Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 7 (14.7.1889)
- Date
- 1889-07-14
- Page
- Seite 100 (sequence 4)
- Language
- German
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100 „Gott der Ehre" (29, 3.) und als: „König der Ehre" (24, 8.) gefeiert. Andrerseits wird die Anbetung und Verehrung Gottes als die Ihm dargebrachte Ehre bezeichnet; Gebet, frommer Gesang findet den Ausdruck in: „Bringet dem Ewigen Ehre!" wie häufig in den Psalmen. — Daß nun die Ehre dem Menschen überhaupt zugesprochen wird, besagt nicht blos 1. Mos. 31, 1, sondern besonders hebt dies der Psalmist 8, 6. hervor: „Du kröntest ihn mit Ehre", d. h. mit der Gottebenbildlichkeit, dem Selbstbewußtsein, der Willensfreiheit und dem Verstände, durch welchen er, wie der Psalmist weiter ausführt, die Herrschaft über alle Geschöpfe der Erde erlangt. Diese Ehre erstreckt sich auf alle Völker, jedes Volk hat seine Ehre (Jes. 11, 10. 61, 6. 66,12.), wie denn auch „die Ehre Mvabs" erwähnt wird. Insbesondere aber ist das Volk Israel der Ehre gewürdigt und zwar durch die Gotteslehre, die Erkenntniß und Anbetung des Ewigen (Jesaias 17, 3. 4.; Jerem. 2, 11.; Micha 1, 15.). t So heißt es 2. Mos. 29, 43.: „Israel wird geheiligt durch meine Ehre", vgl. 1. Sam. 4, 21. Deshalb drohen die Propheten, daß die Ehre Israels in Schande verwandelt werde (Jes. 4, 7.; Habak. 2, 17.). Der Psalmist frohlockt über die Ehre, „die in unserem Lande wohnt" (85, 10.). Aber auch von der Ehre Ephraims und der Ehre Schamrons wird gesprochen (Jes. 9, 11.; Hosea 10, 5.). Jnsonders wird der Tempel „der Thron der Ehre" genannt (Jer. 17, 12.; vgl. Hag. 2, 3. 7. 9.). Aber auch den einzelnen Ständen wird eine Ehre zugeschrieben, so die Ehre der Könige (Jes. 14, 18.). der Aeltesten (Jes. 24, 23.), des Hauses der Väter (Jes. 22, 23. 24.). Die Edlen werden die Ehre des Volkes genannt (Jes. 5, 13.). Bei einem so poetisch gestimmten Volke, wie das israelitische war, mußte dieser in ihm wurzelnde Begriff der Ehre auch auf leblose Dinge übertragen werden, die sich in seinen Augen auszeichneten. Daher wird betont: „die Ehre des Waldes" (Jes. 10, 18.), bestehend in den hochragenden Bäumen, Zeugen vergangener Jahrhunderte, des Libanon (60, 13.) mit seinen in den Himmel strebenden Gipfeln und Zinnen, des Carmcl (Jek. 35, 2.) mit seinen schroff über das Meer sich erhebenden Felswänden. — Aber auch im subjectiven Sinne wird jedem Individuum die Ehre als ein Ziel seines Strebens, als ein hohes Besitzthum hingestellt und zuertheilt. Man trifft hier die Ehre neben Reichthum und Macht als Güter des irdischen Lebens aufgeführt. Aber es wird auch zwischen Ehre und Reichthum genau unterschieden. Von Salomo wird gerühmt, daß er weder die Ehre, noch den Reichthum, sondern die Weisheit gewählt habe (1. Kön. 3, 13.). In den Sprüchen heißt es, daß „holdseliges Weib Ehre erhält, Reichthum dagegen erlangen Gewaltthätige" (11, 16.). In den Sprüchwörtern des Volkes spiegeln sich dessen Begriffe am klarsten ab. Da heißt es (3, 45.): „Ehre erhalten die Weisen, die Thoren Schande"; die „Demuth bringt Ehre" (15, 33.); „Ehre erlangt, wer nach Recht und Liebe strebt" (21. 21.); „Ehre erhält, wer vom Streite abläßt" (20, 3.) Der Spruchredner warnt davor, den Thoren keine Ehre zu bezeugen (26, 8.); aber indem er den Ehrgeiz verwirft, sagt er sinnig: „Die Ehre muß das Maß der Ehre sein" (25, 27.), so daß also Derjenige, welcher Ehre verdient, diese nicht über das Maß hinaus, das ihm gebührt, verlangen soll, sondern fühlen müsse, wie weit er sie verdiene. Ferner bemerkt er, daß der ob seiner Weisheit Geehrte auch einen Tropfen Thorheit vermeiden müsse (Koh. 10, 1.), weil er sonst Gefahr läuft, auch die Ehre seiner Weisheit zu verlieren. Schon der Psalmist verurtheilt die Ehre, die dem bloßen Reichthum gespendet wird (49, 17. 18.) Deßhalb bedauert Hiob besonders, daß er der Ehre entkleidet sei, der Psalmist, daß seine Ehre in den Staub getreten werde (7, 6.) Aber er erhebt sich darüber, da er seine Ehre bei Gott sieht (62, 8). Gewiß, die Erhaltung seiner Ehre lag dem Israeliten sehr am Herzen. Daher ruft Jakob in seinem Testamente aus: „Meine Ehre komme nicht in die Versammlung der gewaltthätigen Levy und Simeon" (I. Mos. 49, 6.), weil sie daselbst entehrt würde. Jemanden Ehre zu bezeugen ist Pflicht (4. Mos. 24, 11.). Aber die wahre Ehre hängt nicht vom äußeren Stande des Menschen ab, und oft sieht man durch den Wandel des Geschickes niedrig Stehende „auf den Thron der Ehre" erhoben, wie es eben der Rathschluß des höchsten Lenkers unserer Geschicke anordnet (1. Sam. 2, 8. Jes. 22, 18.). So innig und tief wohnte der Begriff der Ehre im Israeliten, daß bisweilen „Ehre" für Seele und Gemüth gebraucht wird (Ps. 57. 9. 108, 2.); „meine Ehre frohlocket" (Ps. 16, 9.) — Wir glauben, daß nach dieser übersichtlichen Auseinandersetzung schwerlich Jemand noch behaupten könne, daß dem Volke Israel der Begriff der Ehre, und zwar vom höchsten sittlichen Gesichtspunkte aus, gefehlt habe. Und doch sind wir bis hierher nur dem Worte ~'2d nachgegangen und kommen nun erst zu dem Gebrauche des Zeitwortes (Schluß folgt.) Darmstadt, im Februar. Die Ehewra Kadischa und ihre Bedeutung. Von M. Mannheimer. Unter den Wohlthätigkeitsvereinen, die seit undenklichen Zeiten in den jüdischen Gemeinden entstanden, indem sie zu den wesentlichen Einrichtungen derselben gehörten und ihnen ein unentbehrliches Erforderniß erschienen, nimmt die Chewra Kadischa, die heilige Genossenschaft der Liebeserweisungen, oder, wie sie manchmal genannt wird, die Begräbniß-Bruderschaft (cn-Dp 1« nnon nimp N'-an) den ersten Rang ein, da von ihren Mitgliedern die edelste Hingabe,