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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-02-21 · Heft 8 (21.2.1889) · p. Seite 127

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 8 (21.2.1889)
Date
1889-02-21
Page
Seite 127 (sequence 15)
Language
German
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127 indem er die Vorgänge der Analyse mißbraucht und die Verneinung, die Auflösung mit dem Fortschritt verwechselt, in seinem Busen die Quelle der Gefühle, der Ideen und des Glaubens verstopft hat, welche das ewige Erbtheil der Seelen sind, dann wendet er seine Blicke gegen dem Orient, begierig Kenntniß von seinen Dogmen, von seinen in Mysterien eingehüllten Traditionen, von seinen Sprachen, seiner Geschichte und seinen künstlerischen und literarischen Denkmälern zu nehmen. Dies ist das Schauspiel, das uns die civilisirtesten Völker Europa's seit dem Ende des letzten Jahrhunderts bieten und das heute auf den höchsten Grad seiner Entwickelung angelangt zu sein scheint. Dies ist eine neue Renaissance, eine orientalische Renaissance, welche auf die klassische Renaissance folgte, auf die griechische und lateinische Renaissance, die ein so Helles Licht zwischen Mittelalter und moderner Aera geworfen hat. Unter den ersten Urhebern dieser Bewegung begegnen wir Voltaire, den großen Skeptiker, den großen Spötter, den großen Umstürzler von bis auf ihn geachtetsten Einrichtungen und Glaubenssätzen! Aber die sonderbar hyperbolische Bewunderung, welche Voltaire für die Philosophie und Gesetzgebung China's bezeugte, kam weniger von seinem Geschmack für den Orient, als von seinem Hasse gegen den christlichen Westen. Anders ist es mit William Jones, mit Volney, mit Anquetil-Duperron, alle drei aus dem 18. Jahrhundert. Der Erstere, welcher, wie man versichert, zwanzig Sprachen beherrschte, u. A. das Arabische, das Persische und Sanscrit, gründete die Gesellschaft von Calcutta, eine wahre Werkstatt der brahmanischen Wissenschaft, der Philosophie und Sanscrit-Literatur. Der Zweite, Volney, der Verfasser der „Ruinen" und des „Katechismus des Bürgers", das erste Muster unserer Abhandlungen über bürgerliche Moral, ward von einer wahren Leidenschaft getrieben, Egypten und Syrien zu besuchen, nachdem er das Arabische bei den Drusen des Berges Libanon gelernt hatte. Der größte und bewunderungswürdigste dieser Drei durch die Kraft seines Willens, ist Anquetil-Duperron. Ohne Hilfsmittel und ohne Unterstützung, verdingte er sich als einfacher Soldat in einem Regimente, das nach Indien abging. Und was wollte er in Indien machen? Die Schriftstücke aufsuchen, welche die Religion Zoroasters enthalten und die Sprache lernen, die im Westen vollkommen unbekannt war, in der sie abgefaßt sind. Dafür mußte er sich in eine entlegene Provinz der hindustanischen Halbinsel begeben, nach Guparate, wohin sich die Sektirer des Mazdeismus geflüchtet hatten, diejenigen, welche man die Gutzbres oder die Parsis nennt, nach der Eroberung Persiens durch die muselmännischen Araber. Aber, o grausame Enttäuschung! Die persischen Priester, die „Destours", verstanden nicht mehr die Sprache ihres Propheten und konnten seinen Gedanken nur durch eine verhältnißmäßig moderne Uebersetzung erfassen. Die Sprache dieser Uebersetzung lernte Anquetil-Duperron: was ihn nicht verhinderte, in französischer Sprache die Zend-Avesta zu veröffentlichen, d. h. die Bibel des Zoroaster, und dafür den Originaltext, den Zendischen Text, herbeizubringen, den unser unsterblicher Burnouf später entzifferte und der heute das College de France ist, dem Herrn James Darmsteter, einem Mitgliede unserer Gesellschaft übergeben. Die Persönlichkeiten, die ich soeben genannt habe, sind nur die Pioniere einer weit ausgedehnten und vertieften Forschung. Zu dem von mir beabsichtigten Zwecke genügt es, nur die wichtigsten Resultate davon anzugeben, ohne mich dabei an eine chronologische Reihenfolge zu halten. Egypten, schon stark in Angriff genommen in wissenschaftlicher Hinsicht durch die Expedition des Generals Bonaparte und durch das Institut, das in ihrer Folge geschaffen wurde, wurde nach einander von Champollion, von Mariette und von M. Maspero erobert. Dem alten Iran und dem alten Persien, das durch Anquetil-Duperron unseren Nachforschungen zugänglich gemacht wurde, fügten Sylvestre de Sacy, Etienne Quatremere und Mohl das moderne Persien hinzu. China, seiner Jsolirung entrissen, den Blicken des aufmerksamen Europa's durch die bewunderungswürdigen Arbeiten der Jesuiten eröffnet, wurde in seiner Sprache, seiner Literatur und seiner Geschichte durch Abel Remusat, Pauthier, Stanislas Julien, Chavas und vielen Zeitgenossen, die von Tag zu Tag zunehmen, die ich aber nicht nennen kann, studirt. Andere Gelehrte, in nicht minder großer Zahl, an deren Spitze, ohne die Dankbarkeit gegen Deutschland und England aus den Augen zu lassen, es mir vielleicht gestattet ist, Eugene Burnouf zu stellen, haben ein reichliches Licht sowohl über den Buddhismus als auch den Brahmanismus verbreitet. Die Namen der Vedas und des Bhagavat-Gita, die Legenden von Krischna und von Cakya-Mouni, die schönsten Auszüge ausRamayana und aus Mahabharata sind fast in den Verkehr der gebildeten Geister eingetreten, und es giebt keinen Professor unseres Lyceums, ich wage nicht zu sagen, keinen Baccalaureus, der nicht geläufig die verschiedenen Systeme der indischen Philosophie, von Colebrooke übersetzt, citiren , könnte. (Fortsetzung folgt.)

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