Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1889)
- Date
- 1889-02-21
- Page
- Seite 115 (sequence 3)
- Language
- German
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115 haben, so lange sie uns gewährt wird, die aber nicht unser verfügbares Eigenthum ist, wir haben es nicht geschaffen und dürfen es nicht vernichten. So ist allerdings die Religion — die jedoch nicht mit Pfaffenthum identisch ist — die einzige und bleibende Leuchte für die Erdenpilger, und wer diese Fackel auslöscht und wer sie willig sich auslöschen läßt, ist dem Verderben näher als er glaubt. Gewiß, man hat den Selbstmörder zu aller Zeit bedauert, beklagt — aber man hat ihn verachtet als einen Feigling, einen Gewissenlosen, einen Verbrecher. Jetzt giebt es Leute genug, welche ihn nicht bloß achten, sondern auch bewundern. Auch das ist sicher, daß wir in jedem einzelnen Falle mit unserem Urtheil sehr vorsichtig sein müssen. Spricht doch schon das jüdische Ritualgesetz den in Irr- und Wahnsinn Befangenen auch als Selbstmörder von der Schuld frei. Aber dagegen muß man sich wehren, denn es wäre das rechte Förderungsmittel der Epidemie, daß man jeden Selbstmörder als in einer Geistesstörung, Begriffsverwirrung befindlich ansähe und so der Verantwortlichkeit entzöge. Dagegen sprechen doch schon die vielen Fälle, in welchen der Betreffende vor seiner That seine Motive ausgesprochen, oder wo diese Motive so offen liegen, daß sie keinen Zweifel übrig lassen. Anderenfalls müßte man jeden Verbrecher als in einer Geistesstörung befindlich ansehen und ihm so die Verantwortlichkeit von den Schultern nehmen. Dies wäre aber selbst eine Begriffsverwirrung von unübersehbaren Folgen. Freilich giebt es in unserer Zeit eine nicht geringe Zahl irrender Menschen, welche diesen gläubigen Blick auf den göttlichen Willen als Knechtschaft, den auf die göttliche Vergeltung als Furcht ausgeben, und beide seien des freien Menschen unwürdig. Aber derselbe „freie" Mensch muß sich doch auch den Gesetzen des Staates beugen, und das Gesetz, um die Gesellschaft und die Bürger möglichst zu schützen, muß Strafen androhen und vollziehen. Niemand mit gesundem Menschenverstand wird dies für eine Knechtschaft und eine Furcht ansehen, die des Menschen unwürdig seien. Es sind dies Bedingungen des gesellschaftlichen Lebens, und ebenso sind Gotteserkenntniß und Gottesfurcht Bedingungen des seelischen, Bedingungen des rechten sittlichen Lebens. Und darum, Ihr Eltern, können wir, im Angesicht dieses traurigen Charakterzuges unserer Zeit, auch heute nur die dringliche Mahnung an Euch richten: erziehet Eure Kinder religiös, lasset die Religion nicht gänzlich aus Euren Häusern schwinden, leget die Worte des Gebetes in die Herzen und auf die Lippen der Jugend, festigt in ihren Geistern die Gedanken an Gott, Menschenthum und Unsterblichkeit... Thut Ihr dies in rechtem Maße und mit aufrichtigem Eifer, so wird Vielen von Euch erspart bleiben, Eure Jugend vor Euren Augen zusammenbrechen zu sehen, sei es in Folge der heißen Leidenschaft, sei es durch selbstmörderische Hand. Breslau, im Februar. Sibliothek für die jüdische Jugend. An Herrn Rabbiner Di-. B. Als ich mich vor circa einem Menschenalter in England aufhielt, kam mir die dortige Kenntniß vom Judenthum überhaupt wie ein Vacuum vor. Kein Mensch kümmerte sich darum, es sei denn, daß man das kümmern heißt, daß einige polnische Juden im britischen Museum und in der Oxforder Universität Manuscripie abschrieben. Der erste jüdische Schriftsteller, auf den ich stieß, war der alte Disraeli, der aber, außer dem 6onias of Judaism, nichts für das Judenthum, von dem er später abfiel, schrieb, und was sein Sohn, der berühmte Lord Beaconsfield, geschrieben, hatte auch nur blutwenig oder gar nichts mit dem Judenthum zu thun, abgerechnet seinen Alroy, und ich fand außer der Geschichte der Juden in Portugal und Spanien von Lindo, seiner Uebersetzung des Conciliador von Manasse ben Israel, einer kleinen Geschichte der Juden von Milman, Domprobst an der Paulskirche, einer englischen Uebersetzung des Josephus, die mehr in christlichen als in jüdischen Häusern anzutreffen war, und den Schriften Grace Aguilar's nichts, das über jüdisches Wissen oder über jüdisches Leben Aufschluß geben konnte. Wenige Jahre vorher war es einem jüdischen Geschäftsmann passirt, seine Existenz zu verfehlen, und in Folge dessen kam er auf den glücklichen Einfall, eine jüdische Zeitschrift zu gründen, welche wenigstens das Gute für sich hatte, daß verschiedene Männer, hauptsächlich Deutsche, die ein Interesse für das Judenthum und mehr oder weniger Fähigkeit hatten, etwas zu leisten, aus ihrem Versteck hervorkamen. Ich war zufälliger Weise mit dem Herausgeber dieser Zeitschrift bekannt geworden und faßte den kühnen Entschluß, die wenigen dort lebenden Gelehrten anzuregen, die englischen Juden durch Uebersetzungen auf den reichen Schatz unserer Literatur aufmerksam zu machen, und betheiligte mich selbst dabei durch die Uebersetzung des ersten Bandes der Mendelssohn'schen Werke und der ersten Gespräche von Herder's „Geist der Ebräischen Poesie". Dann hielt ich es auch für wünschenswerth, die Jugend in erzählender Form mit der Geschichte unseres Volkes bekannt zu machen, und habe selbst einige Versuche in dieser Beziehung gemacht. An der Fortsetzung meiner Betheiligung wurde ich leider durch meine Uebersiedelung nach Paris verhindert, und ich glaube, daß die Sache nach und nach eingeschlafen ist — tont comme ehez nous. Doch, ehe ich England verließ, hatte ich die Freude zu sehen, daß Philippson in Deutschland mit seinem „Institut zur Förderung der israelitischen Literatur" ausführte, was ich in der Fremde angeregt und ersehnt hatte. 8*