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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-03-07 · Heft 10 (7.3.1889) · p. Seite 150

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 10 (7.3.1889)
Date
1889-03-07
Page
Seite 150 (sequence 6)
Language
German
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150 der Presse, des Handels und der Industrie, der Besitz unermeßlicher Reichthümer rc. seitens der Juden nicht solche Fabeln und Märchen, mit denen man den Bewohnern der Kinderstuben wohl graulich machen kann, an denen aber nur das eine Körnchen Wahrheit ist, daß die Juden auf den mannigfachsten Gebieten des Lebens sich emsig bethätigen und dadurch als überaus nützliche Glieder von Staat und Gemeinde bewähren? Wenn darum der Aufhebung der, für Millionen Unbemittelter schwer drückenden Getreidezölle kein größeres Hinderniß entgegensteht, als daß die Antisemiten möglicherweise dadurch eine neue Handhabe für ihre böswilligen Machinationen gewinnen könnten, so sei sie ihnen immerhin vergönnt; wir legen mit manchen anderen auch dieses Opfer willig auf den Altar des Vaterlandes und des allgemeinen Besten nieder und getrösten uns damit, daß mit allen sonstigen Vorwänden, die sie sich zur Geltendmachung ihres Hasses und ihrer Feindseligkeit geschaffen, auch dieser, wann die Zeit gekommen sein wird — und sie ist sicher nicht mehr fern — den Weg alles Fleisches gehen und ihren Urhebern nur das Brandmal der Schmach und Schande zurücklassen werde, wie ja die von ihnen angezettelte Agitation mit diesem Ehrentitel schon in ihrem Beginn von dem hochseligen Kaiser Friedrich belegt worden. Mit diesem Argument für seine Sache hat also Herr v. Kardorf gründlich fehlgeschossen. Wie steht's nun mit dem anderen, daß, wer die Kornzölle bekämpfe, ein Jntereffe daran haben müsse, die Unzufriedenheit unter der Arbeiterklasse zu vermehren? Wieder ein Sphinx-Räthsel! Das könnte doch nur dann der Fall sein, wenn letztere jene billigten und recht sehr dafür eingenommen wären. Da sie aber am meisten den Druck der Getreidezölle, besonders nach der in Folge der letzten Mißernte eingetretenen Theuerung des nöthigsten Lebensmittels, empfinden und mit ihrer Aufhebung oder mindestens bedeutenden Ermäßigung äußerst zufrieden wären, wie sollte man demnach durch die Agitation hierfür Noth und Unzufriedenheit in ihrer Mitte verstärken? So legt denn ein Bertheidigungsgrund nur um so einleuchtender die Wurmstichigkeit des anderen dar, und erweisen sich beide gleichermaßen als haltlose Sophismata, weshalb dos Endurtheil über das ganze Plaidoyer des Herrn v. Kardorf nicht bündiger und treffender gefällt werden kann, als in den Worten des Abgeordneten Broemel: „Getreidezölle und Antisemitismus sind einander würdig, beide sind Rückfälle in eine frühere Culturperiode, und können nur durch den Fortschritt zu einer höheren Cultur überwunden werden." Wie lange wir uns bis zu diesem siegreichen Durchbruch noch zu gedulden haben, ist nur dem Lenker aller Menschengeschicke bekannt, doch deuten viele Anzeichen darauf hin, daß diese Frist nicht mehr allzulang bemessen sein werde. Mit dieser tröstlichen Aussicht in eine nicht ferne Zukunft läßt sich das Leid der Gegenwart wohl leichter tragen. vr. S. M. S.tern. Berlin, 25. Februar. (Privatmitth.) Im Statut des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes befindet sich auch die Bestimmung, daß der Bund für die Verbreitung der richtigen Kenntniß des Judenthums wirken solle. Um dieser zu genügen, verbreitet jetzt der Bund ein Flugblatt „Grundsätze der jüdischen Sittenlehre." „Die Formulirung der Sätze ist von einer aus Gelehrten und Laien bestehenden Commission in mehrjähriger Arbeit hergestellt worden." Wir geben dieselben wortgetreu wieder. Den Inhalt wird selbstverständlich jeder Sachkundige, jeder nur irgend in seiner Religion unterrichtete Jude anerkennen und billigen. Es ist eben und konnte nicht anders sein, als die dem biblischen Boden erwachsene, durch alle Perioden unseres Schriftthums ausgebildete Sittenlehre. Was wir vermissen, ist, daß diese Ethik zu selbständig und zu wenig im Zusammenhangs mit der Gotteslehre und mit dem Leben in Gott aufgebaut ist, was doch ein integrirendes Element der jüdischen Ethik nach der h. Schrift ist. Auch ist das Familienleben mit Stillschweigen übergangen, was doch schon die Zehn Gebote mit in den Vordergrund des jüdischen Lebens stellen. chuÄhrt- Grundsätze der jüdischen Sittenlehre. 1-DieEmbeit 1. Das Judenthum lehrt die Einheit des er hell. Menschengeschlechts. Wir haben alle einen Vater, Es gebietet ein Gott hat uns alle erschaffen, deshalb: 2. den Räch- 2. Das Judenthum gebietet: „Liebe Demen sten zu lieben, Nächsten wie Dich selbst" und erklärt dieses alle Menschen umfassende Gebot der Liebe als Hauptgrundsatz der jüdischen Religion. Es verbietet daher: gegenüber Jedermann, gleichviel welcher Abstammung er sei, welcher Nation er angehöre und zu welcher Religion er sich bekenne, jede Art von Gehässigkeit, Neid, Mißgunst und liebloses Verhalten; es fordert Recht und Redlichkeit und verbietet Ungerechtigkeit, insbesondere jede Unredlichkeit in Handel und Wandel, jede Uebervortheilung, jede Benutzung (Ausbeutung) der Noth, des Leichtsinns oder der Unerfahrenheit eines Andern sowie jeden Wucher und jede wucherische Ausnutzung der Kräfte Anderer. 3. den Nachz. Das Judenthum gebietet: das Leben, die ' ^Recht zu Gesundheit, die Kräfte und den Besitz des Nächschützen, j|en jU ach^n. Es verbietet daher: durch Gewalt oder List oder in sonstiger widerrechtlicher Weise den Neben-

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