Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1889)
- Date
- 1889-02-21
- Page
- Seite 119 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227771-3227780--46001-3265539- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
119 der Feier seines siebenzigsten Geburtstages bekundet, welche ihm Anlaß zu namhaften milden Stiftungen gab, die das Gedächtniß seines Namens dauernd erhalten werden. Nicht allein in den Kreisen der Familienangehörigen, sondern auch in den weiteren Kreisen der Freunde und Bekannten wie der gesammten Bürgerschaft wird der Tod des trefflichen Mannes schmerzliche Theilnahme erwecken. Berlin, 11. Februar. Unsere Leser erinnern sich, daß Hofprediger Stöcker gegen Pastor Witte wegen Veröffentlichung einiger Briefe bei dem Consistorium der Provinz Brandenburg auf eine disciplinarische Untersuchung angelragen hat. Witte befand sich in der Nothlage Stöcker gegenüber, der ihn in Versammlungen verleumdete und die Briefe besagten, daß Stöcker den Witte in dem bekannten Proceß, der für Stöcker so unehrenhaft endete, sein Zeugniß gleich dem Stöckels einzurichten, überreden wollte. Ueber die Entscheidung des Consistoriums liegen folgende Nachrichten vor: Aus absolut zuverlässiger Quelle kann ich mittheilen, daß Stöcker mit seiner Beschwerde gegen Pastor Witte beim Consistorium der Provinz Brandenburg abgewiesen worden ist. Die Begründung der Abweisung enthält eine scharfe Verurtheilung des agitatorischen Auftretens des Hofpredigers. — In Betreff der Meldung der Blätter über die Angelegenheit Witte-Stöcker theilt die „Norddeutsche" mit, durch Verfügung des Consistoriums der Provinz Brandenburg an Stöcker sei dessen Beschwerde über Witte und sein Antrag auf disciplinarisches Einschreiten gegen denselben zurückgewiesen. Mit dieser Entscheidung scheide die Person Wittes aus der weiteren kritischen Erörterung der Angelegenheit aus und es bleibe nur übrig, daß von dem evangelischen Oberkirchenrath nun auch für Stöcker die gleiche Feststellung des Sachverhaltes unternommen werde. —- Die „N. Allg. Ztg." meldet: .Laut telegraphischen Nachrichten aus Japan soll heute die feierliche Proklamation der neuen Berfafsung durch den Kaiser stattfinden. Dieselbe führt die constitutionelle Regierungsform ein und wird nicht verfehlen, auf die weitere Entwickelung des Reiches von weitgehender Bedeutung zu sein. — Die Notiz, welche das Organ des Reichskanzlers heute über Herrn Stöcker bringt, findet und verdient Beachtung. Man erfährt, daß das Consistorium die von Stöcker gegen den Prediger Witte eingereichte Beschwerde und seinen Antrag auf disciplinarisches Einschreiten zurückgewiesen hat, und die daran geknüpfte Bemerkung fordert mit dürren Worten den Oberkirchenrath zu einer Disciplinaruntersuchung gegen Stöcker auf, erstens, weil dieser einen thatsächlich existirenden Brief des Pastors Witte an ihn öffentlich und auch vor Gericht in dem bekannten Proceß gegen Becker abgeläugnet hat und zweitens, weil er vor jenem Proceß an Witte Briefe gerichtet hat, die fast so aussehen, als wollte er dessen! Zeugniß beeinflussen. Kommt es zur Disciplinaruntersuch-! ung, so kann sie für Herrn Stöcker übel ablaufen; auf besonderen Schutz oder Protektion hat er zur Zeit kaum zu rechnen. Dieselbe mächtige Stelle, die jetzt aus politisch-taktischen Gründen den Kampf gegen die „Kreuzztg." uub ihre Richtung führt, hat kein Interesse, Herrn Stöcker zu halten, sie würde vielmehr seinen Fall politisch sehr nützlich verwerthen können. — Stöcker hat stets den Muth bewiesen, seinen Gegnern, zuvorzukommen und sie durch diese Verwegenheit zu verblüffen. Wie der Fall Witte bei dem Consistorium sich abspielen werde, wußte er wohl schon, bevor die Entscheidung wörtlich festgestellt war. Um nun im Voraus gegen diesen für ihn harten Schlag zu reagiren, versammelte er seine Getreuen um sich. Gegen die officiöse Presse hielt Herr Stöcker vor seinen Christlich-Socialen am Freitag eine geharnischte Rede. Der ganze Vortrag beschäftigte sich mit der „Nordd. Allg. Ztg." und mit der „Post". Herr Stöcker sah sich plötzlich veranlaßt, gegen Artikel der „Post" zu polemisiren, die über „Stöckerei und Muckerei" schon im December 1887 erschienen sind. Er sprach von der Verdächtigung derWaldersee-Versammlung, von dem „sehr bösartigen Handwerk und der darin liegenden Unwahrheit und Ungezogenheit gegen Mitglieder des königlichen Hauses seitens eines freiconservativen Organs." Er eiferte dann gegen die Verwerflichkeit des Opportunismus. Er glaube, daß die Zeiten bald kommen werden, in welchen man solche Leute, die morgen das Gegentheil von heute sagen, nicht brauchen kann für den öffentlichen Kampf, sondern allein Menschen von sicherer Gesinnung. Die Mittelparteien seien ein Ballast. Es sei eine fixe Idee, daß ihre Gummikopf-Politik von irgend welchem Erfolge begleitet würde. Stöcker meint, daß die grauenhaften Nachrichten aus Wien uns zu denken geben, wohin es führt, wenn einem Volke der Glaube untergraben wird, wenn eine schlechte Presse den Sieg erhält, und wenn über den inneren Trümmern eines Volkes das Judenthum schwebt und beim Aufsteigen wie beim Niedergang, beim Sieg wie bei der Niederlage das Geld einheimst und Geschäfte macht. Nach Herrn Stöcker wäre also Kronprinz Rudolf durch eine schlechte Presse und durch die Verführung des Judenthums in jene Verhältnisse geführt worden, welche seinen Tod zur Folge hatten. Im Gegensatz zur furchtbaren Katastrophe im österreich-ungarischen Königshause, so schloß Stöcker, dürfe man mit Dank gegen Gott, aber ohne Pharisäerhochmuth auf die tzohenzollern blicken. — Der Blödsinn, welchen hier Stöcker zurechtknetet, giebt doch einiges Zeugniß dafür, daß er sich in seiner ganzen Position schwankend und erschüttert fühlt. Mit Dreistigkeit läßt sich noch Etwas zurückhalten. Verlieren kann ein Stöcker durch sie nicht mehr.