dem Glauben überlassen. Die israelitische Sibelanstall. Der Wiederbeginn des Verkaufs dieser Bibeln und die dadurch geschaffene Erleichterung, dein Bibelbedürfniß zu genügen, veranlaßt uns, unseren Lesern folgende Bemerkungen vorzulegen. Es ist schon lange eine Klage bewährter Beobachter, daß die Bibelkenntniß unter den Juden in erschreckendem Maße abgenommen hat. Zahlreiche Glaubensgenossen wissen von der Bibel weniger als von irgend einem anderen Literaturerzeugnisse. Und doch wird Niemand verkennen, daß die Bibelkenntniß das Fundament und die Befestigung unserer religiösen Anschauung für das ganze Leben bildet. Dies ist ja der große Vorzug des Judenthums, daß seine Lehren und Vorschriften aus dem Boden der Jahrtausende hervorgewachsen und in denselben durch alle Geschlechter religiös erziehend und sittlich aufrecht erhaltend wirkten, indem sie den Geist und den energischen Ausdruck aus der hl. Schrift unmittelbar in die Bekenner des Jndenthums verpflanzten. Nicht aus den Eombinationen der wechselnden Generationen, sondern aus den Tiefen des göttlichen Geistes, wie er die erwählten Männer erfüllte, ist diese Erkenntniß und dieses Gesetz hervorgegangen und findet seine wesentliche Erhaltung nicht in modernen Nuanciruugen, sondern durch das ursprüngliche Wort. Wodurch ist nun dieser Mangel an Bibelkenntniß, diese Vernachlässigung der hl. Schrift in der religiösen Erziehung der Juden herbeigeführt worden? Zwei Wege giebt es, auf welchen der Jugend eine erfreuliche Bibelkenntniß beigebracht wird: durch das Auswendiglernen vorzüglicher Schriftstellen und durch Bibellesen mit Erklärung. Hierbei wollen wir folgende Bemerkung nicht unterdrücken. Was dem jüdischen Religionsunterricht Noth thut, und wozu er sich auch, wie es uns scheint, bereits angeschickt hat — es ist dies besonders das Verdienst der Lehrerkonferenzen — das ist in Zweck und Methode wieder selbständig zu werden, seinem eigenen Wesen nachzufolgen und die Mittel aufzusuchen, die sich für ihn eignen. Eine Zeit lang fand hierin viel zu viel Abhängigkeit von den Strömungen der evangelischen Kirche und Schule statt. Als in Preußen durch die bekannten Vorschriften und Regulative den Lehrern aufgegeben wurde, der Jugend eine ungeheure Masse von Bibelsprüchen und Gesangbuchversen beizubringen, und hierin besonders das Lehrziel für den Religionsunterricht gesetzt ward, erhob sich ein allgemeiner Widerstand, der in diesem erdrückenden Gedächtnißkram viel eher die Ursache von Widerwillen und Abnejgung gegen die hl. Schrift erblickte, als ein wirksames religiöses Bildungsmittel. Wie man gewöhnlich unter solchen Umständen viel zu weit geht und das Kind mit dem Bade ausschüttet, so auch diesmal. Der allgemeine Ruf erhob sich: Kein Memoriren von Bibelstellen und Gesangbuchversen mehr! es ist dies bloß Gedächtnißkram, eine überflüssige Last, unter welcher das eigene Denken verloren geht! Dieser, leicht in ein pädagogisches Gewand gekleidete Gegensatz fand bei den jüdischen Lehrern allzuvielen Anklang. Bon dem Streben nach pädagogischer Ausbildung! ergriffen, nahmen sie jenen Ruf in sich auf, und da hier jede Aufsicht und Controle fehlt, so gingen sie darin viel zu weit. In der That verfehlt ein allzu starkes Anhäufen und! Auswendiglernen von Schriftstellen seinen Zweck: eine verdrängt die andere und in der Masse gehen die meisten verloren. Uns muß es darauf ankommen, bedeutende, der Empfindung und des Sinnes reiche Stellen vermittelst des Gedächtnisses der jugendlichen Seele so einzuprägen, daß sie in ihr eine bleibende Stätte finden, der ganzen Gedankensphäre eine bestimmende Richtung geben und in allen Momenten des Lebens, wo es Noth thut, aus dem Hintergründe der Seele hervortreten und einen bestimmten Einfluß ausüben. Es ist dies durchaus psychologisch wahr und richtig und darf deßhalb nicht hintangesetzt werden. Ja, solche gewichtige Schriftstellen bilden feste Fäden zwischen dem Geiste und seinem religiösen Bewußtsein, und ihre Wirksamkeit ist ebenso oft unbewußt wie bewußt. Es ist deßhalb durchaus nothwendig, daß, ohne wieder in Uebertreibung zu fallen, das Anführen und Auswendiglernen von Schriftstellen von neuem ein integrirendes Moment unseres Religionsunterrichtes werde. Aber nicht minder wichtig ist das Bibellesen nebst Erklärung im Religionsunterrichte. Man hat immerhin die Aufmerksamkeit auf den Unterricht in der hebräischen Sprache und im Uebersetzen des Urtextes, natürlich nur für Knaben, gelichtet. Von welcher Wichtigkeit dieser ist, brauchen wir heute nicht auseinanderzusetzen. Aber wir dürfen uns die Wahrheit nicht verhehlen. Wie die Dinge jetzt liegen und wie viel Zeit in der Regel auf diesen Unterricht verwendet werden kann, läßt sich für die Kenntniß der hl. Schrift nur 11*