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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-02-28 · Heft 9 (28.2.1889) · p. Seite 131

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 9 (28.2.1889)
Date
1889-02-28
Page
Seite 131 (sequence 3)
Language
German
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131 wart hat Alles, voran das Materielle, einen außerordentlichen Aufschwung genommen, eine Erweiterung und Vergrößerung erfahren, welche die Nothwendigkeit des Capitals — und zwar für jeden Einzelnen eines beträchtlichen Capitals — immer fühlbarer machen. Nichts ist verderblicher, als sich auf Credit zu verlassen, denn unter zehn, welche ohne eigenes Capital beginnen, sind neun von vorneherein dem Untergang geweiht. Dabei hat sich der kaufmännische Betrieb nicht etwa verengt, sondern greift immer mehr um sich, und kaum ein Handwerker, der nicht seinen Laden öffnet und mit einer Menge Maaren füllt, von welchen er freilich die Wenigsten selbst verfertigt hat. Kurz, was sich aus alle dem ergiebt, ist, daß der kaufmännische Beruf nach den bisherigen Gepflogenheiten den Juden immer mehr entzogen oder beschränkt wird. Es stelle sich nur jeder auf den Standpunkt der Beobachtungen, die wir gemacht, und setze dieselben innerhalb seines Kreises weiter fort. Das Geschick arbeitet darauf hin, die Verhältnisse legen sich so um uns herum, daß es kaum eines Jahrhunderts bedürfen wird, um jenen Vorwurf — wenn er ein solcher wäre — daß alle Juden dem Handel sich widmen, völlig zu beseitigen. Doch, wie wir noch weiter hierüber denken, wollen wir ein andermal näher auseinandersetzen. Heute richten wir nur die Mahnung an die jüdischen Eltern, ihre Kinder nicht mehr vorzugsweise zum kaufmännischen Berufe heranbilden zu lassen, sic könnten es dereinst schwer zu bereuen haben! — Paris, im Februar. Der orientalische Pantheismus und -er hebräische Monotheismus. Bortrag von Proseffor Ad. Franck. (Fortsetzung und Schluß.) Ist dies Alles? Durchaus nicht. Assyrien und Chaldäa kamen auch an die Reihe in dieser ununterbrochenen Aufeinanderfolge von wunderbaren Eroberungen, die einzigen, welche der Humanität und Civilisation würdig sind. Nach der Entzifferung der Hieroglyphen folgte die der Keilinschriften. Ich habe nicht nöthig, denjenigen zu nennen, der uns den Schlüssel zu diesem Räthsel geliefert hat, das so lange für unentzifferbar gegolten hat. Die ganze Welt kennt ihn, er befindet sich in unserer Mitte, ersitzt an diesem Tische. Auf Herrn Oppert, — um Vergebung, sein Name ist mir entschlüpft — folgte Herr Sarzec, dessen intelligente Ausgrabungen unsere Museen und die archäologische Wissenschaft bereichert haben. Sie haben vor Kurzem erfahren, daß Herr Tieulafoy, von Susiana kommend, die Beschreibung des Palastes von Assyrus machte und uns einen neuen Commentar über das Buch Esther brachte, den er an Ort und Stelle ausgenommen. Jede dieser antiken Civilisationen hat ihre besondere Physiognomie, hat ihren Stempel auf die von ihr hervorgebrachten Werke, auf die Sprachen, Religionen, Literaturen, socialen Institutionen und Kunstschöpfungen gedrückt. Dadurch entzücken sie uns, fesseln und blenden uns, wie die Sonnenstrahlen, welche bei ihrem Entstehen leuchteten. Aber der Geist, der sie belebt und begeistert, der Untergrund, den sie unter der unendlichen Verschiedenheit ihrer Form verbergen, ist derselbe. Es ist der Pantheismus. Der Pantheismus ist die Vermischung Gottes mit der Natur und des Menschen mit Gott. — Der Mensch und die Natur sind in diesem Systeme nur flüchtige Erscheinungen, reine Illusionen, eine allgemeine Zauberei, eine „Maja", wie die Indier sagen. Gott allein existirt, Gott ist das einzige Wesen. Sie dürfen nicht denken, daß es immer großer Anstrengung des Verstandes bedurfte, um dahin zu gelangen. Der Pantheismus ist schließlich nur die Zusammenfügung oder der vollkommenste Ausdruck des Polytheismus. Es sind alle Götter, von denen jeder einer anderen Naturerscheinung im Universum vorsteht, in einen einzigen Gott vereinigt, dessen sichtlicher Erweis das Universum in seinem ganzen Umfange ist. Ich habe also das Recht zu sagen, was übrigens die Geschichte uns erweist, daß der ganze Orient mit seinem unbegrenzten und überwuchernden Polytheismus nothwendiger Weise zur pantheistischen Idee getrieben werden mußte; sogar der Dualismus der Perser ist sozusagen nur ein Pantheismus mit zwei Theilen, die sich in der unbegrenzten Zeit, ein dem Ormuz und Ahriman überlegenes Princip, vereinigen, und der schließlich sie in sich aufnehmen wird. Sie werden sogleich sehen, bis zu welchen Folgerungen die pantheistische Doctrin gelangt, ob sie sich als eine Philosophie oder als eine Religion erweist. Wenn die Natur und folglich das Leben nur ein Schein ist, verdient es Achtung weder bei uns selbst, noch bei den anderen; es verdient nicht, daß man den geringsten Werth darauf legt; man ist nicht schuldig, wenn man sich seiner entledigt, wenn es uns lästig fällt, oder Nebenmenschen daraus entfernt, wenn sie für uns ein Hinderniß werden. Bon der anderen Seite, wenn Gott Alles ist, so ist er der Urheber unserer Handlungen und nicht wir: unser Wille und unsere Gedanken gehören uns nicht mehr als unsere Existenz. Wir sind weder frei, noch verantwortlich. Wir haben keinerlei Verdienst, wenn wir das Gute thun; wir sind keine Verbrecher, wenn wir das Böse thun, oder, um genauer zu sprechen, Gut und Bös sind nur Illusionen, nur Worte ohne Sinn. Auch ist Gott die Freiheit benommen, folglich auch die Gerechtigkeit, die Güte und die Voraussicht, denn er hat nichts in sich, was nothwendig ist. s*

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