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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-07-14 · Heft 7 (14.7.1889) · p. Seite 102

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 7 (14.7.1889)
Date
1889-07-14
Page
Seite 102 (sequence 6)
Language
German
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102 benden und Todten könnten auch eigens hierfür besoldeten Leuten übertragen werden. Allein abgesehen davon, daß es für die betreffenden Familien ebenso ehrend als tröstlich sein muß, ihre Angehörigen von der Hand uneigennütziger, theilnehmender Liebe, anstatt von Miethlingen behandelt zu sehen, zeugt jene Aeußerung von Unkenntniß jüdischer Satzungen, von Unbekanntschaft mit jüdischem Geist und Wesen. So wie manchen anderen Satzungen und Gebräuchen der jüdischen Religion eine tiefe Bedeutung zu Grunde liegt, indem sie Symbole sind, welche Wahrheiten versinnlichen, an Wahrheiten erinnern sollen, ebenso auch bei den Gebräuchen der Beschäftigung mit den Todten. Jenes Waschen und Reinigen, jenes Bekleiden mit Todtengewändern und dem Talith, was von unseren Vätern mit so viel heiligem Sinn und frommem Ernst verrichtet wurde — o, es hat eine tiefe Bedeutung! Es ruft uns vor Allem zu: oinh hn n~c „Im Ebenbilde Gottes schuf er den Menschen", also der Mensch ist ein Geschöpf, das unverwischbare Spuren seines himmlischen Schöpfers an sich trägt und bestimmt ist, ihm immer ähnlicher zu werden, wie ein Kind seinem Vater. Mit dieser Gottesähnlichkeit und Gotteskindschaft des Menschen ist aber nicht bloß seine Seele, sondern auch sein Leib als die Offenbarung jenes sich selbstbewußten und sich selbstbestimmenden gottähnlichen Bandes, das wir Seele nennen, erhoben und geadelt. Daher bleibt dieser Leib, auch nachdem das seelische Leben aus ihm gewichen, immerhin ein Gegenstand unserer Achtung und Werthschätzung; denn er ist ein heiliges Gefäß, in welchem das Licht Gottes brennt oin riDiyj crni’N *ij, ein Organ, ein Werkzeug, durch welches cs der Seele möglich wird, sich Lehre und Gebot anzueignen, sich zu vervollkommnen, um zur wahren Bestimmung zu gelangen, der Ewigkeit entgegen zu reifen. — Und ist nicht der menschliche Körper ein sichtbarer Ausdruck seines innewohnenden Geistes? Trägt nicht öfters seine Stirne das Gepräge der Weisheit? Spiegelt sich nicht manchmal in seinem Auge die Güte des Herzens? Strahlt nicht manchmal sein Antlitz von himmlischer Begeisterung? Und sind nicht seine Gliedmaßen dazu eingerichtet, um durch ihr Wirken und Thun Gott zu loben und zu verherrlichen, nach dem Ausspruche: „Alle meine Gebeine sprechen: Herr, wer ist dir gleich!" — Und jenes rituelle Waschen und Reinigen ruft uns zu: „Der Staub kehrt zurück zur Erde, woher er ward, der Geist aber kehrt zurück zu Gott, der ihn gegeben hat." Hinter der irdischen Welt geht eine geistige auf, wo einem Jeden vergolten wird nach seinen Thaten, und wo der Unreine und Sündenbefleckte geläutert und gereinigt wird, bis auch er rein ist und der Anschauung Gottes theilhaft werden kann. Die Reinigung des Körpers ist ein Symbol der Seelenreinheit und zugleich ein Gebet für den Verstorbenen, daß ihm Gott seine Sünden vergeben -und seine Seele reinsprechen möchte, so wie wir jetzt seinen Körper reinigen. Solche Sitten und Gebräuche erhielten den Glauben an Unsterblichkeit und an Vergeltung im künfligen Leben kräftiger und dauerhafter als alle Belehrungen in Wort und Schrift; sie waren eine lebendige und anschauliche Unterweisung durch die That. Der Unsterblichkeitsglaube hat sich im Judenthume nicht bloß durch Wort und Schrift, sondern noch weit mehr durch Sitten und Gebräuche befestigt; er ist eine Tradition, die insonders in den symbolischen Handlungen bei Sterbenden und Todten ihren kräftigsten Ausdruck findet. Und dieser Verein ist gleichsam der Vertreter dieses Unsterblichkeitsglaubens. Die Mitglieder desselben sagen dem Sterbenden auf seinen Wunsch das Sündenbekenntniß vor, damit er reumüthig und versöhnt mit Gott und Welt von hinnen scheidet. Ferner sagen sie ihm jene Worte vor. welche einst seine frommen Eltern auf seine reinen kindlichen Lippen legten und die bei seinem Entschlafen ebenso rein ausgesprochen werden sollen, wie bei seinem kindlichen Erwachen, nämlich die Worte: Vn-cp’ j/asy inx 'n 'n „Höre Israel, der Ewige unser Gott ist ein einig-einziges Wesen." Ich schließe diesen Aufsatz mit dem Wunsche, daß derselbe bei den Lesern den Sinn für die Chevra Kadischa beleben möge, und mit der Hoffnung, daß die Chevroth Kadischoth im Judenthume fortbestehen möchten für und für. — Wolfenbüttel, im Februar. Zur definitiven Anstellung der jüdischen Lehrer. Bon Gustav Eichengrün. Die „Allgemeine Zeitung des Judenthums" hat in einer ihrer jüngsten Nummern die ewig neue Frage über die definitive Anstellung der jüdischen Lehrer behandelt. Es ist unbestreitbare Thatsache, daß der jüdische Lehrerstand durch die definitive Anstellung an Autorität gefördert und gehoben wird. Wir wissen auch, daß die Regierung da, wo von Seiten der Gemeinde die Oeffentlichkeitserklärung der Schule angestrebt wird, ein freundliches Entgegenkommen zeigt. Die Gemeinde allein ist es, die ihre Schule dem Staate nicht in die Hände liefern will, nicht etwa aus allgemeinen politischen Bedenken, sondern ganz einfach deshalb, weil der Vorstand sein vermeintliches souveränes Recht nicht verlieren will. Reben meinem regen Interesse für die Sache, habe ich auch aus psychologischer Neugierde Vorstandsmitgliedern der verschiedensten Gemeinden die Frage vorgelegt: „Warum wollen Sie Ihre Schule nicht zu einer öffentlichen erklären lassen?" Theils offen und ehrlich, theils versteckt und durch die Blume gesprochen, erhielt ich immer nur die eine Antwort: „Wir

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