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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-03-07 · Heft 10 (7.3.1889) · p. Seite 146

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 10 (7.3.1889)
Date
1889-03-07
Page
Seite 146 (sequence 2)
Language
German
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146 ihrer Kreise angelegen sein zu lassen. Es ist eine einfache religiöse Forderung, daß in jedem jüdischen Hause wenigstens ein Exemplar der h. Schrift und nach den jetzigen Verhältnissen auch eine Uebersetzung derselben vorhanden sei. Diesem Bedürfniß kann jetzt aufs Leichteste genügt werden. Aber wir wissen ja, in der Gegenwart ist auf diesem Gebiete am Bedürfniß nicht genug, es muß eine Anregung, eine kräftige Fürsprache hinzukommen, um zu diesem Ziele zu gelangen. Und fürwahr, die Anwesenheit der h. Schrift in der Familie verfehlt ihre Wirksamkeit nicht. Sie ist an und für sich schon Zeugniß und Erinnerung, und es kommen dann immer doch die Zeiten, in welchen der Jude;u seiner Bibel greift, um sich zu unterrichten, zu erbauen, zu stärken. Es muß wieder dahin kommen, daß dem Individuum das Lesen in der h. Schrift als eine Pflicht erscheint, der er, abgesehen von der Frucht dieser Lectüre, zu genügen habe. Möge dieses Ziel erreicht werden, mögen die fortgesetzten Ausgaben unserer Bibeln hierzu mithelfen!— Selbstverständlich wird die oben benannte Verlagsbuchhandlung sich gern mit den Herren Vorstehern, Rabbinern und Lehrern in Verbindung setzen, um die Verbreitung und den Vertrieb der Bibeln zu erleichtern. Jean Dratiano und Ädolf Stöcker. Es ist eine bemerkenswerthe Erscheinung, daß in den letzten Jahren, mit geringer Ausnahme, alle Diejenigen, welche die antisemitische Bewegung theils hervorgerufen, theils gefördert, und sich mit ihrem Antisemitismus brüstend, eine Rolle gespielt haben, in recht schmählicherWeise vom Schauplatze abgetreten sind. Man erinnere sich, daß dies nicht in Folge ihrer antisemitischen Unthaten, sondern anderer unsittlichen Handlungen wegen geschehen ist, durch welche sie mehr oder weniger mit dem Strafrichter in Berührung kamen. Es thut uns leid, daß wir nicht sagen können, unsrer Zeit wohne so viel Energie des Rechtsgefühls ein, daß diese antisemitischen Geister wegen der Boshaftigkeit, die sie gegen eine Klasse ihrer Mitbürger übten, wegen ihrer Verleumdungssucht und Hetzerei von der öffentlichen Meinung zurückgestoßen wurden. Dies war eben nicht der Fall, und wir müssen der Wahrheit die Ehre geben. In diesem Augenblicke lenken nun zwei Häupter der Antisemiten die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich, der eine wird bereits in Untersuchung gezogen, dem anderen droht die Disciplinaruntersuchung, wie gesagt, nicht wegen ihres Antisemitismus, sondern eben wegen anderer sehr gewichtiger Dinge. Der eine ist der frühere Ministerpräsident Rumäniens, Jean Bratiano, der über zehn Jahre die Geschicke des rumänischen Staates so gut wie willkürlich leitete. Endlich wurde er durch den Unwillen des Volkes und die Verbindung der Conservativen gegen ihn gestürzt. Hatte sich doch Bratiano in schlauester Weise für sich und seine Partei des Titels der Liberalen bemächtigt, obschon er nichts weiter als Druck und Gewaltthätigkeit übte. Alsbald durchdrang die Meinung das ganze Volk, daß es mit dem bloßen Verluste des Amtes nicht genug sei. Zunächst wurde der Kriegsminister in gerichtliche Untersuchung gezogen und zu Gefängniß und Geldstrafen verurtheilt. Sollte aber das Haupt dieser politischen Bande, die u. A. Rumänien in einen volkswirthschaftlich so schädlichen Zollkrieg mit dem gegen den kleinen Nachbarstaat so überaus nachsichtig gewesenen Oesterreich-Ungarn Hineintrieb, leer ausgehen? Der Deputirte Blahremberg brachte einen Antrag ein, Bratiano in Anklagezustand zu versetzen. Dieser Antrag wurde zwar nicht angenommen, doch nur mit 80 gegen 79 Stimmen abgelehnt. Dagegen fand alsbald ein Antrag auf die Einsetzung einer Untersuchungscommission eine sehr große Majorität. Die Commission wurde gewählt, und trat alsbald in Thätigkeit. Es kommt uns nun nicht darauf an, zu welchen Resultaten diese Untersuchung führen, welche Beurtheilung Bratiano finden werde. Genügend ist es, daß der Mann vor dem Untersuchungsrichter erscheinen muß, bezichtigtvielfachen Mißbrauchs seines Amtes, welcher sich — außer etwa Jgnatiew — als der heftigste und gewaltthätigste Verfolger der Juden erwiesen hat! Er war es, der den Berliner Congreß um dessen principielle Bestimmungen durch die Form einer Verfassungsänderung betrog; er war es, der schon Jahre vorher das rumänische Volk gegen seine jüdischen Landsleute aufhetzte und Gewaltthaten guthieß; der den Juden den Eingang zum Bürgerrechte verrammelte, der eine Reihe von Ausnahmegesetzen erwirkte, durch welche Tausende jüdischer Familien dem Hunger übergeben wurden; der seinen Beamten die abscheulichste Willkür gegen die Juden nachsah, und wenn wirklich einmal deshalb eine gerichtliche Untersuchung stattfand, dieselbe erfolglos zu machen wußte. Nun, jetzt kann er hingehen und die Früchte seiner Thaten genießen; seine völlig compromittirte Ehre wird ihn nicht wieder in die Höhe kommen lassen. Erinnert doch der ganze Vorgang so recht an jenen Spruch (Esther 6, 13), welchen die Weisen und die Frau Haman's zu ihm sprachen: „Wenn vom Samen der Jehudim Mordechai ist, vor dem zu fallen du angefangen, so vermagst du es nicht wider ihn, sondern sicher wirst du vor ihm fallen." — Im gleichen Lichte erscheint im Augenblicke die Sache des Hospredigers Stöcker. Wir brauchen den Mann hier nicht zu charakterisiren. Wie er sich durch den Antisemitismus empor-, zu rechter Zeit aber auf den Boden der protestantischen Orthodoxie hinübergeschwungen und in Berlin selbst die Unfrömmigkeit zu bekämpfen und durch reiche Geldmittel der inneren Mission zu mindern suchte, ist

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