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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-02-21 · Heft 8 (21.2.1889) · p. Seite 126

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 8 (21.2.1889)
Date
1889-02-21
Page
Seite 126 (sequence 14)
Language
German
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126 von den Typen der Händler mit Mützen, mit Apfelsinen, von dem Pfefferkuchenmarkt. Unten in den Fauteuils und in den Logen wohlhabende Polen in der Kleidung von Gentleinen, luxuriös geputzte Damen, Diamanten in den Ohren, mehrere jüdische Schönheiten. Der Vorhang geht in die Höhe und wir wohnen einer Lection von Raschi bei, einem musikalischen Unterricht, was sehr merkwürdig ist. Wir werden noch Sonderbareres sehen. Diese Heiterkeit wird durch die Ankunft von Briefen unterbrochen. welche anzeigen, daß soeben eine Verfolgung gegen die Juden ausgebrochen ist. Raschi erhebt sich, läuft im Tact um den Tisch, von seinen Schülern gefolgt, und diese Procession vollzieht sich unter ernstem Gesang. Nachdem die Schüler fort sind, betet Raschi, aber er vergaß sich bis zum Niederknien. Theatercoup: der König von Frankreich erscheint, um Raschi zu consultiren. Dies hat Bezug auf eine Legende, die sich nicht mit Raschi, sondern mit R. Jechiel von Paris zugetragen hat. Die zweideutige Antwort des Meisters versetzt den König in Wuth. Das Haus von Raschi wird angegriffen, zu Asche niedergebrannt und der Meister entfernt sich und irrt auf den Wegen umher mit seiner Tochter, die mit bloßen Armen wie eine Prinzessin gekleidet geht. Soldaten im Dienste eines Grafen erscheinen und rauben Sara ihren Vater. Ihr Anführer, ein philosophischer Kriegsmann, wird von einem jungen Troubadour überlistet, der die Trunkenheit des Anführers und seiner Leute benutzt, Sara befreit und sie ihrem Vater wiederbringt. Ein jüdischer Verräther — Porez — hat sie erspäht und dem Grafen versprochen, ihm seine Gefangene wieder zu überliefern. Aber durch eine amüsante Verwechselung raubt er anstatt Sara die alte Haushälterin des Raschi. Wuth des Grafen bei dieser Entdeckung. Porez begiebt sich aufs Neue auf den Weg, aber im Augenblick, wo er zu triumphiren glaubt, erscheint der rettende Engel — man hat den Troubadour erkannt, der ihn vernichtet und seinen schwarzen Plänen ein Ende macht. Raschi, den die Aufregungen gebrochen haben, stirbt, doch nicht ohne vorher Sara mit dem Troubadour vereinigt zu haben, der kein Anderer ist als Reuben, sein Lieblingsschüler. Der Vorhang könnte in diesem Augenblick fallen, aber man hält darauf, daß wir noch der Beerdigung von Raschi beiwohnen kann und mit diesem traurigen Vorgang — ein sonderbares Nachspiel für eine Operette! — schließt das Stück, das wir hier genau angegeben haben. Die Künstler, welche beauftragt sind, dieses große „Melo" mit traditionellen Tremolos wiederzugeben, sind durchaus nicht ungeschickt. Wir haben besonders den plump scherzenden Hauptmann bemerkt, den Säufer, der, obgleich ein Christ, doch die Bibel so gut kennt, daß er es mit den gelehrtesten Rabbinern aufnehmen kann; Porez, ein boshafter Schurke, der mit seinen Antworten voll funkelnden Witzes zu sehr zum Lachen bringt, als daß man ihn verdammen könnte. Endlich die alte Haushälterin des Raschi, die ein sehr feines Spiel hat. Das Publicum hat herzlich gelacht. Es verstand alle Anspielungen und applaudirte mit vollen Händen. Der ganze Dialog, in dem ebenso viel Hebräisch wie Deutsch vorkommt, der voll von „Moschelchen" und biblischen Citaten ist, kann nur von der jüdisch-russischen Colonie verstanden werden oder von denen, die mit dieser Welt zu schaffen haben. Für die Pariser Israeliten bleibt er ein versiegelter Brief. Diese können sich nur in anderen Theatern entschädigen, welche, sie werden es uns glauben, nicht weniger gut sind. Dieser Versuch besitzt jedenfalls ein pikantes Interesse. Es ist eine neue Curiosität für unser Paris, dem es an solchen allerdings nicht fehlt. Ehe wir schließen, versäumen wir nicht, den Namen des Verfassers des jüdisch-polnischen Stückes zu nennen, Herrn Goldfaden, der in Rußland sehr geschätzt wird und augenblicklich eine Truppe in Amerika dirigirt. Der orientalische Pantheismus und der hebräische Monotheismus. *) Meine Damen und Herren! Die Religion und die Wissenschaft sind die beiden erhabensten Ausdrücke des menschlichen Gedankens und die nothwendigste Nahrung, nicht allein für die Intelligenz, sondern des Lebens selbst, des gesammten und fortgesetzten Lebens der menschlichen Gesellschaft. Vergeblich wollte man die eine oder die andere unterdrücken und Völker bilden, die entweder nur aus Gläubigen, aus Weisen oder Philosophen bestanden, denn die Philosophie ist für jede Zeit das Ergebniß und das letzte Wort der Wissenschaft. Die Religion hat ihre Wiege und einigermaßen ihr natürliches Vaterland im Osten, die Wissenschaft im Westen, besonders in Europa. Wenn der betrachtende, mystische, unter der Herrschaft unbeweglicher Traditionen gebeugte Orient unter seiner Unbeweglichkeit zu leiden beginnt und das Bedürfniß fühlt, gegen die Gesetze der Natur besser bewaffnet, über ihre Geheimnisse und den Nutzen, den man aus ihren Kräften ziehen kann, besser unterrichtet zu werden, dann wendet er seine Blicke gegen den Westen, und, nicht zufrieden damit, das Uebergewicht seines Genies zu fühlen, resignirt er sich, seine Herrschaft anzunehmen. Wenn im Gegentheil der Westen, i) Vortrag von Ad. Franck in der Generalversammlung der „8oeivte des Etudes juives“ am 19. Januar 1889, entnommen der Revue bleue.

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