Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1889)
- Date
- 1889-02-28
- Page
- Seite 139 (sequence 11)
- Language
- German
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139 wurde er von mehreren Industriellen wiederlegt, welche mehrere Werkstätten und Fabriken aufzählten, in welchen eine beträchtliche Anzahl jüdischer Arbeiter beschäftigt ist. — Schließlich lehnte die Kammer alle Amendements ab und erhob den Commissionsantrag zum Gesetze. Wir müssen gestehen, daß uns dies als ein sehr sonderbares Gesetz erscheint, denn wenn ein Tag der Woche ein Ruhetag sein soll, aber nicht bestimmt wird, welcher Tag dies sei, so ist jede Controls unmöglich und das Gesetz bleibt ohne Ausführung, weil die Ueberwachung fehlt. Abgesehen hiervon hat selbst der Socialist Proudhon in einer schönen Abhandlung nachgewiesen, daß ein Ruhetag ohne eine religiöse Unterlage durchaus die Wirkung auf das Volk nicht übt, wie er soll. Jndeß ist zu erwarten, daß das Volk in seiner Gesammtheit sich auf den Sonntag vereinigen werde, während den Juden diese Form des Gesetzes zugute kommt, was allerdings auch in anderer Form hätte erreicht werden können. Jedenfalls müssen wir betonen, daß dieses nene französische Gesetz — wenn es sich noch bis zum Gesetze durchringt, alle anderen Staaten an der Wahrung der Gewissensfreiheit übertrifft und hierin weit über die Unionsstaaten hinausgeht. Rumänien. Bukarest, 15. Februar. In der Deputirtenkammer begründete Blaremberg seinen Antrag, den früheren Ministerpräsidenten Jean Bratiano in Anklagezustand zu versetzen, in ausführlicher Motivirung. Die Kammer lehnte den Antrag mit 80 gegen 79 Stimmen ab. Eine solche Freisprechung ist gewiß mehr eine Verurtheilung und für den früheren unbeschränkten Herrscher Rumäniens eine schwere Demüthigung. Bukarest, 20. Febr. Die Kammer verhandelt morgen über einen neuen Antrag aus Versetzung des früheren Ministeriums Bratiano in den Anklagezustand. Bulgarien. Sofia, im Februar. (Privatmitth.) Die Stadt Sofia ist durchaus ansprechend. Der große Platz vor dem Schlosse und die daranstoßenden Straßen sind völlig nach europäischem Muster gehalten. Die Umgebungen der Stadt sind sehr anmuthig und abwechselnd. Freilich das Innere der Stadt unterscheidet sich von den anderen orientalischen Straßen nicht und leidet deshalb besonders auch an dem unmäßigen Schmutz, ohne welchen eine menschliche Ansiedelung im Orient nicht gedacht werden kann. Unsere hiesige Glaubensgenossenschast ist wie überall in den Donau- und Balkanländern in zwei Gemeinden getheilt, die keine Neigung haben, sich miteinander zu vereinigen: Die Spaniolen und die „Bemzet" d. h. Deutsche, die aber zum größten Theil aus Rumänien stammen. Die letzteren besitzen nur einen unansehnlichen kleinen Tempel. Außerdem scheinen sie nicht sehr bildungsdurstig zu sein. Unter 203 Schülern, welche die jüdische Gemeindeschule besuchen, die von der Alliance durch die Gehälter des Vorstandes, des Lehrers und der Lehrerin unterstützt wird, befinden sich nur drei Deutsche! Die Kosten der Schule außer dem angegebenen Posten werden von der Gemeinde getragen, welche deshalb für alle armen Kinder Freischule, für die Bemittelten ein Schulgeld festgestellt hat. Dies scheint auf unsere deutschen Glaubensgenossen Hierselbst Einfluß zu üben. Die Schule, die noch einer schönen Entwickelung entgegengehen kann, hat drei Lehrstufen: auf der untersten wird nur Bulgarisch gelehrt, auf der zweiten Französisch, aber auf allen bildet das Hebräische einen Hauptgegenstand, weshalb die Schule auch einen Chacham hierzu angestellt hat. Seit kurzer Zeit haben wir auch einen bulgarischen Oberrabbiner, den Herrn vr. Dankowitz, der früher in Strakowitz gewesen. Er besitzt einen sehr guten Ruf, sowohl als Gelehrter wie als Mensch. Doch da er provisorisch auf drei Jahre angestellt ist, wird bei dem mißtrauischen Charakter der hiesigen Judenschaft — und wie hätte er anders werden sollen — eine schwierige Aufgabe zu lösen, wozu wir ihm den besten Erfolg wünschen! Palästina. Jaffa, im Februar. Die folgenden Angaben einer Correspondenz des „Schwäb. Merk." über die diesjährigen Witterungsverhältnisse in Palästina werden interessiren. Bestimmen diese atmosphärischen Zustände doch das Schicksal vieler Familien in der nächstfolgenden Zeit. Der Neberfluß oder Mangel an Wasser giebt dem ganzen Jahr einen anderen Charakter. „Der Winter hat streng begonnen; das Thermometer fiel von 25 bis 28 Grad R. am Ende des Octobers auf 5 Grad R. an einzelnen Tagen in der Frühe in der Mitte des November. Seitdem ist die Regenzeit eingetreten, so daß an einigen Tagen in der Mitte des Decembers der Verkehr zwischen der Stadt und der Colonie für Fußgänger beinahe unterbrochen war, wenn man nicht Lust hatte, im Wasser zu waten. In Jerusalem lag damals der Schnee fußhoch, schmolz aber durch den anhaltenden Regen und hatte ein solches Hochwasser im Gefolge, daß auf der Colonie Rephaim das Wasser in mehreren Häusern in den unteren Räumen 5 cm bis l/2 m hoch stand. Auch jetzt regnet es immer noch viel, doch ist es wieder wärmer. Nach der Trockenheit des letzten Winters ist man sehr erfreut, daß jetzt schon alle Cisternen voll sind und. damit die erste Bedingung für die Aussicht auf ein gutes Jahr erfüllt ist. Die 9*