Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1889)
- Date
- 1889-02-28
- Page
- Seite 134 (sequence 6)
- Language
- German
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134 gewöhnlichen Frage vergleichen ließe, welche durch die Jurisprudenz aller europäischen Völker, bis zum Erscheinen von Beccaria und der Revolution von 1789 a utorisirt waren. Keine der vier Strafe», die von der hebräischen Gesetzgebung für die größten Verbrechen festgellt worden, gleicht auch nur im Entferntesten derjenigen, welche La Barre und Damien auferlegt wurden. Was den geistigen Inhalt des hebräischen Monotheismus betrifft, sobald er von den materiellen Thatsachen losgelöst ist, die ihm widersprechen und ihn entehren, so haben wir das Reinste und Allgemeinste vor uns, was der christ. liche Monotheismus besitzt, was der Held der evangelischen Erzählungen selbst in die Worte zusammengefaßt hat: „Liebe Gott über Alles und deinen Nächsten als dich selbst." Das Judcnthum und das Christenthum, oder, um sie bei ihrem richtigen Namen zu nennen, die biblische Religion und die evangelische Religion, unterscheiden sich indessen und tverden immer, die eine von der anderen, in einem Hauptpunkte sich unterscheiden. Die erstere besitzt einen practischen Charakter, einen Geist des Tactes und der Mäßigung, von dem sie sich nie trennen wird, dem sie ihre Originalität und ihre Kraft entlehnt. Die zweite hat eine ausgesprochene Tendenz zum Mysticismus und zu Regungen der Seele, edle Regungen, welche nicht immer mit den Erfordernissen des Lebens, der Gesellschaft und der Familie übereinstimmcn. Hier ein frappantes Beispiel unter anderen. Die biblische Religion, was man gar zu leicht vergißt, empfiehlt die Verzeihung von Beleidigungen und will, daß man seinem Feinde zu Hilfe kommt. „Wenn du den Esel oder den Ochsen deines Feindes unter seiner Last erliegen siehst, hilf ihm, sich aufrichten." Das Evangelium schreibt vor, die linke Backe zu reichen, wenn man einen Schlag auf die rechte Backe empfangen hat. Ich will dieses Gebot nicht beurtheile», ich frage nur, ob es möglich oder nützlich ist, sich darnach zu richten; ich beschränke mich darauf, den Unterschied zu bezeichnen, welcher ihn von dem biblischen Gesetz trennt. Noch ein anderes Beispiel. Die biblische Religion verehrt über Alles die Familie; sie schreibt vor, Vater und Mutter zu ehren, in Eintracht mit Frau und Kindern zu leben. Das Evangelium befiehlt, Alles zu verlassen, Frau, Kind, Vater, Mutter, Gatten, um sich nur Gott zu nähern. Auch hier enthalte ich mich jeder Kritik und beschränke mich darauf, den Unterschied hervorzuheben, der auf der einen Seite die klösterlichen Institutionen, auf der anderen den Familiencultus schuf. Soll ich es Ihnen gestehen? Ich bewundere die heilige Therese und die Katharina von Siena, ich bewundere besonders und liebe die heiligen Mädchen von Saint-Vincentde-Paul, welche man so brutal aus de» Asylen der Kranken und Leidenden vertrieben hat. Wenn es von mir abhinge, so würde ich sie sofort wieder dahin zurückrufen und die Ungerechtigkeit wieder gut machen, deren Opfer sie sind, zum großen Schaden der Unglücklichen. Aber die practischen Tugenden im Schoße der Familie sind ebenfalls heilig und allgemeineren Gebrauches. Die „starke Frau" im Buche der Sprichwörter, von der ich soeben sprach, erhebt sich mit der Morgenröthe, um für die Bedürfnisse des Hauses zu sorgen sie erlaubt nicht, daß mau bei ihr das „Brod des Müßig-; ganges" verzehre; aber sie streckt die Hand gegen den Armen aus und weiß freundliche Worte an ihn zu richten. Die Rolle, welche dieser tugendhaften, dieser heiligen Familienmutter zuerkannt wird, erklärt uns, weshalb die treuen Anhänger der biblischen Religion nur wenig Geschmack an den Worten des Mitgefühls finden, welche Jesus an die ehebrecherische Frau richtet. Man wird jenen ihre Strenge vergeben, wenn man daran denkt, daß die ehebrecherische Frau fast die einzige Heldin der abscheulichen Romane geworden ist, welche heute die Geister und Herzen besudeln und welche im Auslande die französische Literatur entehren. Für die Männer der Bibel ist die Frau für ihre Handlungen ebenso verantwortlich, wie der Mann und soll wie er für ihre Fehler bestraft werden. Es giebt einen indischen Grundsatz, nach welchem „man eine Frau, mit hundert Fehlern belastet, selbst mit einer Blume nicht schlagen darf." Warum das? Weil, nach der Meinung des indischen Gesetzgebers, wie nach der unseres Michelet, die Frau ohne Verantwortlichkeit ist. Ich meine, daß man in Betreff ihrer nichts sagen und schreiben kann, was eine böswilligere Verleumdung wäre. Dies sind gerade Unähnlichkeiten die, aus einem Quell identischer Wahrheiten hervorgegangen, uns die unüberwindliche Beharrlichkeit des biblischen Monotheismus erweisen inmitten der christlichen Welt, inmitten der europäischen Gesellschaft, gegenüber den Revolutionen, welche periodisch über die Erde gehen. Darin liegt weder blinder Eigensinn einer Race, noch göttlicher Fluch, sondern eine historische Thatsache, welche ihre Ursache in sich selbst trägt und welche die menschliche Natur ehrt. Der Eigensinn und die Verblendung existiren in dem Geist derjenigen, denen es, unter welchem Glaubenssymbol sie auch stehen, an Gerechtigkeit und Menschenliebe gebricht. Ad. Franck. Brüx, Februar 1889. Sriefe an einen jungen Theologen. Von Rabbiner vr. G. Deutsch. II. Mein lieber Freund, am meisten hat es mich erfreut, daß die Mahnungen, die aus meinem Herzen gekommen sind,