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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-02-21 · Heft 8 (21.2.1889) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 8 (21.2.1889)
Date
1889-02-21
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Allgemeine Zeitung des Iudenthums. Ei» nn-arteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Durch Buchhandel oder Post bezogen Preis vierteljährl. 3 M., direct von der Expedition in Leipzig unter Streifband 3,5» M. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Uhilippson in Donn. Expedition: Leipzig, Kospitakstraße 2. In redaetionellen Angelegenheiten wende man sich an vr. Phiiippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M'.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 53. Jahrgang. Leipzig, den 21. Februar 1889. Nr. 8. Inhalt. Leitende Artikel: Charakterzüge vom Tage. VI. — Bibliothek für die jüdische Jugend. — Eine jüdische Versammlung in Paris. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Aus Kurhessen. — Oesterreich-Ungarn: Brünn, Aus Gallien. — Großbritannien: Bonn,London. — Palästina: Luzern. — Bonn: Notizen. — Feuilleton: Eine Fahrt nach Catania.— Jüotsch-polnisches Theater in Paris. — Der orientalische Pantheismus und der hebräische Monotheismus. Bonn, 17. Februar. Charakterzüge vom Gage. VI. So schmerzlich auch der Gegenstand ist, so darf doch der, welcher die Zeit erkennen und zeichnen will, nicht stillschweigend an ihm vorübergehen. Eine That, welche die ganze menschliche Gesellschaft aufregt und die doch nur ein Glied einer langen Reihe gleicher Handlungen ist, muß die Aufmerksamsamkeit jedes Beobachters auf sich ziehen. Seit einigen Jahrzehnten ist die Zahl der Selbstmorde in stetem und starkem Wachsthum; von Jahr zu Jahr mehren sich die Fälle; es ist kein europäisches Land, kein Alter und Geschlecht, kein Stand ausgenommen, und Stadt und Land bilden kaum einen wesentlichen Unterschied. Er ist epidemisch geworden, und wir sehen leider! die Menschen immer leichter die Hand an sich legen. Wie höchst selten war der Selbstmord noch vor 50 oder 60 Jahren! Wer jetzt in hohem Alter steht, wird sich aus seiner Jugend kaum zweier oder dreier Fälle erinnern, die damals zu seiner Kenntniß gekommen. — Vor dieser schreckenerregenden Erscheinung stehend, fragt man zuerst nach den Ursachen derselben. Zunächst möchten wir das Beispiel, das böse Beispiel hervorheben. Vergrößert wird gerade diese Gefahr oder die Erscheinung wird vielmehr erst zu eigentlicher Gefahr durch die Zeitungen, welche, wie so manche andere verderbliche Gepflogenheit, die wenig dankenswerthe Aufgabe auf sich genommen haben, über jeden Selbstmord, der irgendwo und durch irgendwen verübt worden, zu berichten und ihn möglichst ausführlich zu beschreiben. Offenbar wird durch diese täglichen Erzählungen das Gewissen der Menschen abgestumpft und das Gleiche zu thun bei erster Gelegenheit ihnen an die Hand gegeben. Ein täglicher Anblick, selbst wenn er noch so furchtbar ist, schreckt nicht mehr ab, und es ist, als ob man gewissen Leuten die Selbsttödtung in die Tasche legte, um sie „mit leichtem Herzen" für sich zu verwenden. Jndeß dies kann doch nur das Unheil fördern. Wir müssen tiefer blicken. Jedermann weiß, daß nach jedem Alkoholgenuß der menschliche Organismus, insbesondere dessen Nervensystem, mehr oder weniger in die Höhe geschraubt wird, daß aber dieser Aufregung bald eine starke Abspannung folgt. Aehnliches geschieht jetzt im wirklichen Leben. Die Leidenschaften sind in den gegenwärtigen Geschlechtern lebhafter und aufregender als früher, wo eine einfache, ruhige und gleichmäßige Lebensweise die Regel war und Alle beherrschte. Die Genußsucht, der Ehrgeiz und die Habgier spielen eine mächtige Rolle und zwar in allen Kreisen. Hierzu die Wirbel des allgemeinen Lebens, innerhalb derer die Menschen bewegt, in die Höhe gehoben und in die Tiefe gestürzt werden, oft in jähem Wechsel. Entnervung, Vermögensverluste, Verbrechen aller Art, wieBetrug und Unterschlagung und daraus entstehende Schande sind allzu häufig die Folgen. Und mitten in solchen kommt die seelische Abspannung, die Schwäche, die Feigheit über den Unglücklichen und drückt ihm das Todesmittel in die Hand, das schon so viele vor ihm und um ihn benutzt haben, um den Verlegen-

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