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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-07-14 · Heft 7 (14.7.1889) · p. Seite 109

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 7 (14.7.1889)
Date
1889-07-14
Page
Seite 109 (sequence 13)
Language
German
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109 flucht. Ich kehre bei mir ein, ich prüfe die Festigkeit meiner Ueberzeugung. Ist sie es Werth, daß ich um ihretwillen so viele Unbillen übernehme, besonders auch für meine Kinder, die ich unter solchem Banne aufwachsen sehe? Und allerdings, mein Glaube an den einzigen unendlichen Weltgeist, den Quell aller Ordnung und alles Gesetzes, meine Liebe zu dem Gotte, aus dessen Hand mein Leben und all' die Wohlthaten und Segnungen geflossen, die sich über mein Dasein gebreitet und der selbst durch die Prüfungen, mit denen er mich heimgesucht, mich geläutert und gebessert hat, so daß ich meinen Lebensweg sicherer und wohlgefälliger fortsetzen konnte — alle diese Erkenntniß, die ich als die einzige menschenwürdige ansehe, übt einen beruhigenden Einfluß auf mich aus. Sie sagt mir, du hast ein unschätzbares Gut, für welches du unentwegt auch die Mißachtung der Welt, der ungerechten, der Wahrheit ermangelnden, tragen mußt, und durch die heilsame Wirkung dieser Erkenntniß fühle ich mich hinreichend entschädigt, sie will ich meinen Kindern treu bewahren und in ihre empfänglichen Seelen pflanzen. Dies ist es, was mich gegenwärtig unablässig bewegt, und nun, theure Freundin, sage mir, was Du davon hältst. Es können ja diese häßlichen Erscheinungen auch an Dir nicht unbemerkt vorübergegangen sein, und auch Du mußt eine seelische Stellung zu ihnen eingenommen haben. Mit welcher Ungeduld erwarte ich Deine Antwort! II. Paula an Klara. Dein Brief mußte mich schmerzlich berühren, da ich daraus ersah, daß Du leidest; dann aber erfreute er mich auch, weil ich aus ihm wieder einmal erkannte, welche Liebe und welches Vertrauen Du zu mir hegst. Darin laß uns beharren alle Zeit. Daß auch ich unter den Unbillen leide, welche die Gegenwart unserer Religionsgenossenschaft bereitet, setzest Du richtig voraus. Aber sie bedrücken mich auch deßhalb, weil sie bezeugen, wie sehr die Menschen unsrer Tage rückgängig sind auf dem Wege des Rechtes und der Humanität. Es ist eben der Zickzackgang, in welchem die Menschheit sich vorwärts bewegt; man wird nach der Seite gedrängt, während das Ziel klar vor uns liegt. Du weißt, theure Freundin, wie ich jede religiöse Ueberzeugung über alles schätze, sobald sie mit Wahrheit und Aufrichtigkeit verbunden ist. Hat Jemand seinen Glauben verloren und erklärt sich für confessionslos, so bedaure ich ihn, kann ihn aber dennoch achten, weil er die Wahrheit spricht, selbst wenn er das mißkennt, was in der Tiefe seiner Seele eingeschlummert ist und eines Tages doch wieder erwachen dürfte. Wenn aber Jemand, ohne von innerer Ueberzeugung gedrängt zu sein, zu einer anderen Religion Übertritt, so trifft ihn meine ganze Verachtung: er belügt die Kirche, zu der er Übertritt, er treibt ein frevelhaftes Spiel mit dem allerheiligsten Gott und den religiösen Neigungen seiner Mitmenschen, um einen schnöden Handel abzuschließen. Bei den Antisemiten hilft ihm dies nichts, denn in ihrem blinden Rassenhasse wüthen sie gegen die getauften Juden nicht minder als gegen die treu gebliebenen. Sie mehren ja die Conkurrenz, die jene so überaus fürchten. Um so mehr, theure Freundin, hat mich Dein aufrichtiges Glaubensbekenntniß und der Trost beglückt, den Du darin findest. Ich mag Dich darin nur mit aller Kraft bestärken, es ist ein neues sympathetisches Band, das sich um uns beide schlingt. Doch lebt in mir noch ein anderes Moment. Du kennst meine Neigung, vom Einzelnen auf das Allgemeine zu blicken. Meine Umgebung, Vater und Bruder, haben mich zu dieser Gewöhnung angeleitet. Besteht doch meine Lektüre vorzugsweise in Geschichtsbüchern, Memoiren und Werken über Völkerkunde. Da ist es denn natürlich, daß meine Blicke von jeher auf die Geschichte unsres Volkes fielen, dieses Volkes, das von den Quellen des Euphrat zum Nil, von diesem zum Jordan und vom Jordan über alle Länder der Erde gezogen. Dieses Volk faßte und entwickelte eine eigene religiöse und sittliche Weltanschauung und hielt diese aufrecht bis zum heutigen Tage. Darum machten alle Völker des Alterthums Chorus gegen dasselbe, aber mit wahrem Heldenmuthe, mit wahrer Begeisterung für seine hohe Idee leistete es allen Angriffen Widerstand und nahm sie, als es zertrümmert und zerschlagen ward, in alle Länder mit. Darum schrieb ihm Tacitus Haß gegen das Menschengeschlecht zu, während es doch zuerst die Nächstenliebe als unerschütterlichen Grund aller Sittlichkeit verkündete. Als nun an seiner Flamme sich die Fackeln für das Abend- und Morgenland entzündeten, wollten diese das Licht nicht bestehen lassen, von welchem sie das ihrige entlehnt hatten, wohl in dem Gefühle, daß eine solche Leuchte die ihrige schwächen oder gar verschwinden machen könnte. Ein neuer furchtbarer Chorus gegen dieses Völkchen und seine Lehre. Ich brauche nichts weiter von den traurigen Kämpfen und Märtyrern unseres Volkes während des Mittelalters bis zur Neuzeit zu sagen. Und ist nun dieser Antisemitismus etwas Anderes, als ein Glied in der langen Kette des Ansturms gegen uns wegen der religiösen Ueberzeugung, die wir allen Anderen gegenüber aufrecht erhalten? Der Blick auf die Geschichte lehrt uns dies, und wir können uns kaum wundern, daß nach einer lichten Zeit wieder eine Periode der Verdunkelung eingetreten. Diese Ansicht gewährt mir zweifache Tröstung. Sie überzeugt mich, daß unser Stamm eine weltgeschichtliche Mission hat, die er durch seine Treue für seine Lehre alle Zeiten hindurch erfüllt hat. (Ein gelehrter Freund hat mir dafür die Bezeichnung „Photodotes" „Lichtgeber" angegeben.) Ein solcher, immer und von allen Seiten wiederholter Kampf

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