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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-02-28 · Heft 9 (28.2.1889) · p. Seite 133

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 9 (28.2.1889)
Date
1889-02-28
Page
Seite 133 (sequence 5)
Language
German
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133 anders verstanden werden kann. Das Entwickelungssystem ist im Grunde nichts anderes als die indische Maja, eine ewige und fortgesetzte Veränderung und eine der nothwendigen Folgen des Pantheismus. Sehen wir jetzt, was der hebräische Monotheismus, wenn man ihn nicht bei seinem Beginne oder in den dunketsten Perioden seiner Geschichte, sondern in seiner vollen Entwickelung, in den feierlichsten Stellen des Pentateuchs und der Propheten betrachtet, an moralischen und religiösen Wahrheiten enthält. Folgendes ist der flüchtige Inhalt: Gott ist nicht die unbewußte und gleichgiltige Substanz, die sich hinter den Wundern der Welt verbirgt, die weder liebt, noch haßt, weder denkt, noch den alleinigen Gesetzen eines unerbittlichen Geschickes gehorcht. Er ist es, der das Universum geschaffen hat, weil er frei und gut ist, »veil sein allmächtiger Wille nur aus einer ewigen Intelligenz, wie er es ist, entsteht. Er ist, nach dem schönen Ausdruck der Schrift, „der lebendige Gott." Gott hat den Menschen nicht geschaffen, wie er die Welt geschaffen hat: er hat ihn frei und intelligent geschaffen und dadurch hat er ihn in unvergleichlicher Entfernung von dem Thiere gestellt; denn die Vernunft und die Freiheit sind dem Thiere fremd, das nur den Instinkt kennt und vom Fortschritt nichts weiß. Durch die Vernunft und die Freiheit ist der Mensch an das Pflichtgesetz gebunden; denn es ist ihm anbefohlen, nicht unter seine Natur hinabzusteigen, seinen Weg nicht zu verderben, wie ebenfalls die Schrift in ihrer prachtvollen Sprache sagt. Durch die Pflicht, das ewige Gesetz Gottes und das allgemeine Gesetz, ist der Mensch der Achtung und Liebe werth, und diese beiden Gefühle, sehr verschieden von dem Mitleide, das der Buddha und der moderne Pessimismus lehrt, schuldet er nicht nur sich selbst, sondern auch seinen Mitmenschen, sowohl den einzelnen Individuen wie der Gesammtheit: er schuldet sie der Menschheit. Ja, das ist der hebräische Monotheismus, der, nicht damit zufrieden, das Gesetz der Gerechtigkeit in der Form der zehn Gebote, dieser ewigen und unveränderlichen Form zu verkünden, auch das Gesetz der Liebe in dem ebenfalls ewigen Grundsatz verkündet hat: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst." Damit man nicht an dem umfassenden Sinne dieser Worte zweifeln könne, fügt der hebräische Gesetzgeber hinzu: «Liebe den Egypter, denn Da bist fremd gewesen in Egypten; liebe den Fremdling wie dich selbst." Und überdies, haben nicht die großen Propheten, Jesaias insbesondere, prophezeiht, daß der König aufhören würde, unter den Menschen zu existiren, und daß die Menschheit, die ja von einem Vater und von einer Mutter stammt, in Zukunft nur ein einziges Volk, eine einzige Familie und eine einzige Religion bilden wird! Ach, wie weit entfernt sind wir noch von der Erfüllung dieser Prophezeiung! Wer hat es denn gewagt zu sagen, daß das Menschengeschlecht der hebräischen Race nichts verdanke, daß diese Race, gefessellt in ihrem Egoismus und in dem Cultus des Materiellen, niemals die Menschenliebe gekannt, niemals das Gefühl eines Ideals und des Fortschritts gehabt? Diejenigen, welche so gesprochen haben oder noch so sprechen, ich will mich nicht ihrer Namen erinnern, denn ich befürchte, ihnen gleichen zu können, indem ich, wie sie, keine Menschenliebe und Gerechtigkeit empfinden würde. Ebensowenig kann man sagen, daß die heiligen Gebote der Hebräer vergessen hätten, die Liebe zu Gott vorzuschreiben. „Du sollst lieben den Ewigen deinen Gott mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Vermögen." „Heiliget euch, wie der Ewige euer Gott heilig ist." Das ist, was Plato und Pythagoras die Nachahmung Gottes genannt haben. Aber eine Bedingung besteht, ohne welche der biblische Monotheismus schwer verstanden und leicht verleumdet werden könnte: daß die Gesetze, welche er dem Gewissen auferlegt, und die Dogmen, welche er der Vernunft giebt, unveränderliche und absolute Gesetze, ewige Dognien, nicht mit den positiven Gesetzen eines ausgesprochenen Staates, noch mit besonderen Meinungen verwechselt werden; noch weniger mit den Handlungen und Sitten der einen oder der anderen Persönlichkeit. Mit anderen Worten, das Gebiet der Moral und der Religion muß streng getrennt sein von dem der Politik und der Geschichte. Zum Beispiel, wer würde es wagen zu behaupten, daß die Thaten und das Gebühren eines Ludwig XI., eines Carl IX., eines Philipp II. von Spanien oder eines Richard III. von England der treue Ausdruck des Christenthums seien, oder daß man den christlichen Geist in den Strafgesetzen oder Kriegsrechten findet, wie sie in Europa bis Mitte dieses Jahrhunderts bestanden haben und wie sie fast noch überall bestehen. Man begeht dieselbe Verwechselung, wenn man den jüdischen Monotheismus zur That geworden glaubt in der Politik der Könige von Judäa und Israel, oder selbst eines David und eines Salomon, oder in der Weise wie Palästina von Josua erobert wurde. Die bürgerlichen Rechte, welche die Ehescheidung und die Polygamie gestatten, haben nichts gemein mit der Verbindung eines Mannes mit einer einzigen Frau, die uns die Genesis als Ideal der Ehe darstellt, oder mit dem Gemälde der „starken Frau", d. h. der tugendhaften Herrin des Hauses, welche wir in dem Buche der Sprichwörter bewundern. Ebenso wird es gestattet sein, Ausstellungen an dem Criminalgesetze des hebräischen Volkes zu machen; und doch wird man in diesem Theil der Gesetzgebung nichts finden, was sich mit der Tortur, der gewöhnlichen und außer-

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