Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1889)
- Date
- 1889-02-21
- Page
- Seite 125 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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125 ßen erfährt man nichts, und während man an Spezzia vorüberfährt, kann man sich einbilden, von New-Iork nach Chicago zu fahren. Das ist aber gerade etwas für die bewegte Phantasie, die es gar nicht gern sieht, an die wirkliche Physiognomie der Dinge erinnert und an sie gefesselt zu werden. Hier kann sie behaupten, daß sie stets Recht habe, swas ihr der ernsten Schwester Wirklichkt.it gegenüber selten gelingt. In Neapel schlechtes Wetter. Es versteht sich, daß ich mich dennoch auf den Weg mache, um das mit so vielen Anstrengungen und Opfern aufgedeckte Pompeji und den gerade in Bewegung befindlichen Vesuv zu sehen, welchen Letzteren man gern mit denselben Anstrengungen und Opfern zuschütten möchte, wenn man es könnte. Einstweilen haben die italienischen Führer die Drahtseilbahn zerstört, wahrscheinlich damit der alte Herr nicht allzu viel von Besuchern belästigt werde. Es war wirklich ein höllisches Wetter, als ich eine Stunde lang den Aschenkegel hinaufkletterte, so daß mein und meines Führers Bart eine eisige Kruste bekamen; und nun im Krater eine dämonische Finsterniß, nur hier und da von den Gluthaugen eines Lavastromes durchblitzt und ein infernalischer Schwefelgeruch. Ich begann dies dem Herrn übelzunehmen, der ja seit 80 Jahren vor unserer Zeitrechnung bis heute Zeit genug gehabt hat, seine unanständigen Sitten abzulegen. Er begann vielmehr noch ein heftiges Bombardement von glühenden Steinen, und da diese immer näher kamen, verließen wir eiligst den Krater und schurrten in einer Viertelstunde den Aschenkegel wieder hinunter. Die Fahrt nach Palermo war wegen jenes Uebels nicht angenehm, an welchem der große Seeheld Nelson sein ganzes Leben hindurch die ersten drei Tage jeder neuen Seereise litt. Denn der Wind stürmte die Wogen auf unseren Dampfer los, so daß er sich beständig in schaukelnder Bewegung befand und seine Insassen sammt allen Geräthen von einer Seite zur anderen schleuderte und auch auf dieser Letzteren kaum einige Augenblicke Ruhe gewährte. Desto herrlicher war die Einfahrt in die Bucht von Palermo. Das Auge wußte nicht, wo es zuerst ruhen sollte: auf den steilen und doch zierlichen Felswänden, die das Ufer zieren, auf den hohen mannigfaltigen formen- und farbenreichen Kalksteinzügen, welche im Halbrund das Land umschließen, oder auf der sog. „goldenen Muschel", d. h. dem üppig fruchtbaren Lande innerhalb dieses Gebirges und dem Meere. Diese ausgedehnte Pracht der schönsten und edelsten Obstbäume und die mit den herrlichsten Gesträuchen, mit Rosen und Veilchen überdeckten Fluren, und dann die zahllosen weißen Häuser und Villen mit platten Dächern, die Paläste und Kirchen, bald in maurisch romanischem, bald in normännisch-gothischem Style, diese zahllosen Thürme, die in ihrer Schlankheit mehr den Minarets gleichen. Ach, ich könnte Vieles über diesen merkwürdigen Rest des Alterthums und des Mittelalters sagen, ohne nur von der willkürlichen Dichtungskraft Gebrauch zu machen, die mir zusteht. Wenn in Rom das Christenthum sich unmittelbar auf dem Hellenenthum aufbaut: so ist Palermo die Stätte, wo sich das Christenthum mit dem Islam vermählte, wo so recht die christliche Cultur unter dem Einfluß der arabischen ihre Entwickelung nahm. Doch nur das Eine noch. Die Palermitaner gefielen mir viel besser als die Neapolitaner. Die Letzteren sind ein träges, freches, betlelhaftes und darum auch wieder kriechendes, immer aber sehr schmutziges Volk. Ganz anders der Palermitaner, der freundlich und bescheiden, aber mit einer gewissen Würde auftritt und sich zurückhält, was weder ihm noch dem Fremden zum Schaden gereicht. Jetzt befinden wir uns in Catania. Aber nein, weiter will ich es doch nicht treiben, um nicht einige der Eigenschaftswörter zu erhalten, die ich eben dem Neapolitaner zuertheilte. Nicht ich, sondern mein jüngster Sohn, der Geologe vr. Alfred Philippson, besteigt den griechischen Dampfer auf der Höhe von Catania, um nach Athen und von dort zum Peloponnes zu gelangen, wo er seine zweite geographischgeologische Forschungsreise abzuhalten gedenkt. War es ja doch nur im Geiste, daß ich mit dem theuren Sohne vom Krankenbette aus die Reise nach Catania machte, und mich im Augenblicke wieder zu Hause fand, als das Schiff um das Cap in die blaue, viel bewegte Adria hinausfahren sollte. Da seine erste Reise vom Juni 1887 bis zum Juli 1888 einige Erfolge geliefert hat, die von wissenschaftlicher Seite sich der Anerkennung zu erfreuen hatten, mag es ihm so weiter gelingen, ob er die steilen Felsen des Taygetus zu erklettern oder auf den Hochplateaus unter den wilden Hirtenstämmen zu leben hat, die jedoch trotz ihres Räuberaussehens Niemanden etwas zu leide thun, der sie nicht reizt. In unserer Zeit kann auch der Sohn Jawan's mit dem Sohne Israels in Freundschaft und in gemeinsamem Streben mit einander leben; denn es giebt jetzt doch viel mehr allgemeine als specielle und persönliche Interessen und in jenen ersteren können sich zusammenfinden, die sonst weit von einander getrennt sind. Jüdisch-polnisches Theater in Paris. Eine jüdisch-polnische Schauspielertruppe giebt jetzt Vorstellungen in Paris. Von einer solchen — das Stück hieß „Raschi" — giebt Herr H. Prague einen Bericht in den Areh. isr., dem wir das Folgende entnehmen. Zunächst einige Worte über die Versammlung. Das ganze polonisirende Polen — natürlich das jüdische — vom Stadthaus bis zum Montmarte — hatte sich dort zusammengefunden. Im „Paradies" eine mannigfaltige Sammlung