Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 10 (7.3.1889)
- Date
- 1889-03-07
- Page
- Seite 153 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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153 ,Freisinnigkeitt, mit dem er sich auf politischem wie auf religiösem Gebiete vielfach bedeckt, von der Schulter risse." Sollte der Begriff „jüdischer Geist" in der allgemeinen Meinung wirklich so weit gesunken sein, als es der sonst nicht antisemitisch gesinnte Redacteur angiebt? (Unser Herr Correspondent hat es sich leicht gemacht, indem er nur das obige Citat uns bietet. Es kann aber nicht ohne eine Bemerkung gelassen werden. Der evangelische Geistliche glaubt genug gethan zü haben, indem er diejenigen tadelt, welche alle Glieder einer Classe oder Confession in Einen Topf werfen und Eigenschaften, die unter ihnen selbst verbreitet sind, Anderen zuschreiben oder sie von ihnen herrühren lassen. Wir können uns biermit nicht begnügen. Wir müssen protestiren gegen den Mißbrauch, der mit dem Worte „jüdischer Geist" getrieben wird, indem man ihm einen düsteren Schemen unterschiebt, der er nie gewesen. Man glaubt nun eben, Schmach und Hohn ungestraft mit Judenthum und Juden verbinden zu dürfen. Wollt Ihr wiffen, welches der wahrhafte „jüdische Geist" ist? Der Geist der Gotteserkenntniß, der Liebe und Gerechtigkeit, erhaben über alles Materielle und Persönliche, wie er in den unvergleichlichen Schöpfungen der h. Schrift zum Ausdruck gekommen — wie er sich in der talmudischen Hagada als einen Geist der Hingebung, der Selbstaufopferung, der Kasteiung bethätigt und die Fülle reiner Sittlichkeit in der Hagada entfaltet, so daß die göttlichen Gebote O’DtP rrcte ^ny allen irdischen Vortheilen und allen irdischen Genüssen weit vorangestellt wurden; — wie er zum Geiste des Martyriums unter den härtesten Verfolgungen und Bedrückungen wurde, der Gut und Blut der Treue gegen seinen Gott willig opferte; — wie er aber auch unter dem Einflüsse der Freiheit in einem Jahrhundert die Culturenlwickelung aller civilisirten Völker durchmachte und in sich aufnahm, der Humanität und der Bildung alle seine Kräfte widmete! Dies ist der wahre „jüdische Geist" wie er sich in unserer mehr als dreitausendjährigen Geschichte bekundet hat, der aber auch der Geist des innigen Familienlebens, des Fleißes und der Mäßigkeit und des Abscheues gegen alle groben und rohen Verbrechen ist. — Mag man nun diesen Geist absichtlich verkennen und schmähen: es wird die Zeit kommen, wo auch dieser Schleier fallen und die Wahrheit anerkannt werden wird. Redaction.) Frankfurt a. M., 25. Februar. Am Mittwoch Abend hielt der Verein zur Bekleidung hilfsbedürftiger israelitischer Schulknaben seine Generalversammlung unter dem Vorsitz des Raph. M. Kirchheim ab. Der Bericht meldete, daß im Jahre 1888 216 Knaben mit Kleidungsstücken versehen worden sind, gegen 210 in 1887. Die Mitgliederzahl erhöhte sich zwar von 461 aus 465, und deren Beiträge von 3156 M. auf 3167 M. Die Geschenke fielen von 3517 M. auf 3205 M. Der Cassabestand belief sich Ende 1888 auf 54 M., das Vermögen auf ca. 32,000 M., während die Ausgaben 9446 M. betrugen. Die aus der Verwaltung austretenden Herren wurden wiedergewählt. Frankfurt a. M., 27. Febr. (Privatmitth.) Zu den besten und segensreichsten Anstalten, welche unsere Zeit geschaffen, gehört anerkanntermaßen die Achava, Verein zur Unterstützung hilfsbedürftiger israelitischer Lehrer, Lehrerwittwen und Lehrerwaisen in Deutschland. Seit 1864 begründet, hat sie soeben ihren 24. Rechenschaftsbericht für das Jahr 1888 ausgegeben. Wir glauben unsere Leser über die Wirksamkeit und den Stand dieses Vereins nickt besser unterrichten zu können, als indem wir hier das Vorwort des Berichtes wiedergeben. Kann man daraus doch am besten auch die Verbreitung der Achava wahrnehmen. Doch bitten wir unsere Leser, die Lectüre nicht allzu oberflächlich vorzunehmen, sondern alle einzelnen Punkte zu erwägen. Denn noch lange ist die Zeit nicht gekommen, wo ein solcher Verein von seinen eigenen Mitteln bestehen kann, sondern in sehr umfänglichen Maße bedarf er» um zu wirken und zu wachsen, der Unterstützung aus wohlthätigen Händen. Das Vorwort lautet: In fortgesetzter und erfreulicher Arbeit ist das Jahr 1888 zu Ende gegangen, und mit freudiger Genugthuung können wir das Wirken der Achawa wieder als ein segenvolles bezeichnen. Wir vermochten sämmtliche an uns gerichteten Gesuche in genügender Weise zu berücksichtigen und in vielen Fällen augenblicklicher Roth oder plötzlicher Erkrankung helfend und rettend einzugreifen. Aus dem Reservefond verabreichten wir 1810 M., während die zu Jahresunterstützungen bestimmte Summe sich auf 9650 M. belief. Es kamen somit im Ganzen im abgelaufenen Jahre 11,460 M. zur Vcrtheilung. Die Einzelheiten ergeben sich aus der Seite 16 aufgeführten Zusammenstellung. Von den mit Jahresunterstützungen Bedachten kom men auf Anhalt. 1 Baden. 7 Bayern.14 Coburg. 1 Hamburg. 1 Hessen (Großherz.) 5 Lippe. 1 Meiningen.... 1 Sachsen (Kgr.) . 1 Preußen: Prov. Brandenburg . 1 „ Hannover. . . 4 „ Hessen-Nassau 14 „ Posen..... 1 „ Sachsen. ... 1 „ Schlesien ... 1 „ Schleßw.-Holst. 1 „ Westfalen ... 2 57 Bon den aus dem Reservefond Unterstützten entfallen auf io