Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 7 (14.7.1889)
- Date
- 1889-07-14
- Page
- Seite 98 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227771-3227779--45979-3265516- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
98 Versuchen, ihm Straßenovationen zu bringen, waren sie betheiligt. Allbekannt ist es auch, welchen großen Antheil auf den russischen Universitäten die Studenten an der nihilistischen Bewegung nehmen. — Jndeß ist diese Erscheinung nicht ganz neu. Wer kennt nicht die politischen Tendenzen, welche die deutschen Burschenschafter in den zwanziger Jahren verfolgten, und für die sie eine Vereinigung auf allen deutschen Universitäten zu bewirken strebten. Es war ein trauriges Ende, welches dieselben durch die polizeilichen und strafrechtlichen Maßregeln der damaligen Regierungen nahmen. Auch hier war ein fühlbar gewordenes Moment des Ultradeutschthums eine Hetze gegen die Juden, die an einigen Orten auch zu argen Thätigkeiten führte. In Paris waren es die Zöglinge der polytechnischen Schule, welche die Julirevolution von 1830 einleiteten, die Tricolore entfalteten und am Straßenkampfe einen starken Antheil nahmen. Eine recht große Rolle spielte die Wiener Universität in der Märzrevolution von 1848, und auch in Berlin trat damals die Studentenschaft als politische Gruppe auf. — Jeder Einsichtsvolle wird diese Erscheinung bedauern. Junge Leute, welche eben von der Schulbank gekommen, wo sie sich mit der Grammatik der klassischen Sprachen plagten, sind schwerlich dazu berufen und befähigt, ein richtiges politisches Urtheil zu haben, oder gar in die wirklichen Verhältnisse einzugreifen. Gewiß kann in unsrer Zeit, wo das politische Bewußtsein in allen Schichten des Volkes so rege ist, auch die studirende Jugend nicht gleichgiltig bleiben und hat gewissermaßen selbst die Pflicht, sich mit dem Gange der Ereignisse bekannt zu machen und eine Ueberzeugung in politischen und socialen Dingen zu erwerben. Das reicht in der Gegenwart sogar bis in das Knabenalter hinab und ist keine besondere Aufgabe für die Studirenden. Als eine Anmaßung aber muß es erachtet werden, wenn diese Jugend, die vom wirklichen Leben noch so wenig kennt und über ihren engen Schulkreis hinauszublicken noch nicht gelernt hat, sich ein reifes Urtheil zuschreibt und mit ihren Armen und Schlägern für irgend eine Partei eine öffentliche Rolle spielen will. Ein anderer Nachtheil, der hieraus erwächst, ist, daß viele dieser jungen Leute sich auf diese Weise in eine Partei verrennen und dadurch, da ja die Verhältnisse und Strömungen wechseln, früher oder später im Leben in Conflicte gerathen, mancher von ihnen auch frühzeitig zu Grunde geht. Der größte Schaden wird aber dadurch verursacht, daß diese politische Kannegießerei und dieses Treiben vom Studium abzieht. Unsre Universitäten leiden schon genug an Veranlassungen und Gelegenheiten, statt der Studien, dem Müßiggang sich zu ergeben und schädlichen Genüssen nachzugehen: das Politisiren und derartige Vereine mit ihren Versammlungen vermehren nur das Kneipenleben. Studirende sind zum Studium da, sich allgemeine wissenschaftliche Bildung und ausreichende Kenntnisse rn ihrem; Specialfache zu erwerben. Haben sie dies erreicht, wenigstens in einem Maße, welches den gerechten Anforderungen genügt, so kommt auch für sie die Zeit, wo sie ihre bürgerlichen Pflichten erfüllen können. Die Zeit geht schnell vorüber, und die vier Studienjahre sind dahin, ehe man sich dessen versieht. Hier ganz besonders gilt der alte Satz, mit welchem Hippokrates seine Aphorismen beginnt: „Die Kunst (Wissenschaft) ist lang, das Leben kurz, die Gelegenheit schnell vorübergehend und der Versuch gefährlich." Um so mehr ist es zu verurtheilen, daß sich an vielen dieser Universitäten Professoren finden, welche aus Sucht nach Popularität und vielen Zuhörern die Führerrolle bei diesen studentischen Parteiungen übernehmen. Gerade bei den antisemitischen Studentenvereinen in Berlin, Leipzig und Breslau war dies der Fall. Gewisse Universitätslehrer trugen diesen Vereinen die Fahne voran und schmeichelten ihnen mit dem Zugeständniß, daß sie auf dem rechten Wege seien. Es ist dies Alles sehr zu beklagen, und Abhilfe zu schaffen ist Niemand bereit. Höchstens droht man ihnen einmal, aber in so milder Weise, daß es mehr aufzumuntern, als abzuschrecken scheint. Wir wissen sehr wohl, daß auch unsere Worte fruchtlos sein werden, aber bei unserem Bestreben, das Bild der Gegenwart in seinen charakteristischen Zügen vollständig zu zeichnen, konnten wir auch an dieser Erscheinung nicht vorübergehen. Ja, dieses alte Europa gleicht einem großen Schiffe, das mühsam durch den Wogendrang eines gewaltig erregten Oceans zu fahren hat. Das Fahrzeug mit seiner übergroßen und mannigfachen Bemannung rollt aufs Stärkste. Denn bald stürmt der Wind von links, bald von rechts auf dasselbe ein und beugt es fast bis an seinen Rand auf die Fläche des Wassers. Mächtige Spritzwellen fahren über das Verdeck hmweg und spülen, was nicht fest angefchlossen ist, über Bord. Das größte Uebel aber ist, daß das Steuer bald von dieser, bald von jener starken Hand ergriffen und geführt wird, und zwar wider Willen des größten Theils der Bemannung. Welche Unruhen, welche Verwirrung! Doch ohne Bild. Unsre Zeit wird dereinst von der unparteiischen Geschichte als eine Periode steter Wandlungen und schroffer Gegensätze dargestellt werden, die einander bekämpfen, aber nicht überwinden, denn sie siegen und unterliegen wechselseitig. Man tröstet sich mit dem Gedanken, daß es eine Zeit des Ueberganges sei, die doch einmal wieder zu fester Gestaltung führen werde. Die Aussicht dazu ist noch trübe. Was die eine Partei als ihr Ziel aufstellt, verwirft die andere gänzlich, und jede Partei bekennt doch nur scheinbar ein und dasselbe Ziel, denn sie spaltet sich wieder in die mannigfaltigste Gedankenreihe. Es steht eben nichts fest, sondern befindet sich in beständigem Wandel und Wechsel. Fürwahr, da sehnt sich das Gemüth nach irgend einem Ort, zu dem! es sich flüchten könne und wo es Ruhe und Stärkung finde. Doch