Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 10 (7.3.1889)
- Date
- 1889-03-07
- Page
- Seite 149 (sequence 5)
- Language
- German
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149 Zugeständniß an die katholische Kirche kommen, sondern erhält sie ängstlich wachsam. Und in der That können wir behaupten, daß dieser Antrag mit seinem ganzen Apparat doch nur eine Machtspeculation, mit dem Eifer für Schutz und Gestaltung des Religionsunterrichtes geringe Beziehungen hat und nur politische Zwecke verfolgt. Wer dies nicht einsieht, der braucht nur die Reden der Herren vom Centrum selbst zu lesen, in welchen sich auch nicht eine Spur von Schwung und Begeisterung findet, sondern nur nüchterne Rechtsdeductionen. Ebenso .wenig vermochte sie Thatsachen anzuführen, welche die jetzige Behandlung des Religionsunterrichtes compromittirten. ~ Man wird fragen, inwiefern uns der Antrag mit seiner Verhandlung interessire? Was den Religionsunterricht an sich betrifft, so sind wir allerdings sehr wenig daran betheiligt. Bis vor Kurzem hat sich kein Mensch um den jüdischen Religionsunterricht bekümmert und nur jetzt frägt man etwas nach ihm, da in einigen höheren Lehranstalten der jüdische Religionsunterricht eingeführt worden und schulplanmäßig behandelt wird. Da kann auch dieses Interesse bedeutend wachsen. Aber noch von einer ganz anderen Seite. Nicht wenige Inden wohnen in Landschaften, die nur von Katholiken bewohnt sind, in welchen also auch die öffentlichen Schulen katholisch sind. Was verlangt man nun? Daß nicht blos der Religionsunterricht solcher, sondern auch aller Unterricht religiös sein soll, nach der Confession zurecht geschnitten (man denke an die Geschichte), religiös durchdrungen sei. Da rückt uns doch die Sache immer mehr auf den Hals. Und noch ein Anderes. Daß der katholische Religionslehrer eine missio canonica, d. h. eine Bestätigung der kirchlichen Behörden, haben muß, ist selbstverständlich. Nun verlangt aber der Antrag, daß sobald die kirchlichen Behörden, also auch der nächste Kaplan, Etwas gegen den Lehrer findet, natürlich unter dem Scheine, daß es gegen den Willen der Kirche sei, diese jenen abzusetzen das Recht haben soll. Auf diese Weise würden die Lehrer vollständig geknechtet werden. Denn schon die Entziehung der missio canonica ist so gut wie eine Amtsentsetzung des Lehrers. Besteht doch in Preußen die Hälfte der Schulen in einclassigen, so daß der Religionsunterricht von den übrigen für den Lehrer gar nicht getrennt werden kann. Ebenso soll den kirchlichen Behörden die Bestimmung der Zeit, der Lehrbücher, der Vertheilung des Lehrstoffes, der Methode überlassen sein. Dadurch trete der Religionsunterricht ganz aus dem Rahmen des übrigen Unterrichts hervor, ja überwuchere diesen und brächte die Schule auf die Stufe des vorigen Jahrhunderts zurück. — Es ist somit gar nicht denkbar, daß das Centrum mit diesem Anträge, den es freilich immer zu wiederholen droht, irgend etwas Practisches erzielte. Im Gegentheil wird es sich durch die Unumwundenheit dieser Forderungen viele vernünftige Menschen entfremden. Man kommt deshalb zu dem Glauben, daß der ganze Vorgang nur einen tactischen Zweck hat, und zwar innerhalb der Anhänger der Centrumswahlen. %liku,VVCj4ViaC fj ke'lA,. Deutschland. Berlin, im Februar. (Privatmitth.) Die Sphinx gab ein Räthsel auf, das wahrlich auch ein Geringerer als Oedipus (mit „Mensch") zu lösen im Stande gewesen wäre, doch die Räthsel, in denen der Abgeordnete v. Kardorf spricht, bleiben auch dann noch problematisch, wenn ihre Lösung schon nahezu gefunden. Es wird in der Kammer über die Getreidezölle debattirt, und die Socialdemokraten beantragen sie Aufhebung derselben und motiviren diesen Antrag mit deren Schädlichkeit für die allgemeine Wohlfahrt und insbesondere für den Arbeiterstand. Da wendet Herr v. Kardorf ein, daß dies schon deshalb nicht rathsam wäre, weil man damit dem Antisemitismus, dem er nicht hold sei (?), nur noch mehr Vorschub leisten würde. Wie hängen denn Kornzölle und Antisemitismus mit einander zusammen? fragt Jeder und findet keine Antwort. Da weist der Abgeordnete Rickert ungefähr den Weg zur Lösung der Sphinx - Aufgabe, indem er sagt, es wäre wohl Herrn v. Kardorf und seinen Parteigängern unerwünscht, wenn die Schottländer, Friedländer, Cohn und Levy nach Aufhebung der Kornzölle etwa leichter in Besitz der Güter mancher hohen Herren gelangten, und dadurch fürchte er wohl, werde dem Antisemitismus noch mehr Nahrung zugeführt werden. Also das ist des Pudels Kern, läßt sich darauf Abgeordneter Broemel vernehmen; nun deshalb können und wollen wir die Kornzölle nicht beibehalten, und auch unsere freisinnigen jüdischen Mitbürger werden darin mit uns sicher eines Sinnes sein. Gewiß! und sollten die Kläffer darum auch noch lauter heulen, auf etwas mehr oder weniger kommt's doch nicht an. Sind sie denn um Anlaß dazu verlegen? Haben sie solchen nickt immer vom Zaun gebrochen und ihre wüthigen Ausbrüche mit allerlei Erdichtungen,Verdrehungen und Verleumdungen motivirt? Sind die Beherrschung