Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-02-21 · Heft 8 (21.2.1889) · p. Seite 114

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 8 (21.2.1889)
Date
1889-02-21
Page
Seite 114 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3227771-3227780--45996-3265534
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

114 heilen und Aengsten und zu erwartenden Strafen zu entgehen. Endlich tritt zu alle diesem, um die Frevelthat den Leuten leicht zu machen, die jetzt so weit verbreitete Irreligiosität und die dadurch bewirkte Abschwächung des sittlichen Gefühls hinzu. Wer diese drei Momente zusammenfaßt, dem wird jene furchtbare Erscheinung nicht mehr unerklärlich dünken. Betrachten wir das letzt angeführte etwas näher. Die Religion erklärt den Selbstmord für eines der größten Verbrechen. Aber es giebt jetzt allzu viele, welche der Religion keinen Raum und Einfluß mehr gestatten wollen. Wie kommen diese nun dazu, diese That für verwerflich zu erklären? Und doch liegt in der Beantwortung dieser Frage zugleich die Angabe des Behinderungsmittels, des Mittels, dem Selbstmorde wieder einige Schranken zu setzen. Da fällt uns ein Leitartikel der „Voss. Ztg." in die Hände, dessen Ausspruch wir deshalb hierher setzen, weil er eben die Ansicht einer zahlreichen Menge veranschaulicht. „Der Selbstmord ist nach den Begriffen unserer heutigen Moral schlechthin verwerflich. Alle Versuche, diesen Satz abzuschwächen, sind der Ausfluß einer schlechten Kasuistik. Wer lebt, hat die Pflicht zu leben; wer ein Gut besitzt, hat die Pflicht, dieses Gut zum gemeinen Wohle zu verwenden und es nicht zu vergeuden, und das Leben ist zwar der Güter höchstes nicht, aber doch immerhin ein Gut, und wer es besitzt, hat die Pflicht, damit als ein treuer Haushalter zu schalten. Man ruft die Satzungen der positiven Religion an, um die Verwerflichkeit des Selbstmordes darzuthun. Wer dieser Stütze bedarf, um seine Entscheidung zu treffen, wem durch den Rückgriff auf diese Lehre seine Entscheidung auch nur erleichtert wird, dem gönnen wir es, auf diesem leichteren Wege zu derselben Entscheidung zu kommen, zu welcher wir auf einem anderen Wege gelangen. Für uns steht die Unzulässigkeit des Selbstmordes als eine Einsicht fest, zu welcher sich der Mensch auch ohne göttliche Offenbarung Hinaufringen soll." Ganz gut. Wir lassen die Folgerungen des Artikels gelten; sie leuchten ja dem gesunden Menschenverstände ein. Wenn aber der Verfasser desselben sich einbildet, auf diesem Wege auch nur einen einzigen Selbstmörder von dem Vollzüge seiner schrecklichen That zurückzuhalten, so möchte er sich gewaltig irren. Ein Mensch, der ein so reges Pflichtgefühl hat und in seinem Handeln so pflichtgetreu der von ihm erkannten Pflicht zu folgen bestrebt ist, wird niemals zu Selbstmordgedanken kommen. Es werden in ihm auch noch andere, viel wärmere Pflichten mitsprechen, als die, das Leben nicht zu enden, weil wir es einmal besitzen und es zu gemeinem Nutzen verwenden — da stehen doch die Bilder der Eltern, der Geschwister, der Freunde vor der Seele und mahnen an die Pflichten gegen sie, und zugleich kommt die Mahnung an die Schmach, die er neben dem Schmerze seines Verlustes den Seinigen zufügt und nun gar der Gedanke an Weib und Kind, wenn diese vorhanden sind . . . was will da jene Pflicht, das Leben zu erhalten, gegen diese das Herz erwärmenden Gefühle sagen? Wo diese nicht laut genug sprechen und den mit der Mordwaffe versehenen Arm zurückhalten, schwindet jene nüchterne Folgerung in Nichts zusammen. Aber willst Du wissen, wo der Selbstmord wirklich aushört? Wo die Gotteserkenntniß den Geist erfüllt, wo die Gottesfurcht Herz und Seele durchdrungen hält, wo die Gewißheit der göttlichen Vergeltung wohnt, wo die Ueberzeugung lebt, daß Gott es ist, der uns in das Leben gerufen, der uns unsere Verhältnisse von Jugend an geordnet und uns nun berufen hat, die Bestimmung zu erfüllen, die er dem Menschen ertheilt hat, seine Kräfte zu entwickeln und sich zu vervollkommnen; wo es uns bewußt ist, daß wir, wenn wir gesündigt haben, unsere Schuldhaftigkeit zu erkennen, uns zu bessern und zu Gott zurückzukehren haben; wo wir die Folgen unserer Handlungen, wo wir die mit dem Leben verbundenen Leiden und Schmerzen zu tragen entschlossen sind und dazu auch dann die Kraft in uns finden, mögen alle Hoffnungen geschwunden, alle Aussichten verdunkelt und das ganze Bauwerk unseres Lebens zusammen zu brechen scheinen — ja, da hört der Selbstmord auf. Es ist keine ascetische Erwägung, wenn wir meinen, die Kraft des Menschen ist nicht allzu groß, aber sie kann unendlich erhöht und gestärkt werden, wenn wir uns Kraft von oben holen; die Aussichten auf Hilfe und Rettung werden oft äußerst gering sein, wenn wir aber auf die Hilfe des rettenden Gottes rechnen, wenn wir in der Zuversicht leben, daß es eine höhere Hand in der Leitung der Geschichte giebt, die uns Wege zu ebnen vermag, die oft recht nahe liegen, nur daß wir sie mit unseren blöden, von Verzweiflungsthränen gefüllten Augen nicht sehen. Es ist keine ascetische Betrachtung, wenn wir glauben, daß mit jedem Leide, das wir ertragen, mit jeder Kraftanstrengung, durch die wir es überwinden, unsere Seele frei wird von einem Stück Schuldbewußtsein — denn „es ist kein Mensch, der nicht sündigt" — denn wir fühlen dasselbe mitten im Leide in der Tiefe unseres Herzens. Unter dem Schutze dieses Glaubens wandelten die früheren Zeiten, trugen die Lasten und Uebel des Lebens und hatten keine Selbstmörder oder doch nur in seltenen Ausnahmen. Was vermag gegen die Macht dieser Wahrheiten jene nüchterne Auslassung, von der Pflicht zu leben, bei welcher man fragt, wer sie auferlegt hätte, und doch muß die „Voss. Ztg." sofort die Meinung Anderer, wie Schopenhauers, v. Hartmann's und Jbsen's als „irrige Casuistik" bezeichnen. Die Religion sagt: du sollst nicht tödten, weder dich selbst noch einen anderen Menschen; das Leben ist eine Gabe Gottes, deren wir uns zu bedienen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.