Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 7 (14.7.1889)
- Date
- 1889-07-14
- Page
- Seite 101 (sequence 5)
- Language
- German
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101 die größte Opferwilligkeit für ihre Mitmenschen gefordert wurde. Lesen wir die Statuten (nupn) dieser Chewras, wie sie in früheren Jahrhunderten festgestellt wurden, was finden wir da? Wir finden, daß die Mitglieder derselben sich verpflichteten, oder durch ein besonderes Gelübde auf sich nahmen: die Kranken zu besuchen und ihnen mit Rath und That beizustehen; bei Schwererkrankten, deren Auflösung nahe ist, Tag und Nacht abwechselnd zu wachen, mit ihnen zu beten und sie zu stärken auf ihrem letzten Gange; dann aber in Liebe Sorge dafür zu tragen, daß ihr Verscheiden in dem israelitischen Bekenntnisse des Einen-Einzigen erfolge, mfo incBO NsnB'. Ferner verpflichteten sie sich, die Todten, unseren heiligen Gebräuchen gemäß, zu waschen, zu reinigen, mit den Todtengewändern zu bekleiden, ihnen die Särge zuzufertigen, das Geleite nach dem Begräbnißplatze zu geben und ein ehrbares Grab zu bereiten. Dabei vergaßen sie nicht den Ausspruch der Mischna: cfc -xo nun „das Studium der Thora übertrifft Alles", und setzten fest, in Zusammenkünften dieses Siudiums sich zu befleißigen, um eine Richtschnur zu gewinnen für das Leben und eine Aufmunterung zu den übernommenen schweren Pflichten. Das war die heilige Aufgabe, welche sich unsere frommen Väter stellten und im reichsten Maße erfüllten. Ich sage: schwere Pflichten; denn jene Beschäftigung mit Sterbenden und Todten, sie hat für unsre sinnliche Natur nichts Einladendes, sie widerstrebt ihr vielmehr; sie ist abschreckend, niederschlagend. Oft verbreiten Leichen einen üblen Modergeruch, und bei ansteckenden Krankheiten erregen sie noch überdies Furcht vor Ansteckung. Dabei opferten die Mitglieder dieser Chewras Ruhe und Bequemlichkeit, und indem sie öfters mitten aus den Beschäftigungen ihres Berufes gerissen wurden, auch Zeit und Gewinn. Was bewog sie aber zu solcher Entsagung, zu solchen Opfern? etwa zeitliches Entgelt, Anerkennung, Ehre bei den Menschen? Bekanntlich machten sie auf dergleichen keinen Anspruch, und dergleichen wurde auch ihnen nicht zu Theil. — Gott zu dienen, ihm nachzuwandeln, die Thora und die frommen Bräuche zu bewahren und die Sünde zu meiden, das waren ihre Beweggründe. vyw' s'-,i ‘od^d 'n uppmo 'n xddib' „Der Ewige ist unser Richter, unser Gesetzgeber, unser König, und er wird uns helfen". Ihm wollen wir dienen, seine Gnade, sein Wohlgefallen sollen und wollen wir uns erwerben. Können wir dies besser, als wenn wir ihm nachwandeln? Freilich nicht auf den Bahnen, auf denen seine strahlende Majestät schreitet, auf den Wegen, die er mit uns durch das Leben geht, wie der Talmud (Sota 14) sagt: "jW itPSix 01 wbn 'n •hhn 'i;i D'^-.n;xin r.o miTD in« -j^n nPn totd. Also nicht dadurch können wir schon der Aufforderung der Thora (5. B. Mos. 13. 5) „Gott nachzuwandeln" Genüge leisten, wenn wir den Armen Almosen spenden (np-y), sondern erst dadurch, daß wir unfern Nebenmenschen die volle Liebe erweisen (cnon So sagt der Talmud (Sukka 49) npian in -iny n'J r^i~n „Die volle Liebeserweisung umfaßt mehr als Almosen spenden". Almosen giebt man bloß von seinem Gelbe, aber Liebe erweist man sowohl mit seinem Gelbe als mit seinem Körper, mit seinem eigenen Wesen und Sein. Almosen wird nur Armen und Lebenden gespendet, aber Liebe erweist man sowohl Armen als Reichen, sowohl Lebenden als Todten. Um also die Pflicht, Gott nachzuwandeln, durch vielseitige Liebeserweisungen zu erfüllen, traten unsre Väter in solche Vereine und förderten ihre Zwecke. — Der zweite Beweggrund war bei ihnen die Erhaltung der Thora und der heiligen Bräuche der Väter. Was würde aus unsrem Glauben werden, wenn das Wort der Thora aus unsrer Mitte schwände? Lp p-O' |i:n )'N3 „Ohne Offenbarung geht das Volk in der Irre". Und würde nicht mit unserem Glauben auch unsre Würde als Mensch und Jsraelite, unsre Hoffnung im Leben, unser Trost im Tode untergehen? Darum wohl uns, daß wir noch Vereine unterhalten, in denen das Wort der Thora gelehrt, gehört wird, und in denen manche heilige Gebräuche geübt werden, die so mächtig an Gott, an des Menschen Würde, an seine Unsterblichkeit und an die Läuterung und Vergeltung im andern Leben erinnern. 1) Aber auch die Sünde zu meiden, ist ein Beweggrund der Mitglieder dieser Vereine gewesen. Die Doppelnatur des Menschen, die sinnliche und die sittliche, welche seine Würde und Bestimmung bedingt, ist auch die Quelle zu seinen sittlichen Verirrungen. Oft ist es die Unkenntniß des Gesetzes, oft sittliche Schwäche, oft aber auch sind es Leichtsinn und Trotz, welche zur Sünde verleiten. So sehen wir denn tagtäglich, wie Würde und Seligkeit der Genußsucht, der Habgier und der Ruhmsucht geopfert werden. Unsre Väter haben aber eingesehen, daß oft nur der Gedanke an das Grab vor solcher Ausartung bewahren kann. So sagt der Talmud (Berachoth 5): „Zittert und sündigt nicht! Wenn Du des Leibes Begier nicht überwinden kannst, beschäftige Dich mit der Thora, denke an Gott, denke an den Tod, und der Aufruhr wird in Dir zum Schweigen gebracht." — Giebt es aber reinere, erhabenere und göttlichere Beweggründe, als Gott zu dienen und ihm nachzuwandeln, die Thora und die frommen Gebräuche der Väter zu erhalten und die Sünde zu meiden? Gewiß nicht! —Da hören wir in der jüngsten Zeit öfters die Aeußerung, alle jene Verrichtungen bei Ster- I) Ein anderes Mal werde ich dies nachzuweisen suchen.