Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1889)
- Date
- 1889-02-21
- Page
- Seite 116 (sequence 4)
- Language
- German
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116 Ich sehe, Sie lächeln, und die Frage schwebt auf Ihrer Zunge: „what’s Hecuba* to me?“ Nun, Sie mögen Recht haben, aber ich bitte Sie um noch ein wenig Geduld; ich komme schon zur Sache. Ich wollte Ihnen nur den Stand der Dinge zeigen wie er war und zum großen Theile noch ist; wollte Ihnen zeigen, wieso diese Idee in mir entstanden, seit wann sie mich beschäftigt, daß auch Andere, außer mir, das unbebaute Feld in unserer Literatur bemerkt haben, daß es leicht urbar zu machen ist, und daß es eine reiche Ernte verspricht. Es handelt sich hier in erster Reihe um die Popularisirung der jüdischen Geschichte. Sie, als Gelehrter, werden vielleicht dagegen sein und es für eine Profanation halten. Aber ich, als Laie, behaupte, daß der Geschichte kein Abbruch geschieht, wenn sie Kindern und Erwachsenen in der Form von Erzählungen mitgetheilt wird, und ich weiß gewiß, daß ebenso wie z. B. die naturwissenschaftlichen Volksbücher von Bernstein Tausenden von Menschen gerade durch ihren populären Stil Liebe zu den Naturwissenschaften einflößten, auch die verschiedenen Schriften des Philippson'schen Instituts ihre segensreiche Wirkung nicht verfehlten. Einer näheren Ausführung bedarf es nicht, und ich will mich hier nur auf seinen „Saron" und die anderen Erzählungen beschränken. Das Institut dauerte leider auch nur achtzehn Jahre. Jetzt taucht die alte Idee in einer neuen Form unter der Elite der jüdischen Männer der Wissenschaft auf, und wer möchte an der Ausführbarkeit derselben zweifeln? Anstatt daß früher nur an die Erwachsenen gedacht wurde, halten es die Mitglieder des Rabbiner-Verbandes für wünschenswerth, an die Kinder zuerst zu denken und eine Jugendbibliothek ins Leben zu rufen, und ich würde einen Theil der Philippsonschen Schriften als Vorarbeiten zu derselben betrachten. Zuförderst würde ich in den verschiedenen jüdischen und anderen Zeitschriften — denn hier können sich Liberalismus und Orthodoxie dreist in die Arme fallen, ohne zu befürchten, daß sie sich zugleich in die Haare fallen — an Schriftsteller, oder an solche, die es werden wollen, einen Aufruf erlassen, Jugendschriften nach vorhandenen Mustern, wie die von Schmidt, Hoffmann, Höckner und Anderen zu verfassen. Ich würde z. B. wie der Letztere die besten Romane von Scott, Bulwer und Dickens für Kinder erzählt, die Erzählungen von Kompert, Bernstein, Philippson und Anderen ebenso behandelt oder auch theilweise so wie sie sind, für die reifere Jugend in die Sammlung mit aufnehmen. Ferner würde ich, wie die Ersteren, die Biographien von Mendelssohn, Humboldt, Friedrich dem Großen, Washington, Franklin und Anderen, sowie ähnliche Themata aus der jüdischen Geschichte den Kindern mundgerecht machen, und gleich Hoffmann Erzählungen aus dem jüdischen Leben bringen. Auch an Märchen würde ich cs nicht fehlen lassen, und anstatt das allbekannte Rübezahl, doch lieber unseren guten, heilverkündenden Propheten Elijahu wählen; ich glaube Kossarski hat schon etwas Aehnliches gebracht. Ich kenne Jugendschriften, die von Müttern verfaßt sind, die dieselben für ihre eigenen Kinder geschrieben haben, und ich würde auch im vorliegenden Falle das Auge auf die jüdischen Mütter richten, denn das allein ist der richtige Ton der Jugendschriften, wie gebildete Mütter zu ihren Kindern sprechen. Dann rechne ich auf unsere Lehrer. Wie schön könnte mancher Lehrer an einem kleinen Orte seine Mußestunden mit der Dichtung solcher Erzählungen ausfüllen! Ich glaube also, daß es an Mitarbeitern keineswegs fehlen würde. Wenn diese gesichert sind, dann kann es sich nur noch um den geschäftlichen Theil handeln, und das kann einer Vereinigung wie der Ihrigen doch wirklich keine Schwierigkeiten machen. Ich glaube Ihr Verband zählt bereits ca. 80 Mitglieder, und wenn sich derselbe die verschiedenen Lehrervereine zu Hilfe nimmt, dann werden Sie hoffentlich so viele Abonnenten zusammenbringen wie Sie brauchen, zumal wenn Sie alle vier bis sechs Wochen ein Bändchen zu etwa 50 Pf. herausgeben. Nehmen wir an, daß es der Herren Rabbiner und Lehrer, die sich für die Sache interessiren, vorläufig nur 100 sind; daß jeder von ihnen nur für 20 Abnehmer sorgt, und daß jede Gemeinde veranlaßt wird, auf eine gewisse Anzahl von Exemplaren für unbemittelte Kinder zu abonniren, dann finden Sie schon einen Verleger, der die Sache in die Hand nimmt. Nachdem ich Ihnen Alles so leicht ausführbar dargestellt habe, verhehle ich mir keineswegs die Schwierigkeiten, mit denen Sie vielleicht zu kämpfen haben würden, so unschuldiger Art das Unternehmen auch immer ist: ich meine die Indifferenten und die Vertrauensseligen, — aber ohne Kampf kein Sieg. Es wird vielleicht nöthig sein zu beweisen, daß wir uns durch die Schöpfung einer Jugendbibliothek keineswegs der vielgepriesenen Assimilation entziehen wollen, daß wir fortfahren wollen, mit offenen Händen für Institute beizutragen, die nicht für uns existiren — ich meine die Geschenke und Legate, die mit Selbstverleugnung von Juden zu wohlthätigen Zwecken ohne Unterschied der Confession gemacht werden — daß wir immer bereit sein werden, christliche Lehrer, Buchhalter und Handwerker zu beschäftigen, während uns nicht dieselbe Rücksicht entgegengebracht wird. Unsere Kinder sollen nur kennen lernen, daß wir keine Parias sind; man soll ihnen nur erzählen, daß es unter den Juden auch Wohlthäter der Menschen gegeben und noch giebt, daß wir auch große Könige, Staatsmänner, Feldherren, Gelehrte und Künstler gehabt, daß wir mit Hunderten von Erzählungen von Judenknaben dienen könnten, wie man sie uns von Savoyarden- und Negerknaben, und von armen Knaben, die aus eigener Kraft bedeutende Männer geworden, erzählt hat, und daß