Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1889)
- Date
- 1889-02-21
- Page
- Seite 122 (sequence 10)
- Language
- German
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122 Schulen im Orient nur selten auf dergleichen, von orthodoxer Seite erhobenen Widerstand gestoßen ist. Sie hat dies ihrem sehr richtigen Grundsatz zu verdanken, eine Schule nur dann zu gründen und zu erhalten, wenn die Gemeinde es selbst verlangt und einen nicht unbeträchtlichen Theil der Kosten hergiebt; gewöhnlich übernimmt die Allianz die Besorgung der Lehrkräfte. Die Erfahrung wird ihr wohl diesen Grundsatz beigebracht haben, da früher an mehreren Orten die Schulen keinen festen Boden zu finden vermochten, sondern oft wieder eingingen. Die jetzt von der Alliance gestellten Bedingungen sichern der Schule eine dauernde Existenz im Schoße der Gemeinde selbst. Großbritannien. Bonn, 10. Februar. (Privatmitth.) fNekrolog.^ Soeben kommt uns aus London die Trauerkunde zu, daß Miß Anna Maria Goldsmid am 8. d. entschlafen ist. Geboren im Jahre 1805, hat sie ein Lebensalter von nahezu 84 Jahren erreicht. Aber seit vier Jahren schlummerte die edle, hochgestimmte Seele allmählich ein und kam nur zeitweise ins Bewußtsein zurück. Seit einem halben Jahre erlosch dies fast ganz, und so trat bei ihr der Tod wie ein Engel der Erlösung ein, der sie zu jenen Höhen des Lichtes hinauftrug, auf welche sie sich in früherer Zeit so gern versetzte. Sie war die Tochter des Barons Sir Jsaac Lyon Goldsmid und die Schwester des Sir Francis Goldsmid, Baronet, beide in England hoch angesehene Persönlichkeiten, Letzterer lange Zeit hindurch und zwar bis zu seinem Tode Mitglied des Unterhauses. Sir Jsaac war durch seine außergewöhnliche Wohlthätigkeit ausgezeichnet; er trug viel zu der Errichtung der freien Universität in London bei, mit der Bedingung, daß an ihr ein Lehrstuhl für hebräische Sprache und Literatur dauernd bestehe. Bei seinem Tode vermachte er eine sehr bedeutende Summe zu Gunsten eines Krankenhauses an dieser Universität. Miß Anna Maria, die unvermählt blieb, machte mit ihrem Vater Reisen fast durch alle europäischen Länder. Sie hatte einen hoch durchgebildeten Geist und war neben ihrer Muttersprache der deutschen, französischen, italienischen und spanischen Sprache völlig mächtig und mit deren Literaturen vertraut, so daß sie aus den Classikern derselben lange Stellen zu citiren vermochte. Nichts glich aber in ihr der Wärme ihrer religiösen Empfindung, der Begeisterung für die Religion Israels. Sie gehörte zu der Resormgemeinde vom Westend, welche fest und gläubig auf dem Boden der Thora steht und die Vorschriften derselben möglichst treu auszuüben sucht, ohne die spätere traditionelle Lehre zu beachten. Sie studirte eifrig alle neuen Erscheinungen auf diesem Gebiete. Schon 1839 übertrug sie eine Anzahl Predigten G. Salomons ins Englische und 1856 unsere Vorlesungen „Ueber die Entwickelung der religiösen Idee im Judenthum, Christenthum und Islam." Sie hatte mit dieser letzteren Arbeit einen schönen Erfolg in England, und viele Zeitschriften brachten anerkennende Kritiken, wobei immer die Kunst der Uebersetzerin, deren Uebertragung sich wie ein Original lese, hervorgehoben wurde. In dem gedachten Werke mißfiel ihrer supranaturalistischen Anschauung die sehr begründete und gerechtfertigte Ansicht, daß Jesaias Capp, 40—66 von einem anderen gegen Ende des Exils lebenden Propheten verfaßt seien. Sie polemisirte dagegen in einer ausführlichen Anmerkung und ließ den Prediger der Resormgemeinde, Prof. Marx, auch eine Anmerkung hinzufügen. Beide jedoch sind besser gemeint als gedacht. Eine große Befriedigung suchte Miß Anna auf dem Gebiete der jüdischen Schule, für welche sie ungemein thätig war, und man verdankt einen Theil der großen Leistungen dieser Schulanstalten der Einwirkung der Miß Anna. Besonders erkannte sie, daß ohne gute Lehrer und Lehrerinnen keine gute Schule bestehen könne, und sie übernahm deshalb den Auftrag, die bedeutendsten Culturstaaten zu durchreisen, um die Seminareinrichtungen zu studiren. Ein besonderes Vergnügen bereitete ihr auch die Abhaltung englischer Vorlesungen, namentlich vor jüdischen Arbeitern. So erinnern wir uns, von ihrem letzten Aufenthalte in Bonn, mit welchem Feuereifer sie uns einen, vor zahlreichen jüdischen Arbeitern in London gehaltenen Vortrag über den Auszug aus Egypten und den Zweck dieses geschichtlichen Vorganges, vorlas. Die Situation war pikant: die vom Pharaonischen Joche befreiten Arbeiter und die jüdischen Arbeiter von London, meist aus Auswanderern bestehend. Der Miß Anna ging aber das Religiöse über das Pikante, und sie strebte dem Ziele zu, durch die Stärkung der religiösen Gesinnung dem Arbeiter das Leben zu erleichtern und zu verschönern. — Es war natürlich, daß Miß Anna Maria Goldsmid auf ihren Reisen auch Bonn aufsuchte. Bald knüpfte ein echt freundschaftliches Gefühl die edle Seele derselben an alle Glieder meiner Familie, bis zu den Enkeln. Es war für uns ein schmerzliches Gefühl, als uns von den Verwandten der Dahingeschiedenen mitgetheilt wurde, wie sie auch in den letzten Leidensjahren, wenn sie zum Bewußtsein erwachte, oft geäußert, sie wolle wieder nach Bonn zu ihren Freunden reisen! — Gewiß, diese in ihrer ganzen Haltung aristokratische und doch in ihrer unbegrenzten Liebe zur Menschheit echt demokratische Natur mit ihrem reichen jüdischen Wissen, namentlich ihrer Bibelkenntniß, bildet eine Erscheinung, wie sie in ihrer Individualität kaum wiederkehren wird. Aber im Allgemeinen sind doch die Wege, die sie gegangen, für Alle da. Und so pflanzen wir eine Cypresse zu dauerndem Angedenken auf das frische Grab unserer theuren Freundin.