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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-07-14 · Heft 7 (14.7.1889) · p. Seite 104

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 7 (14.7.1889)
Date
1889-07-14
Page
Seite 104 (sequence 8)
Language
German
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104 Berlin, 1. Februar. (Privatmitth.) Die Cvuservaüven müssen das Bedürfniß fühlen, ihren Antisemitismus zu erklären und doch auch die Besorgniß auszusprechen, daß durch ihr eigenes Vorgehen, dadurch, daß sie jenen als einen Theil ihres Programmes erklären ließen, recht viele conservativ gesinnte Italiener in das entgegengesetzte Lager drängen — sonst würde es nicht erklärlich sein, wie Herr von Kardorff in der gestrigen Sitzung des deutschen Reichstages die antisemitische Bewegung in den Antrag der Socialdemokraten aus Aufhebung der Getreidezölle hineinbringen konnte. Herr von Kardorff ist einer der Väter der jetzigen Zollpolitik, insbesondere der Getreidezölle, und daß er demnach die Aufhebung derselben bekämpft, ist selbstverständlich. Er fügte nun hinzu: „Aber auch der antisemitischen Bewegung, die im Grunde unseren Grundsätzen der Duldsamkeit widerspricht, würde eine Aufhebung der Getreidezölle Vorschub leisten. Sie gewinnt an Umfang und Intensität, je mehr jüdische Conservative durch sie in das fortschrittliche Lager getrieben werden, aber sie ist ein Symptom, daß rrgend etwas in unserer wirtschaftlichen Entwickelung krank ist." Er schloß feine Rede: „Gegen die Getreidezölle aber können nur diejenigen stimmen, welche ein Interesse daran haben, Noth und Unzufriedenheit unter der Arbeüerbevölkerung zu mehren uud die antisemitische Bewegung zu stärken, von welcher allerdings einige Parteien auch Vortheile erhoffen." Diese Parteien können nach der Meinung Kardorff's nur die Fortschrittler und Socialdemokraten sein. Welcher Zusammenhang zwischen der Aushebung der Getreidezölle und der antisemitischen Bewegung bestehen soll, ist Nicht ernsichtlich. Wir können daher die Worte des conservativen Abgeordneten nur so erklären, wie wir am Anfang dieses Ariikels es angedeutet haben. Berlin, 4. Februar. Es ist offenbar, Stöcker verfolgt jetzt eine andere Politik. In Volksversammlungen erscheint er nicht mehr, er bedient sich einer feineren Ausdrucksweise und seine Judenhetze ist zahmer geworden. Dres wird bereits von seinen brsyerrgen Anhängern empfunden. Der Zweck dieser Wandelung ist unschwer zu finden. Früher glaubte Stöcker dte gelausten Juden eben so verfolgen zu müssen, wie die Juden. Jetzt ist es anders. In der gestrigen Versantmlung der Chripltch-Soctalen kam es zu Auselnanc-ersetzungen zwischen Stöcker und den „reinen" Antisemiten. Tie „Post" berichtet darüber: Als Thema des Abends war geuähtt worden „August Neanoer, Israelit und Christ." Im Anschluß an ein Lebensbild Neander» versuchte der Referent, Hofprediger Stöcker, nachzuwersen, daß es auch Ju den giebt, die nach erhaltener Taufe wirklich echte Christen und wahrhafte Deutsche werden. Der Redner schildert eingehend die Nathanaelsgestalt Neander's und berührte u. A. auch des großen Theologen Standpunkt zur Judenfrage in der Erwägung, daß ein getaufter Jude gerade hier als klassischer Zeuge gelten könne. (Durchaus nicht, denn er würde anders gegen sich selbst zeugen! Red.) Neander hat sich bekanntlich in einem bestimmten Fall, wo es sich um die Anstellung eines jüdischen Philologen als Oberlehrer am Gymnasium zum grauen Kloster handelte, für principielle Unzulässigkeit aller nicht christlichen Lehrkräfte ausgesprochen. (Neander war bekanntlich in allen Verhältnissen der Welt und des Lebens völlig unzurechnungsfähig. Red.) In dem Schlußwort verwies der Referent dann noch mit besonderer Betonung darauf, daß gerade in einer Zeit, wie die jetzige, wo man unwillkürlich das Gefühl habe, als ob man auf einem Vulkan stehe, nicht mittelparteiliche Scribenten, sondern solche lautere Christen gebrauche, wie Neander und neben ihm Stahl u. A. gewesen seien. Nach dem Vortrage wurde folgende Frage dem Vorstande überreicht: „Was will Herr Hofprediger Stöcker eigentlich mit seinem Vortrage sagen? (Der Mann hat Recht. Was wissen die Meisten in solcher Versammlung von Neander und was interessirt sie dieser Kirchengeschichtslehrer! Red.) Neander's Ausnahme bestätigt doch nur die Regel. Will Herr Stöcker die Juden taufen? Alle Juden bürgen für einander." Hofpr. Stöcker: „Solche Fragen zeigen, daß es Antisemiten giebt, mit denen eine Verständigung sehr schwer ist. Für einen Standpunkt, wie er hier wieder zu Tage tritt, fehlt mir jedes Verständniß, wenn doch die lieben Freunde bedenken wollten, daß alle zwölf Apostel ursprünglich Juden waren, und daß das Christenthum überhaupt aus dem Judenthum hervorgegangen ist. (Ei, ei, Herr Stöcker, haben Sie das früher nicht gewußt'?.' Reo.) Uebertreiben Sie doch nicht, Sie schaden nur der Behandlung der Frage. (Lebhafter Widerspruch der Antisemiten.) Ihr Standpunkt ist unwahr, unchrrstlich und unedel. (Zuruf: Wo bleibt da das Nationalgefüyl?) Das Narioualgesühl bleibt in der Brust der Juden, die Christen werden. (Gelächter und Zwischenrufe.) Was sollen die Zwischenrufe? Halten Sw doch einen andern Vortrag dagegen und verteidigen Sie ihre Sache. (Beifall. Zuruf: „Juoengenossen!") Das ist entschieden ein Fehler, daß Sie >ich nicht dazu verstehen können, eine Person wie Neander anzuerkennen, ich verstehe das nicht und schön finde ich es auch nicht." Alsdann schloffen die Verhandlungen. Berlin, 6. Febr. (Privatmitth.). Die Bemerkung des Abg. von Kardorff im Reichstage, daß die Aushebung der Getreidezölle den Antisemitismus stärken würde, hat jetzt dahin ihre Erktärung gesunden, daß dieser durch Logik nicht eben ausgezeichnete Abgeordnete meint, durch die Aufhebung der Getreidezölle würden viele Landwirtye gezwungen werden, ihren Grundbesitz zu veräußern, dieser würoe in die Hände von Juden übergehen und es würde dadurch die Antipathien gegen diese verstärkt werden. Es geht dies aus der Antwort

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