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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-02-28 · Heft 9 (28.2.1889) · p. Seite 130

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 9 (28.2.1889)
Date
1889-02-28
Page
Seite 130 (sequence 2)
Language
German
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130 dürfniß sie von selbst zum Handel leitete. Für mit Gewalt aus dem Lande getriebene, besiegte oder geflüchtete Menschen ist der Grundbesitz eine Unmöglichkeit. Hierzu kam nun bald, daß die Sicherheit des Grundbesitzes überhaupt aufhörte und eine Besitzverschiebung stattfand, wie sie wüster nicht sein konnte. Völkerfiröme flutheten herein vom Osten, Norden und Nordwesten und machten die bisherigen Besitzer zu Sklaven und Enterbten. Da gab es für die ehemaligen Landbebauer Israels keine Heimstätte mehr, und sie mußten auf anderen Wegen versuchen, sich ihren Lebensunterhalt zu verschaffen. Nicht lange und Concilien sprachen das Verbot aus, daß Juden Grundbesitz erwerben dürften, die Staaten folgten ihnen und nach kurzem Zeiträume war der jüdische Landbebauer verschwunden und der jüdische Kauf- und Handelsmann überall anzutreffen. Welchen Nutzen dieser Wandel für die damalige Welt nach den Begriffen und Vorstellungen der Menschen vom Handel hatte, läßt sich kaum genügend abwägen. Eine längere Zeit waren die Juden die einzigen Vermittler zwischen Orient und Occident, und wenn auch in den großen Städten mit der Zeit ein christlicher Handelsstand sich herausbildete, so waren doch die Juden von diesen Mittelpunkten aus die Verschleißer der Maaren in's Land. Wenn man die geschichtlichen Gründe für die Erhaltung der Juden während der traurigen Zeit ihrer Verfolgungen aufsucht, so darf man ihre Unentbehrlichkeit als Vermittler des Handels der damaligen Gesellschaft nicht übersehen; oft rief man sie bald wieder zurück oder nahm sie bereitwillig wieder auf, weil man ihrer dringend bedurfte. Wie dem aber auch sei, durch diesen großartigen Wandel hat der jüdische Stamm bewiesen, daß der Mensch auch wider alle seine Gepflogenheiten und Lebensweisen in ganz andere Bahnen übergehen kann, als er bis dahin gewandelt und zwar in recht kurzer Zeit. Dann aber doeumentirt dieser Stamm gan; besonders seine außergewöhnliche und vielfache Befähigung: wie er es vermochte, sich den verschiedenartigsten Zonen und Himmelsstrichen zu akklimatisiren— ein Unicum in dieser Art — so vermochte er es auch, sich in eine so entgegengesetzte und ganz andere geistige Fähigkeiten erfordernde Beschäftigung einzuleben. Und nun? Wir stehen an einem abermaligen Wendepunkt, an einem abermaligen Wechsel in allen unseren Verhältnissen, und es kann für uns keine Frage sein, daß wir in eine neue Phase unseres Geschickes treten, wo unsere bisherige Thätigkeit aus unseren Händen genommen und wir uns einer neuen zuwenden müssen. Mit dem Austritt der Juden aus den leiblichen und geistigen Ghetti, mit dem Eintritt derselben in das allgemeine Culturleben trat auch die Unmöglichkeit ein, die bisherige Lage der Dinge zu erhalten und in derselben Weise fortzuleben. Allerdings tritt hier das Entgegengesetzte der früheren Zeit ein: die Verbote werden aufgehoben, jede gesetzliche freie Bewegung im bürgerlichen Leben wird gestattet, ob auf einmal, ob nach und nach, thut nichts, der Antrieb aufs Ganze ist mit dem ersten Schritte gegeben. Langsam scheint uns die große Veränderung vor sich zu gehen; aber es ist dem nicht so, sie entwickelte sich sehr rasch, wir bemerken es nur nicht, weil wir nur das Einzelne im Auge haben. Vor allem darf nicht übersehen werden, daß der Handel selbst sich sehr verändert hat, daß er in nicht unbeträchtlichen Zweigen unfruchtbar geworden und natürlich in anderen um so fruchtbarer geworden ist. Durch die mittelalterliche Gesetzgebung waren die Juden allmälig auch aus dem Großbetrieb hinausgedrängt worden, und andererseits hatten in den Städten die Zünfte sich auch so kaufmännisch ausgebildet, daß für die Juden nur wenig übrig blieb. Schließlich waren in den letzten Zeiten nur vier Geschäftszweige den Juden überlassen geblieben: Geldhandel, in großer und kleiner Art, Trödel, Hausiren und eine Art Meßgeschäft mit ausländischen, namentlich englischen Maaren. Das waren gewiß keine fruchtbringenden Beschäftigungen für eine zahlreiche Klasse, die hiervon überhaupt nur existiren konnte, wenn sie in zahllose kleine Gruppen vertheilt worden wäre. Mit dem Hausirhandel ging es immer mehr in die Brüche. An und für sich kaum im Stande, einen Junggesellen etwa mit Mutter und Schwester dürftig zu ernähren, hörte er mit der Erleichterung der Verkehrsmittel zwischen Stadt und Land immer mehr auf; es blieben für die Bauern nur noch wenige und zwar unbedeutende Artikel, welche sie sich vom Hausirer bringen ließen. Der wachsende Antheil an dem höheren Schulunterricht machte der jüdischen Jugend den Betrieb des Hausirhandels immer unmöglicher. Ganz ähnlich ist es mit dem Trödel, der, vielleicht mit einigen Ausnahmen im Osten, zum großen Theil den Händen der Juden entrissen ist. Man kann in jeder Stadt beobachten, daß es jetzt mindestens ebenso viele christliche wie jüdische Trödler giebt. Dies ist gewöhnlich doch nur der Anfang vom Ende. Mit dem Zwischenhandel auf den Messen ist es bereits so gut wie zu Ende. Die Producenten selbst, oder doch Großhändler von Bedeutung, haben ihre Niederlagen auf den Meßplätzen und werden dort von den Kaufleuten selbst besucht. Dabei hat ja der Meßhandel selbst an seiner Bedeutung längst verloren. Welchen verschiedenen Weg der Entwickelung das Finanzwesen, der Geldhandel, das Effektengeschäft und die Creditverhältnisse genommen haben, habe ich hier wohl nicht nöthig und geht auch über meine Einsichten hinaus zu schildern. Was ich bisher vorgebracht habe, hat zum Ziele, meine Leser zu überzeugen, daß es mit dem kaufmännischen Geschäfte ganz anders geworden ist, und es besonders für unsere ärmeren Glaubensgenossen — und sie bilden doch die große Mehrzahl — immer unzugänglicher wird. Im Leben der Gegen-

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