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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-03-07 · Heft 10 (7.3.1889) · p. Seite 155

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 10 (7.3.1889)
Date
1889-03-07
Page
Seite 155 (sequence 11)
Language
German
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155 den anderen Zweig, die Heranbildung von Handwerkern und Künstlern betrifft, so hat er einen viel geringeren Anklang gefunden, und obgleich das Curatorium, namentlich in der letzten Zeit, sich außerordentliche Mühe gab, Zöglinge zu gewinnen, so ist ihm dies doch nur in geringem Maße gelungen. Wir wollen deshalb unsere Leser ganz besonders hierauf aufmerksam machen, denn das Curatorium würde das bereitwilligste Entgegenkommen bethätigen. — Die Anstalt hat einige Fonds; auch erhält sie eine Subvention aus Staatsmitteln. Dies reicht aber lange nicht aus, die großen Kosten zu decken, welche die Anstalt erfordert, noch dazu, da die Seminaristen in der Anstalt Beköstigung erhalten und nur wenige Individuen dafür etwas zu zahlen im Stande sind. Dies hat sich sogar vermehrt. Nach den staatlichen Vorschriften kann der Seminarist erst mit dem 20. Lebensjahre in das praktische Leben eintreten. Da der Cursus des Seminars drei Jahre befaßt, so würde nur ein 17jähriger Jüngling in dasselbe ausgenommen werden. Dies wäre jedoch zu spät und das Seminar liefe Gefahr, keine oder nur sehr wenige Zöglinge zu erhalten. Dazu kam das Bedürfniß, die Zöglinge zu präpariren, und so hat das Seminar eine Präparandenschule von einem oder zwei Jahren eingerichtet, während welcher Zeit sie ebenfalls in der Anstalt ernährt werden. Diese ist deshalb noch immer auf jährliche Sammlungen von Ort zu Ort angewiesen, und es muß rühmend hervorgehoben werden, daß die Ortsbehörden sich diesem Geschäfte unterziehen, was hier und da gewiß einen guten Erfolg hat. Demungeachtet bleiben solche Sammlungen stets schwankend und unzuverlässig, und es wäre deshalb wünschenswerth, daß immer mehr Gemeinden statt der Sammlungen feste Jahresbeiträge auf ihren Etat übernähmen, was bereits eine Anzahl gethan hat. Die Einnahmen und Ausgaben balancirten 1888 mit 18,075 M. (einschließlich des Staatszuschusses von 6000 M.). Hoffen wir, daß die Einsicht und der gute Wille unserer Glaubensgenossen den Bedürfnissen dieser unentbehrlichen Anstalt gerecht zu werden fortfahren werden. Oesterreich-Ungar«. Wien, 23. Februar. Nach dem Anträge der deutschliberalen Abgeordneten auf Einrichtung von Arbeiterkammern hatte das Haus beschlossen, eine Enqutzte anzustellen, ob die Arbeiter diesem Vorschläge beistimmen, und zu diesem Zwecke eine Anzahl Arbeiter aus allen Theilen des Reiches zu berufen. Die Berathungen hatten angefangen. Alsbald versuchten die Antisemiten, die angelangten Arbeiter zu sich herüberzuziehen. Es wird berichtet, daß der Abgeordnete Pater Eichhorn im Verein mit antisemitischen Lehrern die Experten in das Lager der Antisemiten hinüberziehen wollte und zu diesem Zwecke für gestern Abend eine Zusammenkunft veranstaltet hatte. Der Plan Eichhorn's scheiterte vollständig, weil die Arbeiter sich wohl als Gegner der deutschliberalen Opposition bekannten, aber nur aus politischen, nicht aus Rücksichten auf Glauben und Rasse. Wien, 23. Februar. Der Jmmunitätsausschuß des Abgeordnetenhauses bewilligte einstimmig die gerichtliche Verfolgung des antisemitischen Abgeordneten Bergani wegen Ehrenbeleidigung. Wien, 26. Februar. Ich habe es bis jetzt nicht über mich vermocht, über das Hinscheiden des Kronprinzen zu schreiben. Welch' ein edler Geist ward hier zerstört! Die Antisemiten und Clericalen wußten wohl, warum sie sich diesem Falle gegenüber so kühl und ablehnend verhielten, wenn sie sich nicht gern schadenfroh in's Fäustchen lachten. Zu ihrer Partei gehörte er nicht und hat sich wiederholt gegen das Treiben der Antisemiten ausgesprochen. — Die Antisemiten und Clericalen haben jetzt auch einen schweren Standpunkt in Betreff ihrer Stellungnahme zum ungarischen Ministerpräsidenten v. Tisza. Wie die Leser aus den politischen Zeitungen wissen werden, tobt jetzt in Ungarn der Kampf gegen Tisza wegen des Wehrgesetzes. Nun ist Tisza bei unseren Clericalen schon als Calvinist schlecht angeschrieben. Diese und die Antisemiten machen ihm überdies den großen Vorwurf, daß er die Juden begünstige, obschon sie dafür keine Thatsachen anzuführen wiffen. Unter diesen Verhältnissen würde es sich von selbst ergeben, sich der Opposition nicht anzuschließen, aber auch hier befinden sich Juden, und manche derselben stehen sogar an der Spitze der Bewegung. Die Verlegenheit ist daher groß. Es ist überhaupt höchst lächerlich zu sagen, daß die Juden, als solche, der einen oder der anderen Partei angehören. Sie befinden sich nnter allen Parteien, auf sämmtlichen Gebieten des politischen, staatswirthschaftlichen, literarischen und künstlerischen Lebens, und es fehlt uns sogar nicht an jüdischen Antisemiten. Die faulen Zustände und Verhältnisse unserer Zeit fördern überhaupt Erscheinungen zu Tage, die man nicht für möglich hielte, wenn sie nicht wirklich existirten. Ich hebe folgenden Fall hervor: Im hiesigen Gemeinderath befindet sich vr. Mandel, ein Jude, der sozusagen die Turbulenz in den Gemeinderath gebracht hat. Nun sollen demnächst die Gemeinderathswahlen stattfinden, und wie es heißt, wird ein großer Theil der Antisemiten für vr. Mandel stimmen. Pest, 25. Febr. (Privatmitth.) Der großherzige Philanthrop, Baron Hirsch, hat für die in Bedrängniß gerathenen Gewerbsleute in Wien und Pest neuerdings eine große Summe ausgeworfen, deren Zinsenerträgniß jährlich zusam- 10*

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