Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1889)
- Date
- 1889-02-28
- Page
- Seite 132 (sequence 4)
- Language
- German
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132 Alle diese Anschauungen finden wir in dem Buddhismus vereinigt, der die vollendetste, gelehrteste und auch die verführerischeste Form des orientalischen Pantheismus ist, ich kann auch einfach sagen des Pantheismus. Sie wissen, daß der Stifter dieser Religion weder Gott, noch der Sohn Gottes ist, sondern ein Weiser, ein Buddha, ein Einsiedler mit Namen l^akya: Hakya-Muni. Das Leben ist in seinen Augen so verachtungswürdig, daß er sich allen Pflichten entzieht, die es ihm auferlegt. Königssohn, dazu bestimmt, über ein großes Reich zu herrschen, an eine eben so tugendhafte wie schöne Frau verheirathet, deren Abgott er ist, verläßt er seinen Palast, seinen Thron, seine Familie und sein Volk, um sich in der Einsamkeit zu begraben. Er verläßt diese nur, um die Menschen zu lehren, sich von den Uebeln dieses Lebens zu heilen. Das Hilfsmittel, das er vorschlägt, ist das freiwillige Erlöschen all' unserer Fähigkeiten, ist die Ruhe in der Bewußtlosigkeit und in der Unbeweglichkeit, ist die Nirwana. Anstatt der acht Segenssprüche des Evangeliums, giebt es nur einen einzigen in der Lehre des ^akya-Muni: Selig sind diejenigen, die nicht leben, die niemals gelebt oder aufgehört haben zu leben! Mitleid für die, welche der Tod, nicht allein der körperliche Tod, sondern auch der geistige Tod stehen gelassen! Hieraus leitet sich die ganze Moral des Buddhismus ab. Alle seine Tugenden sind nur eine Variation des Mitleides. Warum das Böse thun? Warum tobten, stehlen, lügen und Rache üben? Diejenigen, denen wir Leid zufügen wollen, leiden schon genug. Die Vortheile, welche wir uns auf ihre Kosten zu verschaffen glauben, vermehren nur unsere Schmerzen. Unsere Leidenschaften befriedigen, ist ein sicheres Mittel, unsere Qualen hervorzurufen oder zu vermehren. Der Buddhismus, der aus Indien nach Thibet und nach China übergegangen ist, herrscht, wie man uns versichert, über eine Bevölkerung von vier- bis fünfhundert Millionen Seelen. Herrscht er nur im Orient? Es wäre ein großer Jrrthum, es zu glauben. Etwas vor der Mitte unseres Jahrhunderts hat der berühmte deutsche Philosoph Schopenhauer ihn bei einem beträchtlichen Theil der cultivirten Klassen der europäischen Gesellschaft eingeführt; denn was man den Pessimismus nennt, ist nichts anderes als die Lehre des Buddha. Den Schaden, den der Pessimismus schon herbeigeführt, brauche ich nicht erst zu bezeichnen. Er vergiftet unsere Literatur und unsere Sitten, er bricht unseren Muth, entnervt unsere besten Instinkte und läßt uns fast gleichgiltig gegen die Freiheit und den unreinen Cäsarismus. Wer war vom höchsten Alterthum an der Gegner des Buddhismus, sogar bevor er geboren war, ich nieine, ehe er aus dem Polytheismus hervorgegangen ist? Wer ist in der Gegenwart, seitdem er sich zum Pessimismus umgestaltet hat, sein eifrigster, aber auch sein mächtigster Gegner, weil er ebenso zum Herzen wie zur Vernunft spricht, weil er der Autorität seiner Lehre noch die der Jahrhunderte, die er durchschritten hinzufügt? Es ist der Glaube an einen freien Gott und Schöpfer, den Urheber der Freiheit des Menschen und seiner intelligenten Seele, zugleich der blinden Mächte der Natur und der flammenden Sphären, die in Milliarden im Weltraum zerstreut sind. Dieser Glaube ist es, der in der philosophischen Sprache den Namen Monotheismus erhalten hat. Der Monotheismus war die Religion des Volkes Israel viele Jahrhunderte bevor sie die des Christenthums und der aufgeklärtesten Völker der Welt wurde. „Höre Israel: der Ewige unser Gott ist ein einziger Gott." Das sind die erhabenen Worte, welche sein Orsäo bilden und deren Aequivalent man kaum in den Gesprächen des Sokrates mit seinen Schülern und in den Dialogen des Plato erkennt. Man kann stolz sein, sie im Herzen und auf den Lippen zu haben. Zahllose Märtyrer, Männer, Frauen und Kinder stiegen, diese Worte mit Nachdruck sprechend, auf die Scheiterhaufen, welche für sie errichtet worden, während eine lange Reihe von Jahrhunderten hindurch Henker den Namen Gottes schändeten und den der Menschlichkeit entehrten. Indessen, im Augenblick, wo wir uns vorbereiten, die hundertjährige Erinnerung von 1789 zu feiern, dieser Revolution, welche die Rechte der Gewissensfreiheit verkündete und welche stets die Achtung der Welt fordern wird, so lange sie sich vor den Gewaltthaten der Jocobiner, der Com! munarden und der Cäsaren zu hüten weiß; sogar in diesem Augenblick erleben wir eine Wiedergeburt antisemitischer Leidenschaften, während welcher man es zu schreiben wagt, daß das hebräische Volk, die hebräische Race, in der ganzen Dauer ihrer Existenz, nie etwas für die Civilisation und für die moralische und religiöse Förderung des Menschenthums geleistet habe. Wie denn! Man ist sogar so weit gegangen zu behaupten, daß die Laster und Verbrechen, welche sein Gesetz mit der größten Strenge straft, genau dieselben sind, mit denen es sich besudelt habe: als ob die von dem Code penal vorgesehenen und mit Strafe belegten Schändlichkeiten uns das alltägliche Leben, den allgemeinen Zustand des französischen Volkes zeigten. Es wäre verlorene Mühe, darauf zu antworten. Da ziehe ich es noch vor, wenn man den Monotheismus selbst beschuldigt, mit der Wissenschaft in Widerspruch zu stehen. Durch diese Beschuldigung gesteht man indirekt zu, daß es eine gewisse Wissenschaft giebt, die ihres Namens unwürdig, nur eine Verletzung der Vernunft ist. Sie ist es, welche, anstatt das Thier bis zum Menschen zu erheben — wie sie sich rühmt, — den Menschen zum Thiere herabsetzt. Das ist das System der rückläufigen Entwickelungslehre, und, um Ihnen meine Ansicht ganz zu sagen, ich fürchte sehr, daß sie nicht